Demonstration in Kandel | Bildquelle: dpa

Prozess um Mord in Kandel Ex-Freund von Mia vor Gericht

Stand: 18.06.2018 11:43 Uhr

Der mutmaßliche Mörder der 15-jährigen Mia aus Kandel steht seit heute vor Gericht. Der Prozess ist wichtig für die Stadt, denn seit der Tat hat sie vor allem für Rechte Symbolcharakter.

Von Javan Wenz, SWR

"Wir sind Kandel", steht in bunter Schrift auf Dutzenden Plakaten. "Vielfältig, tolerant, offen". Die Plakate sind hier, entlang der von Fachwerkhäusern gesäumten Hauptstraße Kandels, überall zu sehen. Sie stehen für die Gegenwehr der Stadt. Gegen ihr zweifelhaftes Image seit dem Mord an der 15-jährigen Mia, der Kandel seit Monaten nicht loslässt. Denn der mutmaßliche Täter, Mias Ex-Freund, ist ein Flüchtling aus Afghanistan.

"Wir sind Kandel" steht in bunter Schrift auf einem Transparent
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"Wir sind Kandel", steht in bunter Schrift auf Dutzenden Plakaten in der Stadt.

Mord aus Eifersucht und Rache

Am 27. Dezember 2017 sah Abdul D. seine Ex-Freundin Mia mit zwei Begleitern am Bahnhof in Kandel. Er verfolgte das Trio in einen Supermarkt und kaufte dort ein Küchenmesser. Mia und ihre Begleiter gingen weiter in eine Drogerie, Abdul D. folgte ihnen. In dem Geschäft ging er auf das Mädchen zu und stach unvermittelt mehrfach auf sie ein. Mindestens sieben Mal traf er sie, ein Stich in die Herzgegend endete tödlich. Das Motiv laut Ermittlern: übersteigerte Eifersucht und Rache.

Zwei Wochen vor der Tat hatten Mias Eltern Anzeige gegen Abdul D. erstattet. Nachdem Mia sich von ihm getrennt hatte, habe er ihr unter anderem gedroht, sie am Bahnhof in Kandel "abzupassen". Sie müsse in Zukunft "aufpassen". Die Polizei wusste also über die Gefahr Bescheid, die von Abdul D. ausging. Jugendamt und Polizei widersprechen sich aber darin, ob diese Informationen auch ausreichend weitergegeben wurden.

Abdul D. in Deutschland

Der Beschuldigte Abdul D. kam im April 2016 als Flüchtling nach Deutschland. Ausweispapiere hatte er nicht dabei. Nach seiner Registrierung als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling wurde er dem Landkreis Germersheim in Rheinland-Pfalz zugewiesen. Er ging daraufhin in Kandel zur Schule, wo er auch Mia kennenlernte. Im Februar 2017 lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge seinen Asylantrag ab. Wegen eines Abschiebeverbots durfte er trotzdem vorerst bleiben.

Wie alt ist Abdul D. wirklich?

Heute begann der Prozess gegen Abdul D. vor dem Landgericht Landau. Das genaue Alter des mutmaßlichen Täters ist unbekannt. Laut seinen eigenen Angaben bei der Registrierung als Flüchtling war er zum Tatzeitpunkt 15 Jahre alt. Doch daran gibt es Zweifel. Ein Gutachten ergab ein Alter zwischen 17,5 und 21 Jahren. Genauer konnte auch ein Ergänzungsgutachten das Alter nicht bestimmen.

Deshalb wird Abdul D. vor Gericht als Minderjähriger behandelt und nach dem milderen Jugendstrafrecht angeklagt. Beim Prozess sind somit keine Zuschauer zugelassen. Die Höchststrafe, die der Angeklagte zu befürchten hat, beträgt zehn Jahre Gefängnis. Bei einer Verurteilung muss er die Strafe komplett in Deutschland absitzen, danach könnten die Behörden darüber entscheiden, ob Abdul D. abgeschoben wird.

Eine Drogerie in Kandel | Bildquelle: SWR
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Abdul D. verfolgte seine Ex-Freundin bis in eine Drogerie.

Blick in die Fußgängerzone von Kandel | Bildquelle: SWR
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Nach dem Mord wurde Kandel für viele Rechte zum Symbol einer vermeintlich gescheiterten Asylpolitik.

"Kandel war in einer Schockstarre"

Dass der Prozess nun begonnen hat, ist auch wichtig für Kandel. Immer wieder zogen in den vergangenen Monaten rechte Bündnisse durch die Kleinstadt, um gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung zu demonstrieren, teils mit Tausenden Teilnehmern und abgesichert durch große Polizeiaufgebote. Unter dem Namen "Kandel ist überall" finden immer wieder Demonstrationen in ganz Deutschland statt. Und der aktuelle Fall um die getötete 14-jährige Susanna aus Mainz hat auch das Thema Kandel wieder neu entfacht.

Rechtliche Fragen zum Prozessauftakt

Was würde eine Verurteilung nach Jugendstrafrecht für das Strafmaß bedeuten?
Wenn der Angeklagte wegen Mordes nach Jugendstrafrecht verurteilt würde, dann läge die Höchststrafe bei zehn Jahren - und nicht bei lebenslang. Ob im konkreten Fall Jugendstrafrecht anzuwenden ist, wird endgültig aber erst im Prozess geklärt. Vorläufig behandelt das Gericht den Angeklagten wie einen Jugendlichen (unter 18 Jahre). Das Gericht hat allerdings angekündigt, im Laufe des Gerichtsverfahrens weiter zur Altersfrage zu ermitteln.

Warum findet der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt?
Im Jugendstrafrecht steht ausdrücklich im Gesetz, dass unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt wird. Das ist also nichts Ungewöhnliches oder Besonderes in diesem Fall. Beim Jugendstrafrecht steht immer der Erziehungsgedanke im Vordergrund und damit auch ein gewisser Schutz eines jugendlichen Angeklagten. Die Familie des ermordeten Mädchens hat aber natürlich das Recht, im Gerichtssaal dabei zu sein.

Von Frank Bräutigam, ARD-Rechtsredaktion

"Kandel war in einer Schockstarre", sagt Kandels Stadtbürgermeister Günther Tielebörger im Rückblick auf den Mordfall. Und auch die Dimensionen, die Aggressivität der Demonstrationen, hätten die Bewohner der Stadt vorher so nicht gekannt.

Der Bürgermeister und andere Verantwortliche erhielten Hass-Mails und Drohungen. "Für die Kandeler ist es wichtig, dass dieser Prozess jetzt stattfindet und die Sache damit endlich abgeschlossen wird", sagt Tielebörger. Dass die Kundgebungen und Demonstrationen in Kandel bald aufhören, glaubt er aber nicht.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. Juni 2018 um TS 04:51 Uhr.

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