Die Worte "Pressefreiheit" und "Populismus" stehen auf einem Schild  | dpa

Bertelsmann-Studie Populisten ohne stille Mehrheit

Stand: 03.09.2020 10:05 Uhr

Einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung zufolge vertreten immer weniger Deutsche populistische Einstellungen. Die Corona-Krise habe diesen Trend verstärkt, aber keineswegs ausgelöst. Aber die Autoren der Studie haben auch eine Warnung.

Populistische Ansichten sind in Deutschland stark rückläufig. Das zeigt eine neue Umfrage der Bertelsmann Stiftung. Die Mitte der Gesellschaft wendet sich demnach zunehmend von populistischen Weltbildern ab. Im Juni vertrat nur noch jeder fünfte Befragte entsprechende Meinungen und damit ein Drittel weniger als vor rund zwei Jahren.

Seit 2017 veröffentlicht die Bertelsmann Stiftung ihr sogenanntes Populismus-Barometer. Grundlage ist ein Fragenkatalog zu verschiedenen politischen Einstellungen. Zuletzt hatte das YouGov-Institut im Auftrag der Stiftung im Juni erneut mehr als 10.000 Wahlberechtigte befragt.

Die Entwicklung geht von der politischen Mitte aus

Die Bertelsmann Stiftung definiert Populismus dabei als eine Idee von Demokratie, die von der Existenz eines einheitlichen Volkswillens ausgeht, Politiker für eine korrupte Elite hält und politische Kompromisse ablehnt.

Die jüngste Umfrage kommt nun zu dem Ergebnis, dass der Rückgang populistischer Ansichten vor allem in der politischen Mitte stattfindet. Noch vor zwei Jahren hatte es gerade bei den gemäßigten Wählern die größte Zunahme an populistischen Einstellungen gegeben. Den Autoren der Studie zufolge zeigt die aktuelle Untersuchung, dass die Menschen in der Auseinandersetzung mit populistischen Narrativen lernfähig seien. Die politische Mitte wende sich zunehmend von der "populistischen Versuchung" ab.

Die Versuchung, die AfD nachzuahmen, sinke

Das habe auch Auswirkungen auf das Parteiensystem, sagen die Forscher. So würde eine weitere Hinwendung der Unionsparteien und der FDP in populistische Wählersegmente angesichts dieser Entwicklung vorerst unwahrscheinlicher. "Die Versuchung der bürgerlichen Parteien, dem Populismus der AfD zu folgen, ihn nachzuahmen oder sich ihm zumindest rhetorisch anzupassen, verliert damit seinen elektoralen Anreiz", erklärte Mitautor Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Insgesamt zeige sich die Parteienlandschaft deutlich populismusresistenter als vor und nach der Bundestagswahl 2017. Die liberale Demokratie habe die populistische Mobilisierung mit einer demokratischen Gegenmobilisierung beantwortet.

Die Trendwende fand schon vor der Pandemie statt

Die Coronakrise hat diese Trendumkehr im politischen Meinungsklima leicht verstärkt, aber keineswegs ausgelöst. Tatsächlich habe der Rückgang populistischer Einstellungen den Forschern zufolge bereits 2019 eingesetzt. Dieser Trend habe sich in der Pandemie fortgesetzt. Wohl auch wegen des in der Pandemie gestiegenen Vertrauens in die Regierung.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. September 2020 um 12:00 Uhr.

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Moderation 03.09.2020 • 19:18 Uhr

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