In einem Pflegeheim sind Besucherin und Patient durch eine Glasscheibe getrennt. | Bildquelle: dpa

Konzepte statt Besuchsverbot Wie gehen Pflegeheime in den Corona-Herbst?

Stand: 16.09.2020 09:18 Uhr

Geschützt, aber einsam: Das Corona-bedingte Besuchsverbot in Pflegeheimen traf Bewohner und Angehörige hart. Inzwischen sind viele Türen wieder offen - und das soll auch so bleiben. Statt Total-Isolation setzen Gesundheitsministerium und Heime auf Schutzkonzepte und lokale Beschränkungen.

Von Vera Cornette, BR

Der Anfang war die Hölle, erinnert sich Ute Schaal an die Zeit des Besuchsverbots. Schaal ist Hauswirtschaftsleiterin im Altenheim Alt-Lehel des Bayerischen Roten Kreuzes mitten in München. Sie führt in einen kleinen Besprechungsraum, schiebt die Jalousien zur Seite, deutet auf die Fensterfront. "Auf der Straße standen die Besucher, hier saßen die Bewohner. Da gab es keine Berührungen, sie haben sich nur über das Telefon gehört und durchs Fenster gesehen", erzählt Schaal von den ersten Wochen im Frühjahr unter Corona-Bedingungen.

Eine Zeit, die schwierig war für alle, erinnert sich Pfleger und Stationsleiter Emil Kvrgic. Auf seiner Station leben viele demente Menschen: "Sie konnten einfach nicht verstehen, was passiert." Es sei kaum möglich gewesen, ihnen zu erklären, was jetzt alles auf sie zukomme.

Besuche sind wieder möglich

Seit Mitte Mai ist die Situation entspannter. Die Eingänge des Altenheims sind zwar nicht mehr offen wie vor Corona. Aber Besucherinnen und Besucher müssen sich nicht mehr im Vorfeld anmelden. Der Mund-Nase-Schutz ist Pflicht, genau wie das Desinfizieren der Hände gleich im Eingangsbereich. An der Anmeldungstheke müssen Besucherinnen und Besucher noch den Kopf hinhalten - zum Fieber messen. Ist alles in Ordnung, tragen sie sich in eine Liste ein und können zu ihren Angehörigen.

Ein Desinfektionsmittelspender im AWO Altenzentrum in Heinsberg | Bildquelle: dpa
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Desinfektionsmittel sind Pflicht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich dafür ausgesprochen, dass das so bleiben soll. Erneute flächendeckende Besuchsverbote in Pflege- und Altenheimen schloss er aus. "Es braucht keine Besuchsverbote mehr, es braucht Beschränkungen und Konzepte, gerade im Winter, wenn es nicht mehr so einfach ist, sich draußen zu treffen", sagte Spahn Anfang September. Bei jedem Ausbruchsgeschehen solle regional oder lokal reagiert werden.

Das heißt etwa für Bayern: Wenn es mehr als 35 Infektionen pro 100.000 Personen gibt, können Gesundheitsämter präventiv reagieren. Bei einem Schwellenwert von mehr als 50 Infektionen pro 100.000 Personen können Besucherstopps angeordnet werden. Sowohl die Heime selbst, als auch die Gesundheitsämter oder landesweit das bayerische Gesundheitsministerium können dies veranlassen. Ein generelles Verbot gilt aber als unwahrscheinlich, ist auch aus dem Haus der bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml zu hören.

Isolation nur als Ausnahme-Lösung

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, beklagt jedoch, dass einzelne Einrichtungen aus Corona-Schutzgründen immer noch auf Isolation und damit Besuchsverbote setzten. Sechs Monate nach Beginn der Pandemie sei das nicht mehr akzeptabel, so Westerfellhaus. Eine Infektion mit dem Virus sei zwar ein großes Risiko für Bewohner von Pflegeeinrichtungen, die komplette Isolation könne aber nur in Ausnahmefällen die richtige Lösung sein.

Eine Bewohnerin eines Pflegeheims freut sich über den Besuch ihrer Angehörigen
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Menschliche Nähe bringt Lebensfreude. Doch damit steigt auch das Corona-Risiko.

Auch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz kommt Kritik. Die Schutzmaßnahmen träfen die 900.000 Heimbewohner höchst unterschiedlich. "Die allgemein gültigen Bestimmungen bieten den 12.000 Heimen zu viel Spielraum", sagte Vorstand Eugen Brysch. "So schießen die Träger bei der Isolation häufig über das Ziel hinaus." Bund und Länder müssten Regeln überarbeiten, um ein Mindestmaß an Freiheitsrechten sicherzustellen.

Im Münchner Altenheim Alt-Lehel ist man bemüht, Besuche zu ermöglichen. Doch der Herbst mit möglicherweise steigenden Infektionszahlen könnte für die Heime wieder eine große Herausforderung werden. Sie müssen eine Balance zwischen Gesundheitsschutz und menschlicher Nähe finden.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 02. September 2020 um 14:00 Uhr.

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