Interview

Interview zur Bildungspolitik "PISA-Test hat den Ehrgeiz geweckt"

Stand: 07.12.2010 15:34 Uhr

Aus Sicht des Bildungsforschers Hurrelmann haben die PISA-Tests hierzulande enorm viel bewegt. Und damit meint er nicht nur das verbesserte Abschneiden der deutschen Schüler. Bildung an sich habe an Bedeutung gewonnen, sagt Hurrelmann im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Jetzt sind die deutschen Schüler offenbar etwas besser. Sind die PISA-Tests Triebfeder einer deutschen Erfolgsgeschichte?

Klaus Hurrelmann: Es ist schon enorm, was diese international vergleichende, systematisch abgesicherte Messung der Leistungen bei uns bewirkt hat. Die schlechten Ergebnisse im Jahr 2000 waren ein Schock. Ausgelöst haben sie eine grundsätzliche Diskussion darüber, wie wichtig Bildung ist und warum wir nicht so topp abschneiden, wie wir alle gedacht haben. Es ist auch ein Verdienst der PISA-Studie und der aufgeregten Diskussion darüber, dass die Bedeutung von schulischer Bildung gestiegen ist. Dadurch ist auch die Motivation gestiegen, in diesen Sektor zu investieren, die Schule ernst zu nehmen. Der Ehrgeiz ist geweckt. Auch bei vielen Lehrkräften, die sich unheimlich geärgert hatten über die damaligen Ergebnisse.

alt Klaus Hurrelmann

Zur Person

Klaus Hurrelmann, Jahrgang 1944, lehrt in den Bereichen Gesundheits- und Bildungspolitik. Nach langjähriger Tätigkeit an der Universität Bielefeld arbeitet er seit 2009 als Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin.

tagesschau.de: Sie sind überrascht von der Wirkung?

Hurrelmann: Bedenken Sie, wie skeptisch viele waren gegenüber der Messbarkeit von Leistungen. In Deutschland wird die Pädagogik traditionell als eine sehr filigrane Kunst gesehen, die man eigentlich nicht mit empirischen Maßstäben messen kann. Und die man deshalb auch nicht vergleichen kann. Das internationale PISA-Konsortium macht aber genau das. Es will zeigen, dass man in Schlüsselbereichen wie Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften tatsächlich klug messen kann. Damit wird international vergleichbar, was aus dem nationalen Bildungssystem herauskommt. Das bedeutet für Deutschland eine starke Veränderung der Bildungslandschaft. 

tagesschau.de: Geht nicht jede Standardisierung zu Lasten von Vielfalt?

Hurrelmann: Es besteht die Gefahr, dass einige Leistungsbereiche wie Mathematik und Naturwissenschaften überbetont werden. Lesen ist mit drin. Aber wo bleiben die vielen künstlerischen Fächer, wo bleiben die sachorientierten Fächer wie Geschichte und Geographie? Die sind so nicht erfasst. Aber sie bergen natürlich auch Kompetenzen, die in einer Gesellschaft benötigt werden.

tagesschau.de: Sind die Schüler heute wirklich besser oder bereiten die Schulen nur gezielter auf die PISA-Aufgaben vor?

Hurrelmann: Es gibt immer wieder Hinweise darauf, dass möglicherweise die Schülerinnen und Schüler darauf trainiert werden, diese Aufgaben zu bewältigen. Wenn nur noch auf den nächsten PISA-Test geschaut würde, würde das die pädagogische Arbeit an den Schulen verengen. In Deutschland scheint der Ehrgeiz, bei PISA gut abzuschneiden, aber damit verbunden zu sein, dass man auch die Schulkultur, das Klima, die Arbeitsweisen und die individuelle Förderung an den Schulen verbessern will. Davon profitieren dann alle Leistungsbereiche, auch die, die nicht so im Visier der PISA-Instrumente sind. Auch das ist überraschend positiv!

tagesschau.de: Bringen die internationalen PISA-Vergleiche für die Schüler nicht vor allem mehr Leistungsdruck?

Hurrelmann: Diese Kritik kommt oft von Eltern und vor allem auch von Lehrern. Sie fürchten, dass eine kreative Entfaltung der Potenziale blockiert wird, weil die Schüler stromlinienförmig auf diese PISA-Standards getrimmt werden. Ich glaube, wir müssen diese Befürchtungen sehr ernst nehmen. Auf lange Sicht habe ich aber keine Bedenken. Für die Schüler zählt am Ende, was sie können. Und wenn es unbestechliche und allgemein anerkannte Instrumente gibt, um das festzustellen, dann profitieren davon alle Schüler. Jeder Schüler kann erfahren, wo er steht und ist dabei nicht nur vom Lehrerurteil abhängig. Zensuren können schrecklich pauschal sein.

tagesschau.de: Die Schüler profitieren vom Testverfahren an sich?

Hurrelmann: Ja, denn auch in Schulen, die nicht beim PISA-Test direkt dabei waren, setzt ein Lernen von PISA ein. Es werden zum großen Teil PISA-Aufgaben gestellt. Auch, weil die Lehrkräfte erkannt haben, dass es sich um gut ausgearbeitete und international erprobte Instrumente handelt, mit denen Schülern eine präzise Leistungsrückmeldung gegeben werden kann. Das wirkt oft sehr stimulierend.

tagesschau.de: Was ist aus Ihrer Sicht jetzt die drängendste Maßnahme im Bildungsbereich?

Ein Junge liest hinter Bücherbergen.
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Mathe gut, Lesen nur Mittelmaß. Das müsste man als nächstes angehen, meint der Experte.

Hurrelmann: Wir haben uns seit dem Test im Jahr 2000 verbessert. Offenbar haben wir die richtigen Veränderungen eingeleitet. Wir hängen noch zurück im Lesen. Und das ist eindeutig die nächste Herausforderung. Wir brauchen gezielte Förderprogramme in allen Schulen.

In Deutschland ist die soziale Herkunft, also das Elternhaus, immer noch entscheidend für den Bildungserfolg – stärker als in anderen Ländern. Gleichzeitig weist das Grundgesetz  den Eltern das natürliche Recht der Erziehung der Kinder zu; damit erklärt es die Eltern zum Schlüssel. Das ist so nicht mehr zeitgemäß.

tagesschau.de: Was muss also geschehen?

Hurrelmann: Eltern und öffentliche Institutionen müssen stärker in eine Partnerschaft gebracht werden. Einerseits müssen mehr Anregungen in die Elternhäuser gegeben werden. Aber vor allem müssen die Kinder in Kindergarten und Grundschule mit Ganztagsbetrieb betreut werden. Dann können Defizite, die die Kinder von Zuhause mitbringen, öffentlich ausgeglichen werden. Plus individuelle Förderung. Plus besondere sprachliche Förderung der Kinder mit einem Zuwandererhintergrund. Die Weichen sind gestellt. Aber es geht alles schrecklich langsam. 

Das Interview führte Claudia Witte, tagesschau.de

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