Schwärem von Ohrenquallen (Aurelia aurita) schwimmen in der Ostsee. Sie sind in diesem Jahr viel früher als sonst da. | Bildquelle: dpa

Nesseltiere in der Ostsee Invasion der Quallen

Stand: 22.07.2020 13:54 Uhr

Warme Winter und besonders salziges Wasser: Das sind optimale Bedingungen für Quallen. Ungewöhnlich große Schwärme von ihnen schweben zurzeit durch die Ostsee - in diesem Jahr wurden sie früher entdeckt als gewöhnlich.

Sie bestehen zu fast 99 Prozent aus Wasser und bewegen sich majestätisch durch die Strömungen aller Weltmeere: Quallen. Auch an deutschen Stränden werden sie jedes Jahr angeschwemmt - meist im Spätsommer, wenn die größte Hitze schon vorbei ist. Doch in diesem Jahr ist vieles anders. Früher als sonst entdeckten Kieler Biologen riesige Quallenschwärme an der Ostsee.

"Vor drei Wochen haben wir speziell in der Eckernförder Bucht ein sehr dichtes Aufkommen an Ohrenquallen, vereinzelte Feuerquallen und eingeschleppte Rippenquallen beobachtet", sagt die Ozeanografin Cornelia Jaspers, die für das Geomar Helmholtz-Zentrum in Kiel und die Technische Universität in Kopenhagen forscht.

Biologen fürchten ökologisches Ungleichgewicht

Die Gründe könnten nach Ansicht der Wissenschaftlerin Meeresströmungen sein: "Im Winter ist sehr viel salzreiches Wasser aus der Nordsee und dem Kattegat in die südwestliche Ostsee geströmt."

Das habe offenkundig zu dem starken Aufkommen der Meerwalnuss-Rippenqualle geführt, weil die sich in salzigem Wasser besonders wohlfühle. Außerdem habe wohl auch der warme Winter zur vermehrten Fortpflanzung beigetragen. Das Wasser sei etwa fünf Grad warm gewesen - durchschnittlich zwei Grad mehr als in den vergangenen 40 Jahren.

Die Meerwalnuss-Qualle ist 2006 erstmals an der Ostseeküste entdeckt worden, jedoch nach den strengen Wintern vor neun Jahren wieder aus den Gewässern verschwunden. 2014 war sie dann wieder da. Die filigranen Tiere sind nicht giftig und damit für den Menschen ungefährlich.

Weil Quallen auch im Meer treibende Organismen (Zooplankton) fressen, können sie zudem zu Sauerstoffschwund beitragen.

Eine Feuerqualle schwimmt vor der Lübecker Bucht im Wasser. Wegen des milden Winters und der dadurch wärmeren Wassertemperaturen könnte es auch in diesem Sommer zu verstärktem Quallen-Aufkommen kommen. | Bildquelle: dpa
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Eine Feuerqualle schwimmt vor der Lübecker Bucht im Wasser.

Aber nicht nur die Meerwalnuss-Qualle fühlt sich inzwischen in der Ostsee heimisch. Ozeanografin Jaspers hat in diesem Jahr auch bereits die "Blackfordia virginica" entdeckt, die 2014 erstmals im Nord-Ostsee-Kanal gesichtet wurde. Sie kommt ursprünglich aus dem Schwarzen Meer. "Auch sie ist zahlreich vertreten und früher als sonst", berichtete die Wissenschaftlerin.

Die südosteuropäische Quallenart liebt Brackwasser und Gewässer mit niedrigem Salzgehalt. Deshalb befürchtet Jaspers, dass sie ein zusätzlicher Nahrungskonkurrent für Ostsee-Fische werden könnte.

Bisher habe man die "Blackfordia" nur sporadisch in der Kieler Bucht entdeckt", schilderte Jaspers. Jetzt könnte sie zu einem "echten Problem" werden. Genaueren Aufschluss über die jetzige Verbreitung erwarten die Forscher von einer zweiwöchigen Expedition, die im September nach Finnland führen soll.

Quallen existieren seit 550 Millionen Jahren

"Quallen gehören zum normalen Leben dazu", sagte Jaspers über die Meerestiere, die bei Urlaubern nicht gerade beliebt sind und von denen einige Arten auch sehr giftig und gefährlich für den Menschen sind. "Es gibt sie ja schon seit 550 Millionen Jahren, das sind sehr ursprüngliche Lebewesen."

Der vom Aussterben bedrohte Europäische Aal zum Beispiel sei im Sargassomeer davon abhängig, Quallen zu fressen. "Welche Schlüsselrolle Quallen insgesamt im Ökosystem haben, ist eine spannende Frage, die noch weitgehend ungelöst ist", sagt Jaspers.

Über dieses Thema berichtete der NDR am 09. Juli 2020 um 19:30 Uhr im Schleswig-Holstein Magazin.

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