Lothar Wieler | Bildquelle: CLEMENS BILAN/POOL/EPA-EFE/Shutt

Lothar Wieler im Porträt Plötzlich im Rampenlicht

Stand: 08.04.2020 19:45 Uhr

Lothar Wieler ist die ruhige und sachliche Stimme in der Corona-Krise. Der Chef des Robert Koch-Instituts ist ein Mann der Forschung - nicht des Scheinwerferlichts.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Es ist zu einem Ritual geworden: Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts sitzt vor einer blauen Wand und verliest die aktuellen Zahlen der Corona-Pandemie. Der Gesichtsausdruck immer gleich ernst, die Stirn in Falten, die Stimme rau.

Seit knapp eineinhalb Monaten gibt es dieses Pressebriefing nun schon, anfangs täglich, inzwischen noch zweimal die Woche. Und obwohl sich das Leben in Deutschland seither vollkommen verändert hat, sind die Botschaften des RKI-Chefs weitgehend die gleichen geblieben: "Wir stehen am Anfang einer Pandemie"; "Es ist zu früh für Entwarnung."

"Oberster Seuchenbekämpfer der Nation"

Auch nach vier Wochen Schul- und Kitaschließungen, einem beinahe kompletten Shutdown des öffentlichen Lebens und weitreichenden Kontaktverboten sagt er diese Sätze noch immer. Doch während die Öffentlichkeit anfangs noch beinahe ehrfürchtig seinen Worten lauschte, macht sich inzwischen Ungeduld breit.

Wieler wirkt nicht gerade glücklich über seine neue Rolle im Rampenlicht, in die er quasi über Nacht hineingeraten ist. Vom obersten Seuchenbekämpfer der Nation wollen die Menschen Antworten: Wie lange dauert das alles noch? Wann öffnen die Schulen? Wann darf man Freunde und Verwandte wieder besuchen?

Doch diese Antworten kann Wieler nicht geben. Das Wort "Exit" kommt ihm nur schwer über die Lippen. Suggeriere es doch, dass "man einfach die ganzen Maßnahmen aufhebt und dann so lebt wie vor dieser Epidemie", sagt er im Deutschlandfunk.

Wieler versteht sich als Mann der Forschung

Es ist auch nicht seine Aufgabe, diese Antworten zu geben. Die Entscheidungen müsse die Politik treffen, sagt Wieler immer wieder. Das RKI berät die Politik lediglich, gibt Empfehlungen auf Grundlage der gesammelten Daten und wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Und so versteht sich Wieler auch in erster Linie: als Wissenschaftler, als Mann der Forschung. Er ist eigentlich Veterinärmediziner - also Tierarzt - und Mikrobiologe. Fast 30 Jahre lang lehrte und forschte er zu multiresistenten Keimen und zu Krankheitserregern, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden. Zuletzt war er Direktor des Instituts für Mikrobiologie und Tierseuchen an der Freien Universität Berlin. Seit 2015 leitet er das RKI.

"Der richtige Mann zur richtigen Zeit"

Der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort, sagen alte Weggefährten. Ein früherer Forscherkollege spricht gegenüber tagesschau.de gar von einer "idealtypischen Besetzung". Einerseits fachlich - denn auch das neue Coronavirus scheint ja aus dem Tierreich zu stammen. Andererseits auch wegen seiner sachlichen, präzisen und zurückhaltenden Art.

Von einem "ernsthaften, äußerst zuverlässigen und zielbewussten Kollegen" ist die Rede. Einem, der seine Meinung vertritt, ohne sich selbst in den Vordergrund zu spielen, der sich aber auch überzeugen lassen kann, wenn ein anderer das bessere Argument hat. Ein wenig unnahbar sei Wieler immer schon gewesen, so dass man nie genau wissen konnte, was in ihm vorgehe.

Emotionen lässt er außen vor

Das deckt sich mit dem Bild, das er in der Öffentlichkeit abgibt. Er drängt nicht ins Rampenlicht, Interviews gibt er selten. Und wenn er sich doch mal äußert, lässt er Emotionen außen vor.

Auf die Frage, was diese neue Rolle mit ihm macht, antwortet er in einem Interview mit dem Bonner General-Anzeiger staatsmännisch: "Das ist eine große Verantwortung und ein hoher öffentlicher Druck, die meine volle Konzentration fordern. Ansonsten hoffe ich, dass ich mit der Aufgabe wachse und dass es ansonsten nicht viel mit mir macht."

Kindheit auf dem Land

Das Bodenständige rührt vielleicht aus seiner Kindheit. Sein Vater, ein Tierarzt in Königswinter-Oberpleis bei Bonn, war vier Jahre in russischer Gefangenschaft. "Er hat dort im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden nur überlebt, weil er ein so junger Kerl war", erzählt Wieler der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Auch seine Mutter habe schlimme Erfahrungen im Krieg gemacht. Die Haltung seiner Eltern habe ihn geprägt.

Heute lebt Wieler mit Frau und - jetzt in der Krise auch wieder - mit beiden Töchtern - in Berlin. Aufgewachsen ist er in der Natur. Er und die Geschwister seien mit dem Vater viel durch die Landschaft gefahren und hätten sich in Kuhställen aufgehalten. Er erinnert sich an eine unbeschwerte Jugend, in der ihm die Erfolge auf dem Fußballplatz wichtiger gewesen seien als die in der Schule.

Nicht immer eine glückliche Figur

Den enormen Druck, der seit Beginn der Pandemie auf dem RKI-Chef lastet, lässt er sich öffentlich nicht anmerken. Wenn man den Fernsehbildern der Pressekonferenzen trauen darf, hat sich in den vergangenen Wochen allenfalls das Schlohweiß seines Schläfenhaares weiter in die Mitte des Kopfes ausgebreitet.

Kritik lässt er an sich abprallen, auch wenn er dabei nicht immer eine glückliche Figur macht. Da war das Hin- und Her bei der Empfehlung für OP-Masken. (Inzwischen empfiehlt das RKI nun doch das Tragen von Baumwollmasken, weil sie dazu beitragen könnten, andere nicht anzustecken.) Da ist die Kritik verschiedener Politiker, dass Wieler mal vor "italienischen Verhältnissen" warnt, mal von Entspannung der Lage spricht.

All dem und auch dem Vorwurf, er habe zu spät vor der Gefahr des neuen Coronavirus gewarnt, begegnet er mit den immer gleichen Sätzen: "Wir informieren die Bevölkerung stets nach dem aktuellen Stand unseres Wissens." Und: "Das Virus ist neu, wir lernen ständig dazu." Er wird sie wohl noch oft in die Mikrofone sagen müssen.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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