In einem Pflegeheim sind Besucherin und Patient durch eine Glasscheibe getrennt. | Bildquelle: dpa

Pflegeheime in Zeiten von Corona Wiedersehen am Besuchsfenster

Stand: 13.05.2020 02:34 Uhr

In immer mehr Pflegeheimen dürfen Angehörige wieder ihren Verwandten besuchen. Für sie geht damit eine psychische Belastungsprobe zu Ende. Für die Heime beginnt aber eine organisatorische Herausforderung.

Von Christian Kretschmer, SWR

"Hallihallo", sagt die 91 Jahre alte Lucia Dobras und strahlt. Der Grund dafür ist ihre Enkeltochter Selina Heltzel, die gerade im Innenhof des DRK-Seniorenheims in Kaiserslautern ankommt. Mit dabei hat sie ihren sechs Monate alten Sohn. "Wir waren beim Kinderarzt, siebeneinhalb Kilo wiegt er", berichtet Heltzel und strahlt zurück.

Mehr als sechs Wochen lang hat sich die Familie nicht mehr gesehen, wegen des Besuchsverbots im Heim. "Das war schlimm", sagt Dobras. In ihrem Zimmer sei sie meist allein. "Vor allem der Urenkel hat gefehlt." Auf den Arm nehmen kann sie ihn auch jetzt noch nicht. Das Treffen findet an einem "Besuchsfenster" statt: Die Bewohnerin im Heim, die Angehörigen draußen, getrennt durch eine dünne Plexiglasscheibe.

Eine Bewohnerin eines Pflegeheims freut sich über den Besuch ihrer Angehörigen
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Die Freude über das Wiedersehen ist Lucia Dobras anzusehen.

Ein großer Schritt für Angehörige

Seit rund einer Woche sind diese Besuche auf Distanz hier wieder möglich, begrenzt auf eine Stunde und unter Hygieneauflagen.  Selina Heltzel hat dafür Verständnis. "Es wäre sicher keine gute Idee, das Haus direkt zu öffnen", sagt sie. Die Sicherheit gehe vor. Aber auch so überwiegt die Freude: "Es ist doch etwas anderes, sich direkt zu sehen, als nur zu telefonieren. Das ist schon mal ein großer Schritt."

Der Schritt in Richtung Normalität ist für alle eine Erleichterung - für Heimleiterin Gabriele Huber ist er aber auch eine Herausforderung. Sie und ihr Team koordinieren nun mindestens 20 bis 30 Besuche jeden Tag. Dafür müssen die Angehörigen vorher anrufen und bekommen dann einen eigenen Termin zugewiesen. "Da steckt eine wahnsinnige Logistik dahinter", sagt Huber. Besonders Termine zur Feierabendzeit seien gefragt. "Aber es können nun mal nicht alle zwischen 16 und 18 Uhr kommen." Immerhin habe sie noch nie von ihrem Hausrecht Gebrauch machen und einem Angehörigen absagen müssen.

Zusatzaufwand für das Personal

Neben drei Besuchsfenstern hat Huber auch einen Besucherraum im Heim vorbereitet. Vor allem die Treffen hier bedeuten einen großen Aufwand für das Pflegepersonal, das ohnehin von morgens bis abends gefordert ist. "Das ist ein Problempunkt", sagt Huber. Denn die Mitarbeiter müssen sich nicht mehr ausschließlich um die Bewohner kümmern. Sie empfangen die Angehörigen an der Pforte, verteilen Schutzmasken und sogar Plastikschürzen, begleiten sie in den Besucherraum.

Dort achten sie darauf, dass mindestens 1,5 Meter Abstand eingehalten wird. Danach geht es zurück zur Pforte, zum Schluss wird alles desinfiziert - und dann steht schon der nächste Termin an. Das Heim sucht nun Freiwillige, die das Personal bei den Besuchen unterstützen.

Ein weiteres Problem: Die Verordnungen der Länder müssen laut Huber sehr kurzfristig umgesetzt werden. "Den Heimen bleibt kaum Vorbereitungszeit", sagt auch Brigitte Lerch, Referentin der Caritas im Bistum Mainz. Der Verband betreibt sieben Pflegeeinrichtungen in Rheinland-Pfalz, aber auch ein paar in Hessen. 

Mancherorts fehlen geeignete Räumlichkeiten

Dort sind Besuche bereits seit knapp zehn Tagen wieder möglich. Die seien teils "chaotisch" gelaufen, sagt Lerch. Nicht alle Heime hätten die passenden Räumlichkeiten, um die Begegnungen schnell möglich zu machen. Vor allem für bettlägerige oder an Demenz erkrankte Bewohner, die sich nur schwer an Hygienemaßnahmen halten können, fehlten bislang funktionierende Besuchskonzepte. Dazu kommen Schwierigkeiten mit Angehörigen. "Manche Familien haben sich gar nicht angekündigt", erzählt Lerch. Sie hätten in den ersten Tagen der Lockerung in Gruppen vor der Tür gestanden.

Unterschiedliche Vorgaben der Länder

Dabei darf nur jeweils ein Angehöriger oder eine nahestehende Person ins Heim gelassen werden. Aber es gibt bei den Bestimmungen auch Unterschiede bei den Bundesländern: In Rheinland-Pfalz etwa ist je Bewohner ein einstündiger Besuch erlaubt, und zwar täglich. Im Nachbarland Hessen dagegen sind die Vorgaben strenger, hier ist nur ein Besuch je Bewohner in der gesamten Woche zulässig.

"Eine Abstimmung der Länder wäre da sinnvoll", sagt Bernd Meurer, Vorsitzender des Verbands privater Pflegeanbieter bpa. Er kritisiert vor allem, dass die Verordnungen nach seiner Einschätzung zu allgemein gehalten werden. Klarere Vorgaben würden die Einrichtungen zum Beispiel bei rechtlichen Fragen entlasten - etwa, falls sich im Heim ein Bewohner nach einem Besuch infiziert. "Wenn etwas schief geht, ermittelt sofort der Staatsanwalt", sagt Meurer. Die Politik schiebe den Heimen die Verantwortung und damit auch das Risiko zu. 

Gabriele Huber, die Leiterin des Seniorenzentrums in Kaiserslautern, sieht das anders. "Es ist gut, dass die Heime bei der Umsetzung die Entscheidungskompetenz haben", sagt sie. Klarere Vorgaben der Landesregierung wünscht sie sich nicht. Die Leitungen vor Ort wüssten am besten, wie sie Besuche der Familienmitglieder ermöglichen können. Selbst wenn es nur am Besuchsfenster ist.

Dort geht auch das Wiedersehen von Selina Heltzel und ihrer Großmutter zu Ende. Sie komme jetzt wieder jeden Tag vorbei, sagt Heltzel, auch wenn es nur für eine Stunde ist. Das sei erst einmal ausreichend. "Schließlich wollen ja noch andere Angehörige ihre Verwandten sehen."

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