Düngemittel aus der Landwirtschaft sind der Grund für die hohe Nitratbelastung im Grundwasser. | Bildquelle: dpa

Pestizide in der EU Hochgiftig - aber zugelassen

Stand: 15.11.2018 12:02 Uhr

Immer wieder werden Pestizide in der EU eingesetzt, weil die Prüfung zu lange dauert. Darunter sind nach Monitor-Recherchen auch hochtoxische Stoffe - ist das wirklich Zufall?

Von Stephan Stuchlik und Elke Brandstätter, WDR

Ulrich Elixmann ist 58 Jahre alt und Frührentner. Der ehemalige Gärtner leidet unter Parkinson und ist überzeugt davon, dass daran sein Beruf schuld ist. 40 Jahre lang hat er ständig mit Pestiziden gearbeitet. "Da wurde sehr leichtfertig damit umgegangen", sagt er. Er kenne Leute, die hätten die Spritzbrühe mit den Händen angerührt. "Da hat nie ein Mensch daran gedacht, dass das solche Schäden hervorrufen kann."

Der Verdacht, dass die Pflanzenschutzmittel, mit denen Elixmann in Berührung kam, für seine Parkinson-Erkrankung verantwortlich sind, werden von Studien der University of California in Los Angeles bestätigt. Hier wurden Pflanzenschutzmittel untersucht, mit denen auch Elixmann in Kontakt war.

Zulassung verlängert

Einer dieser Wirkstoffe dürfte eigentlich gar nicht mehr auf dem Markt sein, da seine Zulassung abgelaufen ist. Aber im Januar wurde die Zulassung verlängert, ohne dass der Stoff erneut geprüft wurde, wie nach EU-Recht eigentlich vorgeschrieben.

Der Grund: Nach einer Ausnahmeregelung der EU-Pflanzenschutzmittelverordnung darf der Genehmigungszeitraum eines Wirkstoffes verlängert werden, wenn Gründe vorliegen, die "der Antragsteller nicht zu vertreten hat." Mit anderen Worten: Wenn die Prüfung eines Stoffes zu lange dauert, bekommt der Stoff eine Ausnahmeverlängerung.

Eine Ausnahme, die mittlerweile fast zur Regel geworden ist. Nach Recherchen des ARD-Magazins Monitor bekommt in der EU mittlerweile beinahe jedes vierte Pflanzenschutzmittel eine solche Ausnahmeverlängerung. 112 von insgesamt 489 Stoffen sind demnach aktuell ohne die eigentlich vorgeschriebene Neuprüfung auf dem Markt. 

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Parkinson wegen Pestiziden? Der ehemalige Gärtner Ulrich Elixmann hat Pflanzenschutzmittel in Verdacht.

"Toxisch für die Umwelt"

Das sei hoch gefährlich, warnen Fachleute. Einige Stoffe dürften nicht mehr in die Umwelt gelangen: "Diese Stoffe sind meines Erachtens überhaupt nicht mehr zulassungsfähig, weil sie extrem humantoxisch sind, für die Menschen giftig sind, und weil sie auch extrem toxisch für die Umwelt sind", sagt der Toxikologe Hermann Kruse, der an der Universität Kiel jahrelang zu Pflanzenschutzmitteln geforscht hat.

Manche der Stoffe seien "toxischer als Glyphosat". Dabei handele es sich um Stoffe, "die das Nervensystem der Menschen angreifen und zum Teil auch im Verdacht stehen, krebserzeugend zu sein."

Zu lange Bearbeitungszeiten?

In einem EU-Audit von 2016 wurde die Bundesrepublik Deutschland dafür kritisiert, dass sie im Durchschnitt bis zu sechs Mal längere Bearbeitungszeiten für manche Verfahren brauche als in der Verordnung maximal vorgesehen. Damit gehört Deutschland in der EU zu den Spitzenreitern, was die Bearbeitungszeit im Zulassungsverfahren betrifft. Insgesamt sind in Deutschland vier verschiedene Behörden an diesem Prozess beteiligt.

Auf Anfrage von Monitor wies das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), dem die Koordination der Pestizidzulassung in Deutschland unterliegt, die Kritik an vielen Ausnahmeverlängerungen von Pestiziden wegen Fristüberschreitungen deutscher Behörden zurück: "Im Geschäftsbereich des BMEL" sei "die Verfristungsproblematik gelöst."

Doch daran gibt es Zweifel: Seit 2016 wurden 22 Stoffe in Zulassungsverfahren mit deutscher Beteiligung nur deshalb verlängert, weil die Behörden zu langsam prüften. Darunter befinden sich mindestens neun Stoffe, die laut Experten wegen ihrer Giftigkeit nicht mehr zugelassen werden dürften.

Ein Landwirtschaftsfahrzeug versprüht Pflanzenschutzmittel (Archivbild)
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Ein Landwirtschaftsfahrzeug versprüht Pflanzenschutzmittel (Archivbild)

Grüne vermuten Vorsatz

Der EU-Abgeordnete Martin Häusling (Bündnis 90/Die Grünen), der im Pestizidausschuss des Europäischen Parlaments sitzt, vermutet bei der Langsamkeit der deutschen Behörden Absicht: "Ich glaube, da ist viel Vorsatz dahinter", sagt er. "Man stellt sich schützend vor die Industrie. Man sieht, da geht es um richtig viel Geld, wenn die Stoffe am Ende vielleicht vom Markt genommen werden." Angesichts der Größenordnung der Ausnahmegenehmigungen in der EU spricht er von einem "Skandal".

Gärtner Elixmann kämpft jetzt darum, dass die Berufsgenossenschaft den Zusammenhang zwischen dem Pestizideinsatz und seiner Parkinson-Erkrankung anerkennt. In Frankreich gilt Parkinson bei Gärtnern und Landwirten bereits als Berufskrankheit. Zu den Pflanzenschutzmitteln, die nur mit Ausnahmegenehmigungen auf die Äcker gelangen, hat er eine klare Meinung: "Da die Forschungsergebnisse heute da sind, müsste das grundlegend verboten werden und diese Mittel sofort, von meiner Sicht aus, beseitigt und entsorgt werden."

Dieses und weitere Themen sehen Sie heute in Monitor um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete die Sendung Monitor am 15. November 2018 um 21:45 Uhr.

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