Annegret Kramp-Karrenbauer, Ursula von der Leyen, Angela Merkel | Bildquelle: dpa

Nominierung von Kramp-Karrenbauer "So viel Sisterhood!"

Stand: 18.07.2019 09:09 Uhr

Von einem Lehrstück weiblicher Macht schreiben die einen, von Egoismus die anderen - das Trio Kramp-Karrenbauer-Leyen-Merkel wird in der nationalen Presse sehr unterschiedlich gewertet. Ein Überblick.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt: "Auch wenn der CDU-Vorsitzenden nun vorgehalten wird, sie habe bis vor kurzem ausgeschlossen, ins Kabinett einzutreten, ist die Entscheidung angesichts der Lage, in die sie geriet, richtig. Wer Bundeskanzlerin werden will, darf auch vor dem schwierigen Posten an der Spitze des Verteidigungsministeriums nicht zurückschrecken. Nur von Vorteil für die gebeutelte Bundeswehr kann es sein, dass zum ersten Mal eine Parteivorsitzende der CDU das Amt der Verteidigungsministerin ausübt. Die wird sich, schon um an Profil zu gewinnen, mit ihrem ganzen politischen Gewicht für die berechtigten Anliegen der Truppe einsetzen. Der Bendlerblock soll schließlich nicht zur Endstation von Kramp-Karrenbauers politischer Karriere werden. Er dient als Zwischenhalt auf dem vielleicht gar nicht mehr so langen Marsch ins Kanzleramt."

Die "Schwäbische Zeitung" aus Ravensburg merkt an, die neue Verteidigungsministern werde ... "... um die Welt reisen, im Kabinett sitzen und in der Öffentlichkeit als handelnde Person in Erscheinung treten. Die Interessen der Bundeswehr sind wieder einmal in den Hintergrund gerückt. Auch Kramp-Karrenbauer geht es in erster Linie um ihre persönliche Karriereplanung. Aber das kennt die Truppe bereits - von Karl Theodor zu Guttenberg ebenso wie von Ursula von der Leyen."

Angela Merkel, Müller, Kramp-Karrenbauer, von der Leyen | Bildquelle: AFP
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Risiko oder kluger Schachzug? Kramp-Karrenbauers Ernennung zur Verteidigungsministerin wird unterschiedlich gewertet.

"Das Risiko ist groß", heißt es in der "Süddeutschen Zeitung", "nicht nur, weil das Ministerium schwer zu führen ist, und es viele Probleme von der Berateraffäre über die Ausrüstung bis hin zur Inneren Führung gibt. Das Risiko ist besonders groß, weil Kramp-Karrenbauer mutmaßlich nur noch ein paar Monate bleiben werden, bevor die große Koalition zerbricht. In Bob Dylans Jahrhundert-Song 'The Times They Are A-Changin' heißt es, dass es Zeit ist zu schwimmen, wenn das Wasser um einen herum ansteigt, weil man sonst wie ein Stein versinkt. Die SPD merkt nicht, dass das Wasser steigt. Merkel dagegen hofft, dass Kramp-Karrenbauer schwimmen kann."

"Merkel kämpft um ihr Erbe"

"Als Parteivorsitzende ohne Ministeramt wurde Kramp-Karrenbauer zuletzt zur Königin ohne Land. Ihre Anwesenheit bei den morgendlichen Lagebesprechungen im Kanzleramt wurde als Praktikum verspottet“, stellt die "Leipziger Volkszeitung" fest, und nimmt dann die Frage der Nachfolge von Bundeskanzlerin Merkel in den Fokus: "Angela Merkel kämpft in diesen Wochen um ihr Erbe. Dieses ist weniger eine bestimmte Reform, ein bedeutendes Projekt. Das Erbe ihrer Kanzlerschaft ist der Regierungsstil. Die Fähigkeit, eine Provokation zu absorbieren statt darauf überzureagieren, das Anti-Schröderhafte, Zurückhaltende. Das kann man als zu wenig befinden, aber es erlaubte ihr gesellschaftspolitische Schwenks, die den Zeitgeist trafen: die Ehe für alle, das Elterngeld, der Mindestlohn. Merkels Erbe ist die Kompromissfähigkeit in ideologieüberladenen Debatten. Auch wenn Kramp-Karrenbauer konservativer denkt als Merkel: In diesem Ansatz der uneitlen Politik ähnelt sie der Kanzlerin enorm."

Die "Neue Osnabrücker Zeitung" weitet den Blick auf die Europa-Politik: "Alle EU-Staaten gemeinsam hätten mit einer stärker integrierten Verteidigungspolitik eine globale Bedeutung, die den irrwitzigen nationalen Militärausgaben halbwegs gerecht würde. In dieser Lage ist nun die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen eine anerkannte Sicherheitspolitikerin und die Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer zugleich Vorsitzende der größten deutschen Regierungspartei, während Bundeskanzlerin Angela Merkel sowieso jede Ambition unterstützen würde, die Europa wieder eint. Drei Frauen haben damit plötzlich die Macht, die deutsche Verteidigungspolitik grundsätzlich neu auszurichten und der EU einen womöglich lebensrettenden Impuls zu verleihen. Gelingt es, hätte Merkel sich einen furiosen Abgang verschafft."

Die "Tageszeitung" aus Berlin macht sich Gedanken über Karrieren von Frauen: "So viel Sisterhood wie im Trio Merkel-Leyen-Kramp-Karrenbauer gibt es bei SPD, Linken oder Grünen nicht zu sehen. Dieses Trio liefert gerade ein Lehrstück über weibliche Macht. Die drei stützen sich über Jahre, spielen das Spiel auf ihre Weise - weniger laut, strategisch genial. Und im entscheidenden Moment greifen sie zu. Was wurde vor der Wahl zum CDU-Parteivorsitz von Friedrich Merz geprahlt, wie viel Raum hat Jens Spahn in den vergangenen Tagen eingenommen! Am Ende kommt Kramp-Karrenbauer ums Eck. Für Frauen, die gestalten wollen, ist die CDU gerade um einiges attraktiver geworden. Machtpolitisch hat diese Partei es in puncto Frauen einfach drauf."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Juli 2019 um 07:05 Uhr in der "Presseschau".

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