Alter und junger Mensch reichen sich die Hand | picture-alliance/ dpa

Forderungen an die Ampel Die Pflegebranche erwartet viel

Stand: 13.10.2021 04:21 Uhr

Die Not ist groß in der Pflege: Zu wenig Personal, zu geringe Bezahlung, zu hohe Kosten. Auf dem Deutschen Pflegetag werden die Forderungen an die künftige Bundesregierung groß sein.

Von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Die Hilferufe aus der Pflege können kaum dringlicher werden: Wenn die Politik nicht bald handelt, befürchtet die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, einen Notstand: "Dann heißt das für die Kliniken, dass sie bestimmte Fachabteilungen nicht mehr bedienen können, dass Stationen zugemacht werden", sagt sie. Das betreffe auch die Pflegeheime - "das heißt, die Angehörigen müssen die Grundversorgung übernehmen".

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Berliner Pflegekräfte streiken seit Wochen

Schon jetzt sei es schwierig, einen ambulanten Pflegedienst zu finden, so Vogler. Bereits jetzt leide die Versorgung der Kranken und Pflegebedürftigen. Deshalb streiken in Berlin seit Wochen Pflegekräfte der Charité und der Vivantes-Kliniken.

Eine von ihnen ist Stella Merendino, Pflegefachkraft in der Notfallmedizin. Sie beklagt den Personalmangel im Normalbetrieb: Schichten, die mit sieben Fachkräften versorgt sein müssten, würden nur mit dreien gefahren. "Es werden kritische Patienten unterversorgt oder Dinge zu spät erkannt, die man im Vorhinein viel besser hätte regeln können", sagt Merendino. Unter diesen Bedingungen will die 27-Jährige nicht mehr arbeiten, obwohl sie ihren Job liebt.

Pfleger fordern höheres Budget für Krankenhäuser

So geht es vielen in der Pflege. Deshalb fordern die Streikenden einen höheren Personalschlüssel. Dafür müssten etwa die Krankenhäuser ein extra Budget bekommen, damit sie wirklich mehr Leute einstellen, erklärt Merendino, die sich in der Berliner Krankenhausbewegung engagiert.

Nur höhere Löhne genügten da nicht. Doch neben mehr Personal brauche es auch bessere Bezahlung, ist der Deutsche Pflegerat überzeugt, um mehr Leute in den Beruf zu locken.

Pflegerat fordert bundesweites Lohnniveau von 4000 Euro

Für Christine Vogler gehört das in den Koalitionsvertrag: "Personalbemessungsinstrumente einsetzen und umsetzen - sofort in den nächsten zwei, drei Jahren", fordert sie. "Und dafür zu sorgen, dass die Pflegenden in ganz Deutschland auf einem Niveau ankommen von 4000 Euro."

Bisher gibt es zwischen der Alten- und Krankenpflege sowie regional unterschiedliche Löhne. Mehr Personal, das besser bezahlt wird, kostet natürlich.

Das Problem in der Altenpflege: Die Pflegebedürftigen zahlen bereits durchschnittlich mehr als 2000 Euro pro Monat selbst. Deshalb muss eine Reform der Finanzen her. Ein echter Brocken für SPD, Grüne und FDP in ihren Sondierungsgesprächen.

Offene Ohren für die Probleme genügen nicht

Sabine Dittmar, die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, würde gerne gesetzliche und private zu einer Bürgerversicherung zusammenlegen: "Es ist kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir Sozialdemokraten uns natürlich gern in Richtung Bürgerversicherung bewegen wollen oder uns einen finanziellen Ausgleich zwischen gesetzlicher und privater Versicherung wünschen." Auch ein höherer Bundeszuschuss sei ein gangbarer Weg. "Ich hoffe sehr, dass die FDP hier über ihren Schatten springt", sagt Dittmar.

Ein Steuerzuschuss ist mit der FDP wohl noch eher machbar als eine Bürgerversicherung. SPD und Grüne liegen nicht so weit auseinander.

Die Pflege erwartet viel: Die Probleme seien immer auf offene Ohren gestoßen, sagt Vogler - doch nun müsse die Politik auch Konsequenz zeigen und die Lösungen angehen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 13. Oktober 2021 um 07:09 Uhr.