Lehrerin in einer achten Klasse
Interview

Internationale Bildungsstudie "PISA wird überinterpretiert"

Stand: 03.12.2019 20:36 Uhr

Von "alarmierenden Zahlen" oder einem "neuen PISA-Schock" sprechen manche Kommentatoren. Dabei sei gar nicht klar, wie aussagekräftig PISA überhaupt ist, sagt Bildungsforscher Barz im tagesschau.de-Interview.

tagesschau.de: Zwar schneiden deutsche Schüler bei der aktuellen Erhebung nicht mehr so schlecht ab wie beim allerersten PISA-Test im Jahr 2000. Dennoch gehen die Leistungen in allen getesteten Bereichen wieder zurück. Warum ist das so?

Heiner Barz: PISA ist kein Instrument mit hundertprozentiger Messgenauigkeit. Deshalb muss man an die Ergebnisse, gerade wenn es sich hier um ein paar Punkte hoch oder runter dreht, eine ganze Reihe von Fragezeichen machen. Ob diese Ergebnisse wirklich so aussagekräftig und interpretierbar sind, dass man daraus Schlussfolgerungen für das deutsche Bildungssystem ziehen kann, bezweifeln viele Experten inzwischen.

Prof. Heiner Barz
Zur Person

Heiner Barz ist Leiter der Abteilung für Bildungsforschung und Bildungsmanagement an der Heinrich Heine Universität Düsseldorf. Er hat in den vergangenen Jahre intensiv zu Bildungsstudien wie PISA geforscht.

"PISA-Ergebnisse nicht besonders aussagekräftig"

tagesschau.de: Das heißt, die Schwankungen, die wir seit 2000 sehen, haben überhaupt nichts zu bedeuten?

Barz: Zumindest muss man damit sehr vorsichtig sein. Man kann aus geringfügigen Unterschieden natürlich dramatische Unterschiede machen. Man kann auch von alarmierenden Zahlen sprechen. Man kann vom neuen PISA-Schock sprechen, wie manche Kommentatoren das jetzt tun. Man kann aber auch fragen, inwieweit die Messmethode, die Art der Stichprobenziehung und die Auswahl der schulischen Bereiche, die bei PISA erfasst werden, tatsächlich aussagekräftig für das Bildungssystem eines Landes sind. Meines Erachtens werden die Ergebnisse überinterpretiert.

tagesschau.de: Was ist das Problem bei Auswahl und Methode?

Barz: Die Kritik, die seit der ersten PISA-Erhebung immer lauter geworden ist, entzündet sich zum Beispiel an der Ausschöpfung der Stichproben. In Deutschland wird die Stichprobenziehung traditionell sehr gewissenhaft gemacht.

Das heißt, in anderen Ländern kann es vorkommen, dass am Tag der PISA-Erhebungen den schlechteren Schülern vielleicht nahegelegt wird, sich krank zu melden. In Deutschland nimmt man auch die Repräsentanz von Schülern aus allen verschiedenen Schulformen sehr ernst, bezieht also nicht nur Gymnasiasten und Gesamtschüler ein, sondern auch Realschüler, Hauptschüler, Sonder- und Förderschüler. Das tun andere Länder nicht immer in der gleichen Weise.

Man muss also fragen: Ist das wirklich ein fairer Vergleich? Haben diese deutlichen Unterschiede gerade im Vergleich zu den sehr guten chinesischen Städten und Provinzen nicht auch damit zu tun?

Eine andere Frage ist, inwieweit deutsche Schüler gerade bei Multiple-Choice-Tests benachteiligt sind, weil sie das nicht so gewöhnt sind. Und es gibt eine inhaltliche Engführung auf Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften.

Beim Lesen liegt der Fokus auf Informationsgewinnung: wie erfahre ich aus einem Fahrplan, wann der nächste Bus abfährt, oder wie hoch war die Temperatur im Jahr X? Ein Leseverständnis, wo es um Interpretation und Einordnung von Texten geht, kommt nicht vor. Ganz zu schweigen davon, dass Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Geschichte, Kultur oder Musik gar nicht einbezogen werden. Dabei sind das Bereiche, die für das Heranwachsen von jungen Menschen sehr wichtig sind.

"Migrationshintergrund eine Erklärung für schlechteres Lesen"

tagesschau.de: Aber auch, wenn man nur auf die Informationsgewinnung blickt: Ist es nicht alarmierend, wenn 21 Prozent der 15-Jährigen, also in etwa jeder fünfte, kaum in der Lage ist, einen Text zu verstehen?

Barz: Mit Alarmismus bin ich, wie gesagt, vorsichtig. Zur Lesekompetenz sind zwei Dinge zu sagen. Das Thema Migrationshintergrund wurde bei diesem Befund zwar betrachtet, allerdings nicht besonders systematisch. Zumindest ein Teil der Ergebnisse lässt sich vielleicht auch damit erklären, dass wir hohe Zahlen von Schülern mit Migrationshintergrund haben, die naturgemäß größere Schwächen beim Lesen aufweisen, wenn sie noch nicht so lange in Deutschland sind.

Das andere ist die Tatsache, dass laut PISA 2018 die Hälfte der Schüler überhaupt nur noch liest, um benötigte Informationen aus Texten heraus zu ziehen. Das kann man auch positiv sehen: Immerhin die Hälfte liest noch aus Spaß an der Auseinandersetzung mit Texten. Das ist ja fast überraschend, angesichts der Tatsache, dass wir heute häufig davon ausgehen, die jungen Leute sitzen rund um die Uhr nur noch am Computer oder Handy.

"Schule ist keine Allzweckwaffe"

tagesschau.de: Ein anderes Ergebnis ist, dass die soziale Herkunft in Deutschland immer noch extrem wichtig für den Bildungserfolg ist. Warum bekommt man das nicht in den Griff?

Barz: Man darf von der Schule nicht alles erwarten. Das Bildungssystem ist nicht die Allzweckwaffe gegen alle Probleme, die unsere Gesellschaft hat. Dass allein die Schule eine Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen sozialen Gruppen, Schichten und Milieus durch ihr Angebot und ihre Inhalte gleicher machen kann, das ist eine unrealistische Erwartungshaltung.

tagesschau.de: In anderen Ländern gibt es diese Unterschiede aber auch, dennoch scheinen sie im Bildungssystem nicht so durchzuschlagen?

Barz: Da kommen wir in den Bereich der Spekulation. Es gibt Forscher, die sagen, das liegt am gegliederten Schulsystem in Deutschland. Weil es die sozialen Unterschiede eher zementiert, statt sie aufzubrechen. Das mag eine Rolle spielen. Andererseits gibt es Länder mit einem Gesamtschulsystem, die trotzdem große soziale Unterschiede und schlechte PISA-Ergebnisse haben. Das ist ein Streit, bei dem die Bildungsforscher bislang zu keinem Konsens gekommen sind.

"Alle zehn Jahre würde auch reichen"

tagesschau.de: Gibt es irgendeine Lehre, die Sie aus diesen PISA-Ergebnissen ziehen? Oder ist die Erkenntnis, dass man sich PISA komplett sparen kann?

Barz: Es gibt mittlerweile eine Reihe von Leuten, die das so sehen. Eigentlich liefert PISA immer mehr vom Selben. Hinzu kommt: PISA kostet viel Geld, erfordert viel Aufwand und versetzt die beteiligten Schulen in entsprechende Aufregung. Es gibt seit PISA eine deutliche Zunahme an Tests, Prüfungen und Dokumentationsverpflichtungen, Stichwort Monitoring. Daher wäre durchaus eine sinnvolle Überlegung, zu fragen: Würde PISA nicht vielleicht statt alle drei Jahre auch alle zehn Jahre ausreichen?

Das Gespräch führte Sandra Stalinski, tagesschau.de

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 03. Dezember 2019 um 09:00 Uhr.