Eine ambulante Pflegerin hilft einem alten Mann bei der Tabletteneinnahme. | dpa

Studie zu Pflegehaushalten Die "Vergessenen der Pandemie"

Stand: 23.08.2021 17:39 Uhr

Verängstigt und vergessen - so fühlten sich die meisten Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen zu Hause laut einer neuen Studie während der Pandemie. Der Sozialverband VdK fordert als Konsequenz einen Notfallplan für künftige Krisen.

Von Jan Zimmermann, ARD-Hauptstadtstudio

Was einige schon ahnten, ist jetzt in einer Studie belegt: Pflegebedürfte Menschen und ihre Angehörigen haben in den vergangenen Monaten sehr gelitten. Viele Ängste bestimmten den Alltag. "Für die Menschen war in den vergangenen Monaten vor allem die Einsamkeit und Angst vor Infektionen eine große Belastung", erklärt Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK.

Zwei Drittel der meist älteren Personen sorgten sich, dass sich ihre Pflegesituation verschlechtern könnte - wenn zum Beispiel Helfende, auf die sie angewiesen sind, infizieren und erkranken. 81 Prozent der Pflegebedürftige und 87 Prozent der Angehörigen mieden in der Folge den Kontakt zu Dritten außerhalb des eigenen Haushalts. Bentele sagt:

Für die Betroffenen ist die Isolation eine ganz schwierige Situation, weil sie sich nicht mehr austauschen können, weil sie kein anderes Gesprächsthema mehr haben als die Situation zu Hause und den Alltag.

Austausch wichtig für Entlastung

Gerade der Austausch, um vielleicht ein bisschen Zuspruch zu kriegen und mal über ein ganz anderes Thema zu sprechen, sei wichtig, um auch eine Entlastung zu bekommen. Doch viele Entlastungsmöglichkeiten wie die Tagespflege brachen vielerorts in den vergangenen Monaten weg.

Auch Werkstätten für Menschen mit Behinderung mussten schließen. Über 70 Prozent der Befragten fühlten sich psychisch stark belastet - mit dauerhaften gesundheitlichen Folgen.

VdK fordert Krisen- und Katastrophenplan

Der Sozialverband VdK fordert von der Regierung einen Krisen- und Katastrophenplan, nachdem in Notlagen zum Beispiel Kommunen die Versorgung zu Hause sicherstellen sollen. Bentele meint: "Wenn eine Pandemie kommt und Angebote wegfallen, braucht es eben dafür ein Backup. Dann braucht es von den Kommunen zum Beispiel Angebote, die zur Verfügung stehen."

Für die Angehörigen müsse es zudem mehr finanzielle Unterstützung geben: beispielsweise einen Anspruch für jeden auf Pflegezeit mit Lohnersatz und vor allem ein höheres Pflegegeld, mit dem Betroffene Unterstützungsleistungen bezahlen können.

Wundversorgung durch einen ambulanten Pflegedienst in der Wohnung eines Patienten | picture alliance / Hans Wiedl/dp

Mehr als drei Millionen Menschen werden zu Hause gepflegt. Bild: picture alliance / Hans Wiedl/dp

Forderungen nach höherem Pflegegeld

"Wir wollen für ein höheres Pflegegeld klagen, wenn es sein muss bis zum Bundesverfassungsgericht", so Bentele. Die Bundesregierung müsse sich an ihre eigenen Regeln halten. 2020 habe es bereits eine Überprüfung des Pflegegeldes gegeben. Da sei dann festgestellt worden, dass man es um fünf Prozent erhöhen müsse, "um der Inflation sozusagen den Ausgleich zu schaffen. Das ist nicht passiert."

Mehr als drei Millionen Menschen würden davon wohl profitieren, so viele werden zu Hause gepflegt - in den meisten Fällen von den Angehörigen allein.

Über dieses Thema berichtete am 23. August 2021 NDR Info um 16:05 Uhr und die tagesschau um 17:00 Uhr.