Baden-Württemberg, Böblingen: Besucherin Rosemarie Wrobel wird im Alten- und Pflegeheim Haus am Maienplatz vor einem Besuch ihrer Mutter mit einem Corona-Schnelltest getestet. | Bildquelle: dpa

Corona und Pflegeheime "Wir brechen zusammen"

Stand: 19.12.2020 04:57 Uhr

In der Corona-Pandemie hat sich die schwierige Lage von Pflegeheimen dramatisch zugespitzt. Gegen die vielen Infektionen und Todesfälle sollen Schnelltests helfen. Doch die bringen neue Probleme.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Plätzchen- und Tannenzweigduft, gemeinsames Liedersingen und Vorlesen der Weihnachtsgeschichte - was normalerweise zum Weihnachtsfest in Pflegeheimen dazugehört, wird dieses Jahr an vielen Orten ausfallen müssen. Etwa ein Viertel aller deutschen Pflegeheime ist aktuell von Corona-Ausbrüchen betroffen - mit schwerwiegenden Folgen.

In Berlin etwa ist mehr als jeder zweite Corona-Tote Bewohner eines Pflegeheims gewesen. In Schleswig-Holstein waren es sogar fast 89 Prozent. Um diese besonders vulnerable Gruppe besser zu schützen, gibt es inzwischen zwar Schnelltests. Bis zu 30 dieser Antigen-Tests stehen seit Dezember pro Pflegeheimbewohner und Monat zur Verfügung, die Kosten trägt der Bund. Doch damit ist das Problem nicht gelöst. Denn wer soll diese Tests durchführen?

Testpflicht für Mitarbeiter und Besucher

Die Verordnungen der meisten Bundesländer sehen inzwischen eine Testpflicht für Mitarbeiter und Besucher vor. In Berlin beispielsweise muss das Personal sich zweimal die Woche testen, Besuche sind nur von einer Person pro Tag für eine Stunde erlaubt - und zwar nur dann, wenn sie einen negativen Corona-Test nachweisen. Auch die Bewohner werden in der Regel mindestens alle 14 Tage getestet. Die Tests sollen, so will es das Robert Koch-Institut, von medizinisch geschultem Personal durchgeführt werden. Aber "das Pflegepersonal kann diese Aufgabe nicht auch noch bewältigen", sagt Pflegeheimbetreiber Bernd Meurer, der auch Präsident des Bundesverbands privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) ist. "Die gehen schon jetzt über ihre Grenzen."

In einem Heim mit 100 Bewohnern gibt es etwa nochmal so viele Mitarbeiter - Küche, Reinigungskräfte, Verwaltung eingerechnet. Wenn das Personal nun zweimal die Woche und die Bewohner einmal getestet werden, sind das 300 Tests in der Woche, macht 1200 im Monat. Da bräuchte es eigentlich ein bis zwei Vollzeitkräfte mehr, die sich nur um die Tests kümmern, rechnet Meurer vor.

Es fehlt an Personal für Tests

Aber dieses zusätzliche Personal gibt es nicht. Schon vor der Pandemie herrschte in Deutschland Pflegenotstand, seit Jahren konkurrieren die Heime um die gleichen Fachkräfte, zahlreiche Stellen sind unbesetzt. "Und jetzt kommt eine Verordnung nach der anderen und alles wird bei den Pflegeheimen abgeladen", sagt Meurer. Zwar kann das Personal sich in der Regel selbst testen und nirgends steht explizit, dass die Pflegeheime für das Testen der Besucher verantwortlich sind. Doch in der Praxis lässt sich das wohl kaum anders bewerkstelligen. "Viele unserer Besucher sind ja Angehörige von Bewohnern, die oft selbst um die 80 sind", sagt Claudia Appelt, Sprecherin der Caritas Altenhilfe. Die wüssten oft gar nicht, wo sie so einen Schnelltest durchführen könnten.

Appelt ist - genauso wie Meurer - gewillt, Besuche weiterhin zu ermöglichen. Die Schnelltests seien prinzipiell eine gute Sache. Doch sei hier nicht zu Ende gedacht, wie das funktionieren soll. "Es ist ein enormer Druck, der da auf den Einrichtungen lastet", sagt Appelt. "Wir brechen zusammen", sagt Meurer, der gerne drastischere Worte wählt.

Meurer: "Zumachen kann man die Heime ja nicht"

Und wenn dann noch ein Corona-Ausbruch in einem Heim hinzukommt, gehe es gar nicht mehr. In einem seiner Pflegeheime war das vor fünf Wochen der Fall. Damals mussten 35 Prozent des Personals in Quarantäne. Er konnte den Betrieb nur aufrechterhalten, weil ein Geschäftspartner, der noch ein anderes Pflegeheim betreibt, mit Personal aushelfen konnte. "Aber was tun, wenn Sie niemanden finden, der aushilft?", fragt Meurer. "Zumachen kann man die Heime ja nicht."

Und wenn eine Infektion einmal in einem Heim ist, ist sie nur schwer einzudämmen. Oft seien 40 Prozent der Bewohner dementiell erkrankt, erklärt Appelt. "Die können sich nur schwer an Hygienevorschriften halten, weil sie es gar nicht verstehen." Und für die Mitarbeiter wird der Arbeitsalltag noch schwieriger, weil sie bei der Betreuung von Infizierten und Nicht-Infizierten ständig Schutzkleidung an- und ausziehen, Gegenstände desinfizieren und höllisch aufpassen müssen, dass sie die Infektion nicht von einem zum anderen tragen. Und doch - ganz verhindern lasse es sich nicht.

Hilferufe von allen Seiten

Hinzu kommt die psychische Belastung der Mitarbeiter, die Angst hätten, sich anzustecken, erzählt Meurer. Weil sie sehen, dass Kollegen sich angesteckt haben, zum Teil auch mit schweren Verläufen. "Man kann sich nicht tief genug vor diesen Leuten verneigen, wenn sie weiterhin zur Arbeit kommen." Das sei keine Selbstverständlichkeit.

Von allen Seiten sind daher Hilferufe zu hören: Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) bittet alle Pflegefachkräfte, die aktuell nicht in der Pflege arbeiten, sich zur freiwilligen Unterstützung zu melden. Dieser "Pflegepool", den es schon im Frühjahr gab, soll jetzt reaktiviert werden. Auch in anderen Bundesländern, wie Hessen und Berlin gibt es ähnliche Modelle. Diakonie-Chef Ulrich Lille fordert eine "echte Reform der Pflegeversicherung", um der Personalknappheit zu begegnen. Der Deutsche Pflegerat ruft laut Medien die Politik dazu auf, den Notstand zu erklären und das fehlende Personal für die Testungen in den Einrichtungen aufstocken. Beispielsweise durch Bundeswehrfachkräfte, durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder Hilfsorganisationen.

Berlin: Zwölf mobile Testteams für 300 Pflegeheime

Auch bpa-Präsident Meurer fordert personelle Hilfe. Bei dem Ausbruch in seinem Pflegeheim vor fünf Wochen, fühlte er sich allein gelassen. "Die Bundeswehrsanitäter, MDK-Kräfte und Medizinstudenten, von denen immer die Rede war, habe ich natürlich angefordert", sagt er. Gekommen sei aber niemand. Die würden in den Gesundheitsämtern gebraucht, habe es geheißen.

Zwar gibt es solche Hilfen vereinzelt bereits. In Berlin beispielsweise gibt es mobile Testteams, die die Pflegeheime unterstützen sollen, teilt der Berliner Senat auf Anfrage mit. Allerdings viel zu wenige. 12 Testteams für 300 Berliner Einrichtungen. Das reicht hinten und vorne nicht.

Appelt: "Weihnachten soll trotzdem gefeiert werden"

Und so versuchen die Einrichtungen, sich selbst zu helfen. Zumal Weihnachten bevorsteht und es den festen Willen gibt, dieses Fest mit den Bewohnern trotz Einschränkungen zu feiern. "Wir haben einen Aufruf an unser Personal der Verwaltung gemacht, ob der eine oder die andere über Weihnachten mithelfen könnte", sagt Caritas-Altenhilfe-Sprecherin Appelt. Auch Angehörige würden angeschrieben und um Unterstützung gebeten. Besuche sollten auf jeden Fall möglich gemacht werden, auch wenn das bedeute, dass die Heime die Besucher testen müssten.

Hoffnung auf Entspannung bringt die Ankündigung, dass erste Impfungen schon zwischen Weihnachten und Silvester beginnen können. Allerdings wird es auch dann noch eine ganze Weile dauern, bis alle Pflegeheimbewohner durchgeimpft sind. Und die Befürchtung ist schon jetzt, dass auch dabei wieder viel an den Heimen hängen bleibt. Die Einwilligungserklärung müssen die Bewohner oder ihre Betreuer nämlich schon unterschrieben zum Impftermin mitbringen. Dazu müsste im Vorfeld ein ärztliches Aufklärungsgespräch stattfinden. Wer das organisieren soll? Unklar.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Welle Nord am 16. Dezember 2020 um 17:00 Uhr und der NDR in "Panorama 3" am 10. November 2020 um 21:30 Uhr.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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