Diskussion über Pflegenoten Mittagessen sehr gut - Wundversorgung mangelhaft?

Stand: 02.12.2009 00:43 Uhr

Wer für seine Eltern einen Platz im Pflegeheim sucht, den quälen drängende Fragen: Wo werden Mutter und Vater professionell versorgt - und nicht in einer Fließband-Pflege rasch abgefertigt? Ein Notensystem soll jetzt im Internet offenlegen, wie Seniorenheime mit ihren Bewohnern umgehen. Kritiker halten den Pflege-TÜV für Augenwischerei: Die wahren Zustände in deutschen Pflegeheimen würden verschleiert.

Von Jörn Unsöld für tagesschau.de

Ein Pfleger hilft einer alten Dame beim Gang über den Flur
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In Deutschland arbeiten laut Experten zu wenig Altenpfleger.

Die Qualität der Pflege verbessern und mehr Transparenz schaffen, damit die "schwarzen Schafe" unter den Altenheimen enttarnt werden: Um dieses Ziel zu erreichen, sieht die jüngste Pflegereform - initiiert von der früheren Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) - eine Beurteilung von Heimen und ambulanten Pflegediensten vor.

Auf www.pflegelotse.de hat der Verband der Ersatzkassen (vdek) nun die ersten Ergebnisse online gestellt. Dort werden die Heime nach dem Schulnoten-Prinzip von 1 bis 5 eingestuft. Die Zensuren basieren auf Befragungen, die Tester des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) in Pflegeheimen erhoben haben. Seit Juli besuchen die Prüfer unangekündigt Pflegeheime in Deutschland und analysieren sie anhand von 64 Kriterien. Diese reichen vom Umgang mit Medikamenten über Sauberkeit, Hygiene und Freizeitangebote bis hin zur Lesbarkeit der Speisepläne. Bis Ende 2010 soll jedes Pflegeheim einmal getestet worden sein.

Experte Fussek: Zensuren lenken nur ab

Doch dieses Notensystem funktioniere nicht, glaubt Pflege-Experte Claus Fussek: "Man kann Autos oder Waschmittel bewerten - aber nicht Pflegeheime oder Krankenhäuser." Das Ranking lenkt seiner Meinung nach vom Hauptproblem ab: In deutschen Heimen arbeiten zu wenig qualifizierte Altenpfleger. Bei der Betreuung könne es innerhalb eines Heimes sowohl von Station zu Station als auch von Schicht zu Schicht gravierende Unterschiede geben. Noten seien daher nicht aussagekräftig.

Fussek kann es sich ohnehin nicht vorstellen, dass nach der ersten Untersuchung nahezu 70 Prozent der Heime mit "gut" oder "sehr gut" abschnitten - und lediglich acht Prozent mit "ausreichend" oder "mangelhaft".

Pflegenoten


Anfang Oktober präsentierte der Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (GKV) die Noten für rund 1000 untersuchte Pflegeheime. Von einem Pflege-Chaos in deutschen Heimen kann demzufolge keine Rede sein:

Zwei Drittel der bis dahin getesteten Heime erhielten die Gesamtnote "gut" oder "sehr gut", acht Prozent wurden mit "ausreichend" oder "mangelhaft" bewertet. Aus den Zahlen geht allerdings auch hervor: In jeder fünften Einrichtung gibt es Mängel beim Umgang mit Demenzkranken. Nach den bisherigen Ergebnissen der Befragung stellen vor allem die zeitaufwändige Ernährung und Versorgung der Menschen mit ausreichend Flüssigkeit die Altenpfleger vor Probleme.

"Ein Pflegeheim ohne Mängel gibt es nicht"

Hände einer Pflegerin und Patientin
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Eine Pflegerin prüft die Greiffestigkeit einer Patientin.

"Ich halte das für ein System der Volksverdummung. Ein Pflegeheim ohne Mängel gibt es nicht", sagt er im Gespräch mit tagesschau.de. Mittlerweile würden Beraterfirmen den Heimleitern Tipps geben, wie sie möglichst gut bewertet werden.

Doris Schiemann, Pflegewissenschaftlerin von der Fachhochschule Osnabrück, lehnt die Benotung von Pflegeheimen nicht grundsätzlich ab. Ihr Vorwurf richtet sich vielmehr gegen die Methoden der Befragung. "Bei vielen Prüfkriterien wird lediglich gefragt, ob eine pflegerische Maßnahme - etwa die Vorbeugung eines Druckgeschwürs - vorgenommen wird. Nicht aber, auf welchem fachlichen Niveau dies geschieht und mit welchem Erfolg."

Außerdem hätten die Kriterien - wie bei wissenschaftlichen Untersuchungen üblich - eine längere Testphase durchlaufen müssen. "Man kann Indikatoren zur Messung von Pflege-Qualität nicht einfach aus dem Boden stampfen", ergänzt Schiemann. Möglich sei daher, dass verschiedene Tester in demselben Pflegeheim zu unterschiedlichen Bewertungen kommen könnten.

GKV verteidigt Notensystem

Bewohnerin einer Seniorenheimanlage liest einen Text.
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Auch das Unterhaltungsprogramm in Seniorenheimen nehmen die Tester unter die Lupe.

Widerspruch kommt vom Spitzenverband der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen (GKV). "Man tut den Verbrauchern unrecht, wenn man sagt, sie würden aus den Noten nicht schlau", sagt GKV-Sprecherin Ann Marini. Ihr Verband weist den Vorwurf zurück, schlechte Zensuren bei der körperlichen Pflege ließen sich beispielsweise durch gute Werte wegen eines seniorengerechten Unterhaltungsprogramms gegenrechnen. Denn in über der Hälfte der Kriterien geht es um Aspekte der Pflege und der medizinischen Versorgung - und nicht um die Frage, ob der Speiseplan leserlich ist.

Letztlich empfiehlt Pflege-Experte Fussek bei der Wahl des richtigen Pflegeheims, sich im Freundes- und Kollegenkreis umzuhören. Allerdings: Einen unverfälschten Einblick ins Innenleben eines Altenheims bekommen seiner Meinung nach nur wenige Menschen - Rettungssanitäter und Bestatter.                      

Wie die Pflegenoten zustande kommen


Durch das Pflege-Weiterentwicklungs-Gesetz gibt es in Deutschland erstmals ein einheitliches Bewertungsraster für Seniorenheime und ambulante Pflegedienste. Seit Juli 2009 untersuchen Prüfer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) unangemeldet Altenheime.

Bis Ende 2010 sollen alle Einrichtungen in Deutschland einmal geprüft sein. Laut Gesetz müssen sie danach erneut jährlich unter die Lupe genommen werden. Die MDK-Prüfer analysieren die Pflegeheime anhand von 64 Kriterien, für die Punkte auf einer Skala von 1 bis 10 vergeben werden.

Die Gesamtbewertung eines Heimes kommt zustande, indem der Mittelwert der Punkte für die 64 Einzelkriterien berechnet wird. Dieser Wert wird einer Zensur von 1 ("sehr gut") bis 5 ("mangelhaft") zugeordnet. Die Endnote setzt sich zusammen aus den vier Teilbereichen "Pflege und medizinische Versorgung", "Umgang mit demenzkranken Bewohnern", "soziale Betreuung und Alltagsgestaltung" sowie "Wohnen, Verpflegung, Hauswirtschaft und Hygiene".

Die Meinung der Bewohner wird bei der Prüfung auch berücksichtigt. Sie werden beispielsweise gefragt, ob die Pflegekräfte ihnen morgens beim Anziehen freie Wahl der Kleidung lassen oder ob ihnen das Essen schmeckt. In die Endnote fließen die Antworten der Pflegebedürftigen allerdings nicht ein. Es sei methodisch sinnvoll, die fachliche Beurteilung von der subjektiven Ansicht der Bewohner zu trennen, heißt es zur Begründung.

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