Kinder spielen im Sandkasten. | Bildquelle: dpa

Zahlen und ihre Interpretation Mehr Pflegekinder - aber warum?

Stand: 30.04.2019 18:40 Uhr

Seit Jahren steigt die Zahl von Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien. Was das zu bedeuten hat, darüber sind sich Opposition und Regierung jedoch uneins.

Von Sabine Müller, ARD Hauptstadtstudio

Es ist wie so oft im Berliner Politbetrieb: Ein und dieselben Zahlen werden sehr unterschiedlich interpretiert. Norbert Müller von der Linksfraktion, der bei der Bundesregierung nachgefragt hatte, sieht die Entwicklung negativ. Mehr als 81.000 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien, so viele wie noch nie - und ein Drittel mehr als 2008. Da ergäben sich viele Fragen, meint Müller. Vor allem, wenn man dann noch wisse, dass der Großteil dieser Kinder aus finanziell schwachen Verhältnissen komme und mehr als Hälfte aus Alleinerziehenden-Haushalten:

"Sollte es gesellschaftlich akzeptiert sein, dass Kinder, weil sie arm sind, ein höheres Risiko haben, fremd untergebracht zu werden und nicht bei ihren Eltern bleiben zu können? Gibt es möglicherweise unterschiedliche Standards, werden möglicherweise Kinder aus armen Familien eher fremd untergebracht, als ein Kind aus einer Akademikerfamilie, wo es aber vielleicht einen vergleichbaren Fall gibt?"

Immer mehr Kinder leben in Pflegefamilien
tagesthemen 22:20 Uhr, 30.04.2019, Peter Jagla, NDR

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Die Bundesregierung interpretiert die Zahlen ganz anders. Nach vielen Debatten über schreckliche Fälle von Kindesmissbrauch sei die Gesellschaft jetzt sensibler, schaue besser hin, die Jugendämter machten gute Arbeit, sagt Andreas Audretsch, Sprecher im Familienministerium:

"Wenn wir daraus am Ende die Situation ableiten, dass die Jugendämter mit mehr Fällen umgehen, weil wir eine höhere Meldung haben von problematischen Fällen in Familien, dann ist das für uns erstmal eine positive Entwicklung."

Ist Kinderarmut Kindeswohlgefährdung?

Der Linken-Abgeordnete Müller wirft der Bundesregierung vor, ärmere Menschen und Alleinerziehende systematisch auszugrenzen und zu benachteiligen. Seine Schlussfolgerung: Kinderarmut bedeute strukturelle Kindeswohlgefährdung, aber die Verantwortung dafür trügen nicht die Eltern, sondern die Regierung:

"Wenn man davon ausgeht - und das tue ich - dass arme Familien genauso liebevoll und verantwortlich mit ihren Kindern umgehen, möglicherweise aber in besonders schwierigen Situationen sind, dann ist es doch eine gesellschaftliche Aufgabe, diese Familien besser zu unterstützen, bevor Kinder aus Familien herausgenommen werden müssen."

Müller erzählt vom Fall einer jungen Mutter, die das dritte Kind vom dritten Freund bekam und der das Jugendamt das Baby sofort wegnahm und in eine Pflegefamilie gab - mit der Begründung, sie habe ganz offensichtlich ihr Leben nicht im Griff. Solche Fälle will Müller verhindern.

Achim Wendler, BR, kommentiert die wachsende Zahl von Kindern in Pflegefamilien
tagesthemen 22:20 Uhr, 30.04.2019

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Die Bundesregierung betont, wie viel sie für ärmere Familien und Alleinerziehende tue. Ministeriumssprecher Audretsch nennt unter anderen die Erhöhung des Kinderzuschlags und die automatische Befreiung von Kita-Gebühren:

"Was für viele Familien zur Folge hat, dass das schnell viele 100 Euro im Portemonnaie ausmachen kann. Das heißt: Wir adressieren diese ganze Frage der Sozialpolitik und der Kinderarmut sehr, sehr intensiv."

Eine Frau schubst auf dem Spielplatz eines Kindergartens ein Mädchen auf einer Schaukel an
galerie

Die Zahl von Kindern, die in Pflegefamilien untergebracht sind, ist nach Angaben der Bundesregierung deutlich gestiegen. Eine Folge von Kinderarmut, sagt die Linkspartei.

Heim oder Familie - eine Entscheidung nach Kassenlage?

Neben den gut 81.000 Kindern und Jugendlichen in Pflegefamilien sind weitere knapp 100.000 Kinder in Heimen untergebracht. Die Entscheidung, welche Form der Unterbringung gewählt wird, hängt allein vom Kindeswohl ab, beteuert die Bundesregierung. Die Linke befürchtet dagegen, die Entscheidung werde teilweise nach Kassenlage getroffen, weil die Unterbringung im Heim deutlich teurer ist. 2017 betrugen die Kosten für Pflegekinder in Familien 1,2 Milliarden Euro, die Kosten für Heimkinder fünf Milliarden Euro.

Aus den vorliegenden Zahlen lässt sich allerdings keine Präferenz für Pflegefamilien herauslesen: Seit 2008 sind die Fallzahlen der Heimunterbringung prozentual stärker gestiegen als die der Pflegefamilien. Allerdings melden die Bundesländer auch regelmäßig, dass Pflegefamilien händeringend gesucht werden. Positiv bewertet Linken-Politiker Müller, dass die Bundesregierung einen Dialogprozess gestartet hat, um die Kinder- und Jugendhilfe zu reformieren. Allerdings bleibe hier noch sehr viel zu tun, sagt er.

Immer mehr Kinder in Pflegefamilien
Sabine Müller, ARD Berlin
30.04.2019 16:28 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 30. April 2019 um 17:00 Uhr.

Korrespondentin

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