Der angeklagte Stephan B. wird in Handschellen in den Gerichtssaal geführt.  | dpa

Prozess zum Halle-Anschlag Tatvideo im Gerichtssaal gezeigt

Stand: 22.07.2020 16:44 Uhr

Am zweiten Prozesstag zum Anschlag in Halle ist am Mittwoch im Gerichtssaal das Video der Tat gezeigt worden. Für die Betroffenen war es nach den Aussagen des Angeklagten am Vortag eine weitere enorme Belastung. Einige von ihnen mussten den Saal zeitweise verlassen.

Beim Prozess zum Anschlag in Halle stand am Mittwoch das Video im Mittelpunkt, welches der Attentäter während seiner Tat live ins Internet streamte. Zudem richteten die Vertreter des Generalbundesanwalts – Oberstaatsanwalt Kai Lohse und Bundesanwalt Stefan Schmidt – aber auch die Verteidiger von Stephan B. Fragen an den Angeklagten.

Schwieriger Moment für Betroffene

Zu Beginn der Sitzung am Magdeburger Landgericht hatten die Angehörigen des Angeklagten schriftlich erklärt, nicht aussagen zu wollen. Anschließend startete das Video der Tat. Während der Angeklagte kaum Emotionen zeigte, weinten einige der Betroffenen. Einzelne mussten sogar den Saal verlassen. Vom Gericht war ihnen zuvor die Möglichkeit eingeräumt worden, später zu kommen, wenn sie sich das Video nicht zumuten wollten. Im Gebäude des Magdeburger Landgerichts kümmern sich sechs Seelsorger um die Verletzten und Hinterbliebenen des Anschlags. Aber auch Besucher und Journalisten können ihre Hilfe in Anspruch nehmen.

Der Landtagsabgeordnete Sebastian Striegel (Grüne) beobachtet den Prozess im Gerichtsaal – auch in seiner Rolle als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses, der den Polizei-Einsatz während des Anschlags überprüft. Er sagte: "Viele Nebenklägerinnern und Nebenkläger haben die Chance genutzt, das Video anzuschauen, aber es ist ihnen sehr schwer gefallen. Der Angeklagte wirkt sehr selbstsicher und höhnisch. Er hat mehrfach gelacht während der Vorführung des Videos. Das wurde für die Gutachter auch festgehalten. Die Stimmung war kaum auszuhalten."

Striegel: "These vom Einzeltäter geht fehl"

Auch über den Polizei-Einsatz habe er neue Erkenntnisse gewonnen, sagte Striegel. Und ergänzte: "Es handelt sich um einen vollständig durchideologisierten Täter. Die Fanatisierung ist offensichtlich über einen langen Zeitraum gewachsen. Es gibt auch klare ideologische Muster – sein Rassismus, sein Antisemitismus. Er nimmt Bezug auf die Identitäre Bewegung." Die Worte des Angeklagten seien sehr ähnlich zu dem, was die AfD im Parlament immer wieder als Ideologiefragmente anbiete. "Solche Taten entstehen nicht aus dem Nichts", ist sich Striegel sicher.

Sie haben einen gesellschaftlichen Resonanzraum, in dem sie entstehen. Aus solchen Worten entstehen Taten. Deswegen geht die These vom Einzeltäter fehl.

Sebastian Striegel

Der Ermittler, der das Video ausgewertet hat, sollte am Mittwoch ursprünglich als Zeuge aussagen. Er wurde frühzeitig nach Hause geschickt, als sich abzeichnete, dass sich die Verhandlung verzögert. Zum Abschluss des Tages hatten die Anwälte der 45 Nebenklägerinnen und –kläger die Möglichkeit, den Angeklagten zu befragen. Kurzfristig wurde noch ein weiteres Ehepaar, welches sich ebenfalls in der Synagoge befand, zur Nebenklage zugelassen. Im Rahmen der Befragungen räumte der Angeklagte auch ein, dass er überlegt hatte, nach seinem Angriff auf die Synagoge zum islamischen Kulturcentrum in Halle-Neustadt zu fahren, um dort zu morden.

Angeklagter sitzt zwischen seinen Verteidigern Hans-Dieter Weber und Thomas Rutkowski im Landgericht |

Auch seine Verteidiger haben den Angeklagten am Mittwoch vernommen. | Bildrechte: dpa

Umfassende Aussage des Angeklagten

Zum Prozessbeginn hatte der Attentäter von Halle am Dienstag umfassend ausgesagt. Der 28-Jährige äußerte sich während seiner Aussage offen rassistisch und abwertend über Zuwanderer und Juden. Die Vorsitzende Richterin drohte dem Angeklagten mit dem Ausschluss vom Prozess. Reue ließ er nicht erkennen. Auch gestand er, zwei Menschen getötet und auf seiner Flucht einen Somalier angefahren zu haben. Er sehe sich als Versager, weil sein Plan nicht aufgegangen sei.

Insgesamt sind bislang 18 Verhandlungstage angesetzt. Gerichtssprecher Henning Haberland bestätigte, dass der Prozess komplett als Tonaufnahme aufgezeichnet wird. Das ist ein Novum. Das Material soll von wissenschaftlichen und historischen Instituten verwendet werden können. So werden alle Aussagen, Beschlüsse, Entscheidungen festgehalten. Die Verhandlung startete pünktlich um 10 Uhr. Schon vor dem Gerichtsgebäude zeigte sich am Mittwochmorgen, dass der Medienandrang deutlich nachgelassen hat. Es standen weniger Medienvertreter in der Schlange. Die Einlasskontrollen gingen deutlich schneller als am Vortag.

Der Angeklagte hatte am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, um nach eigener Aussage so viele Menschen zu töten wie möglich. Als das misslang, erschoss er eine Passantin und einen Mann in einem Dönerimbiss.

*Anmerkung der Redaktion: Das Zeigen des Tatvideos im Gerichtssaal geschah aus einem juristischen Zweck. Es wurde nicht für die Berichterstattung gezeigt. MDR SACHSEN-ANHALT kennt die Aufnahmen, wird Aussagen und Details des Videos aber nicht veröffentlichen – da die Verbreitung der Tat erklärtes Ziel von Stephan B. war.

Quelle: dpa, MDR/olei

Dieses Thema im Programm:

MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 22. Juli 2020 | 19:00 Uhr