Roland Sacker, Andreas Pinkwart, Karl-Josef Laumann, und Barthold Piening | Bildquelle: dpa

Biotech-Unternehmen Qiagen Staatsgelder für Steuervermeider?

Stand: 06.10.2020 18:00 Uhr

Der Bund und NRW geben Millionensummen an ein Unternehmen, das offenbar seine Gewinne in Steueroasen parkt. Nach Recherchen von WDR und SZ könnte Qiagen, ein Hersteller von Corona-Tests, millionenfach Steuern vermieden haben.

Von Petra Blum und Massimo Bognanni, WDR

NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart machte aus seiner Begeisterung keinen Hehl, als er vor wenigen Wochen mit seinem Amtskollegen für Gesundheit, Karl-Josef Laumann, die Produktion des Hildener Biotechunternehmens Qiagen besichtigte. Der Konzern sei eine echte Erfolgsgeschichte, lobte Pinkwart. Das Unternehmen zeige, "wie junge, engagierte Forscher ein innovatives Start-up gründeten, aus dem jetzt ein erfolgreicher, börsennotierter internationaler Konzern gewachsen ist."

18,3 Millionen Euro aus der Staatskasse

Und die beiden Minister fanden nicht nur warme Worte. Sie sagten Qiagen auch 18,3 Millionen Euro staatliches Fördergeld zu. Das Unternehmen produziert wichtige Reagenzien, die für Covid-19-Tests dringend benötigt werden. Die Spezialisten forschen zudem an Corona-Schnelltests.

Qiagen beschäftigt weltweit rund 5000 Mitarbeiter, knapp ein Drittel arbeiten in dem Unternehmenssitz nahe Düsseldorf. Neben dem Land NRW hat auch das Bundesforschungsministerium Qiagen in den vergangenen Jahren für verschiedene Projekte mit rund zwei Millionen Euro aus der Staatskasse unterstützt.

Tochterfirmen in 35 Ländern

Nach Recherchen von WDR und Süddeutscher Zeitung könnte das Unternehmen, das so wohlwollend mit Steuergeld gefördert wird, selbst aber millionenfach Steuern in Deutschland vermieden haben. Die Bilanzen zahlreicher Tochterfirmen von Qiagen im In- und Ausland zeigen konzerninterne Kredite, mit denen Qiagen seine zu versteuernden Gewinne hierzulande jahrelang um ein- bis zweistellige Millionensummen reduziert haben könnte.

Qiagen hat Tochterfirmen in 35 Ländern, nicht nur in Deutschland oder den USA - sondern auch in Steueroasen wie Luxemburg oder Malta. Die Muttergesellschaft sitzt in den Niederlanden - ebenfalls ein Land, das Firmen mit günstigen Steuersätzen lockt.

Nützlicher Firmensitz in Luxemburg

Zwischen den verschiedenen Niederlassungen fließen Millionenkredite. Dahinter könnte ein Steuermechanismus stehen, der so geht: Eine Qiagen-Firma in Luxemburg leiht einer Qiagen-Holding in Deutschland hohe Millionenbeträge. Die deutsche Firma muss nun Jahr für Jahr Zinsen zahlen. Die Zinsen, auch wenn sie an konzerneigene Firmen gezahlt werden, sind Kosten und mindern den Profit und damit die Steuerlast in Deutschland.

Die Zinsen aus Deutschland landen in der Steueroase Luxemburg und werden dort zu Gewinn, der in Luxemburg aber oft kaum besteuert werden muss. Diese kaum versteuerten Gewinne lassen sich aus Luxemburg leicht abziehen, zum Beispiel über Dividenden an die Muttergesellschaft in den Niederlanden. Dort müssen die Dividenden zu mehr als 90 Prozent nicht versteuert werden. "So können aus steuerpflichtigen Einnahmen in Deutschland weitgehend steuerfreie Dividendeneinnahmen bei der Muttergesellschaft in Holland werden", sagt Christoph Trautvetter vom Netzwerk Steuergerechtigkeit, der sich die Recherchen von WDR und SZ angesehen hat.

Vom Hochsteuerland in die Steueroase

Die Methode der konzerninternen Kredite ist keineswegs eine Besonderheit, sondern macht laut wissenschaftlichen Studien ein Drittel aller Steuersparmodelle bei internationalen Unternehmen aus. Steuervermeidung ist legal und zielt darauf ab, Gewinne aus Hochsteuerländern wie etwa Deutschland in Steueroasen zu verschieben, wo sie kaum oder gar nicht besteuert werden.

Die Bilanzen von Qiagens Töchtern in Deutschland, Malta und Luxemburg zeigen, dass die Kredite oft von Konzerntochter zu Konzerntochter weitergegeben werden, bis sie wieder da landen, wo sie eigentlich angefangen haben. "Wenn Kredite ohne wirtschaftlichen Sinn innerhalb des Konzerns vergeben oder ständig weitergereicht werden, ist das ein Zeichen, dass Steuervermeidung dahinterstecken könnte", sagt Trautvetter. Dabei sind die Zinsen beachtlich, die die Deutschland-Tochter etwa nach Luxemburg abführt: mal 8, 6 oder 4,5 Prozent. "Das ist deutlich höher als die jeweils üblichen Marktzinsen für Qiagen", so Trautvetter. "Je höher die Zinsen, umso mehr Gewinn kann ein Unternehmen über Zinszahlungen verschieben - von einem Hochsteuerland in eine Steueroase."

Qiagen: "Optimierung der globalen Steuerposition"

Qiagen betont auf Anfrage, man betreibe sein Geschäft mit "höchster Integrität", halte sich strikt an Recht und Gesetz. "Hierzu gehört selbstverständlich auch die Einhaltung des geltenden Steuerrechts." Wie andere Unternehmen auch, versuche man - unter strenger Beachtung der Gesetze - seine globale Steuerposition zu optimieren.

Die niederländische Nichtregierungsorganisation SOMO (Centre for Research on Multinational Corporations) untersuchte in einer aktuellen Studie die Steuervermeidung Qiagens in den Niederlanden - und erhebt Vorwürfe: Der Qiagen-Konzern habe weltweit durch Gewinnverschiebung in Steueroasen Millionen in den vergangenen Jahren gespart, so die Experten. "Es ist beunruhigend, dass gerade Unternehmen wie Qiagen Steuern in großem Umfang vermeiden und den Regierungen das dringend benötigte Einkommen entziehen", sagt Jasper van Teeffelen, Steuerexperte von SOMO.

Steuermoral als Kriterium für Förderung?

Inzwischen gibt es vermehrt internationale Anstrengungen, unter anderem auch von der Europäischen Union, gegen Steuervermeidungsmodelle anzukämpfen.

SPD-Chef Norbert Walter-Borjans will zudem Steuermoral zum Kriterium für die Verteilung von Fördergeldern machen. Unternehmen, so der ehemalige NRW-Finanzminister, die steuerliche "Ausweichmanöver" nutzten, kämen aus seiner Sicht für die Förderung mit Wirtschaftsfördermitteln gar nicht mehr infrage. "Erst wenn Unternehmen darauf verzichten und zu Hause ihre Steuern zahlen, dann sollen sie auch Förderprogramme beantragen können."

In manchen Ländern ein "guter Steuerzahler"

Die Aktionäre von Qiagen jedenfalls hatten 2013 schon einmal leise Zweifel angemeldet. Ob Qiagen denn irgendwelche Folgen aus der Debatte rund um Steueroasen erwarte, hatte ein Investor auf einer Aktionärsversammlung gefragt. Damals antwortete der Finanzchef, dass Qiagen eine effiziente Steuerstruktur anvisiere und in mehreren Ländern ein "guter Steuerzahler" sei.

Ob Deutschland dazu gehört, sagte er nicht.

Staatsgelder für Steuervermeider? Der Fall Qiagen
Arne Hell, WDR
06.10.2020 19:16 Uhr

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Über dieses Thema berichtete WDR 5 am 07. Oktober 2020 um 06:40 Uhr im "Morgenecho".

Korrespondent

Massimo Bognanni | Bildquelle: WDR Logo WDR

Massimo Bognanni, WDR

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