Screenshot: Grill den Scheuer | Bildquelle: Bundesministerium für Verkehr u

"Newsrooms" in Berlin Wenn Politik Journalismus macht

Stand: 21.03.2019 11:22 Uhr

Pressemitteilung war gestern. Inzwischen bringen Parteien und Ministerien ihre politischen Botschaften via Facebook & Co. selbst unters Wahlvolk. Journalisten, aber auch einige Politiker sehen das kritisch.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn ein Ministerium einen "Newsroom" einrichtet, ihn aber nicht so nennen will, dann kommt am Ende das dabei heraus: Das "Neuigkeiten-Zimmer" - ja, im Verkehrsministerium heißt die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wirklich so. "Neuigkeiten-Zimmer" steht auch auf den Schildern, die zu dem Büro im Erdgeschoss weisen. Riesige Bildschirme an den Wänden, 14 Arbeitsplätze für Pressesprecher und Social Media-Profis. Hier werde klassische Pressearbeit gemacht, sagt Sprecher Ingo Strater, aber auch noch viel mehr: Im Haus gebe es viele Geschichten, die man erzählen wolle und in Formate umsetze.

Zum Beispiel Erklärvideos für Plattformen wie Instagram, die Bürger-Fragerunde "Grill den Scheuer" oder die "Ente des Tages", wo der Minister, mit großer Plastikente unterm Arm, Nachrichtenmeldungen dementiert. Das sei moderne Behördenkommunikation, sagt Sprecher Strater und versichert: "Wir nehmen den klassischen Medien nichts weg." Aber genau das ist die Befürchtung.

Kontrolle über Bilder und Nachrichten

Ein Interview der neuen CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer ließ vergangene Woche bei Journalisten die Alarmglocken läuten. Sie lobte das sogenannte Werkstattgespräch der Partei zur Flüchtlingspolitik explizit als Vorbild für die Zukunft. Diese Veranstaltung war öffentlich, aber nicht presseöffentlich. Heißt: Die CDU sendete Bilder per Livestream, Journalisten durften aber nicht in den Saal. Kramp-Karrenbauer fand's prima - Zitat: "Wir waren Herr über die Bilder, wir haben die Nachrichten selbst produziert. In diese Richtung wird es weitergehen."

Vor einem Jahr hatte die AfD mit der Idee eines "Newsrooms" für Aufregung gesorgt, sie wollte unabhängiger von den klassischen Nachrichtenmedien werden. "Leider zu oft haben wir das Gefühl, dass nicht richtig berichtet wird oder dass eben 'Lückenpresse' gemacht wird, dass vieles fehlt", sagt Jürgen Braun, einer der AfD-Fraktionsmanager und zuständig für den Medienauftritt auf der Webseite der Fraktion, auf Facebook, auf Twitter etc. Es gibt ein eigenes, kleines TV-Studio, ein professioneller Radio-Sprecher steht bereit. Das Ganze laufe prima, sagt Braun und erzählt von Hunderttausenden oder gar Millionen Klicks für Videos wie jenes, in dem sich Fraktionschefin Alice Weidel zum Fall der getöteten Susanna äußert. Inoffiziell hört man bei der AfD aber Kritik am "Newsroom": Er liefere zum Beispiel zu wenig eigen-recherchierte Themen.

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer beim "Werkstatt-Gespräch" | Bildquelle: dpa
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Beim sogenannten Werkstattgespräch der CDU mussten Journalisten draußen bleiben.

Journalisten müssen sich hinten anstellen

"Newsrooms" gibt es im Berliner Politbetrieb mittlerweile einige. In der SPD-Parteizentrale nennen sie ihre Presse- und Öffentlichkeitsabteilung schon seit 2016 so. Die Unionsfraktion baut gerade einen auf, die SPD-Fraktion einen "Newsdesk". Auch das Auswärtige Amt nennt seine Presse- und Öffentlichkeitsabteilung "Newsroom". Er bedient klassische Ausspielwege, aber verstärkt auch neue Medien. Auf Reisen müssen Journalisten jetzt manchmal warten, weil Minister Heiko Maas erstmal Content für Instagram aufzeichnet.

"Ich sehe, dass da was aus dem Lot gerät, wenn jetzt Politik versucht, noch der eigene Fernsehkanal, der eigene Radiokanal oder die eigene Zeitung zu sein", mahnt Michael Kellner, der Bundesgeschäftsführer der Grünen. Die haben keinen "Newsroom", aber auch ohne den Namen nutzen sie natürlich die neuen Medien fleißig, etwa mit Videos, in denen Grünen-Mitarbeiter ihren Spitzenleuten Fragen von Twitter-Nutzern stellen. Aber die Grünen betonen: Dafür werde kein Interview mit den klassischen Medien abgesagt; geschlossene Veranstaltung mit Partei-gesteuertem Livestream werde es bei ihnen nicht geben. Annegret Kramp-Karrenbauer hat nach der Journalistenkritik übrigens getwittert, unabhängiger, freier, kritischer Journalismus sei ihr ein Herzensanliegen. Was das für ihre "Newsroom"-Pläne bedeutet - dazu wollte die Parteizentrale keinerlei Auskünfte geben.

Konzept „Newsroom“ - Wie die Politik ihre Pressearbeit verändert
Sabine Müller, ARD Berlin
21.03.2019 09:47 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. März 2019 um 15:38 Uhr.

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