Bundespräsident Steinmeier und seine Frau blicken auf eine Lichtinstallation am Schloss Bellevue. | Bildquelle: dpa

Gesellschaft im Pandemie-Jahr Das Wir in der Krise

Stand: 24.12.2020 09:14 Uhr

Proteste, Misstrauen, Hasstiraden: Für das gesellschaftliche Zusammenleben war dieses Jahr eine enorme Belastung. Dauerhafter Schaden für die Demokratie lässt sich nur mit einer Kraftanstrengung abwenden.

Von Janne Kieselbach, tagesschau.de

Jeden Abend um 21 Uhr hallt Applaus durch die Häuserschluchten deutscher Großstädte. Die Menschen stehen auf ihren Balkonen und jubeln dem tapferen Pflegepersonal in den Kliniken zu. Die Geste des Dankes ist zugleich eine Selbstversicherung im unbehaglichen Lockdown: Wir sind nicht allein, wir schaffen das gemeinsam. Das war im April. 

Mittlerweile ist es kalt geworden im Land. Der Winter ist da - und mit ihm die zweite Corona-Welle. Die Infektionszahlen steigen unaufhaltsam, Pandemie-Müdigkeit hat sich breitgemacht - und applaudiert wird schon lange nicht mehr. Viel ist passiert, seit das Virus im Frühjahr auch Deutschland erfasste. Und nicht erst im Rückblick wird klar: Die medizinische Krise ist auch ein Stresstest für das Zusammenleben. Von einer "demokratischen Zumutung" sprach die Kanzlerin. 

Am Anfang ist die Ungewissheit 

Auf die erste Pandemie-Welle und die weitreichenden Gegenmaßnahmen im März und April folgt zunächst noch erstaunliche Einigkeit: Weder aus der parlamentarischen Opposition noch aus der Bevölkerung sind starke Einwände gegen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, geschlossene Geschäfte, Restaurants, Schulen und Kitas zu hören - zu wenig ist im Frühjahr über das Virus bekannt, zu unwägbar erscheint das Risiko. 

Die im Krisenmodus operierende Bundesregierung erreicht in dieser Zeit Zustimmungswerte, wie sie zum Jahreswechsel noch undenkbar gewesen wären: Anfang April sagen zwei Drittel der Befragten im ARD-DeutschlandTrend, sie seien mit der Arbeit der Regierung sehr zufrieden oder zufrieden. Das ist allerhand für eine Große Koalition, die eben noch als unbeliebt galt. Die von Angela Merkel angeführten Unionsparteien klettern von 27 Prozent am 4. März auf ihr Jahreshoch am 7. Mai mit 39 Prozent.

Doch während sich Deutschland Ende April über sich - im europäischen Vergleich - günstig entwickelnde Infektionszahlen freuen darf, bröckelt die Einigkeit in Politik und Gesellschaft. Es beginnt eine Diskussion über die Verhältnismäßigkeit der Einschränkungen. Das Wort "Lockerungen" bestimmt die Debatte. Mehrere Ministerpräsidenten versuchen sich in ihren Vorschlägen zu überbieten, während sich Merkel von den "Öffnungsdiskussionsorgien" befremdet fühlt. Man einigt sich auf eine allgemeine Maskenpflicht, um strenge Kontaktbeschränkungen Stück für Stück zurücknehmen zu können. 

Corona-Protest auf dem Schild einer Bar in Hamburg | Bildquelle: FOCKE STRANGMANN/EPA-EFE/Shutter
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"Große Freiheit" in Hamburg: Existenzen bildlich zu Grabe getragen

Bundeskriminalamt warnt vor Radikalisierung 

Ausgerechnet in der Phase erster Entspannung wird zum ersten Mal deutlich, wie sehr die Pandemie an den Nerven zehrt und Ängste verursacht: Auf Demonstrationen tragen Gastronomen ihre Existenzen bildlich zu Grabe, die Beschränkungen beschäftigen zunehmend die Gerichte, die Arbeitslosigkeit steigt erstmals in einem April, die Agentur für Arbeit rechnet mit der "schwersten Rezession der Nachkriegszeit".

Und ja, auch das wird zunehmend Realität: Im Internet kursieren immer mehr Verschwörungsmythen rund um die Pandemie, in Stuttgart gründet sich die Demogruppe "Querdenken 711". Am 1. Mai kommt es in Berlin bei Protesten gegen die Corona-Maßnahmen zu Krawallen. Am 9. Mai demonstrieren bereits in mehreren deutschen Städten Tausende Menschen gegen die Hygieneauflagen. Das Bundeskriminalamt warnt vor einer Radikalisierung der Proteste, die auch von Rechtsextremen getragen werden.

Starke Polarisierung in der Gesellschaft 

Schon Anfang Mai sagen in einer repräsentativen Umfrage der TU Ilmenau und der Uni Bern 35 Prozent der Menschen in Deutschland, es ärgere sie, dass ihr Leben nicht wie gewohnt ablaufen könne. Zwar sprechen sich fast zwei Drittel der Befragten für die Maßnahmen zum Infektionsschutz aus, doch zugleich sind 85 Prozent der Meinung, keinen Einfluss auf das Handeln der Regierung zu haben. 

Sozialforscher wie der Tübinger Rhetorik-Professor Olaf Kramer beobachten in dieser Phase eine starke Polarisierung in der Gesellschaft. In der Corona-Krise sei ein anfänglich starker Zusammenhalt einer Konfrontation gewichen, Befürworter und Gegner der Corona-Maßnahmen stünden sich nun gegenüber, sagt Kramer dem "Spiegel". Der Soziologe Matthias Quent, Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena, erklärt im Gespräch mit tagesschau.de, er sehe "Gegengemeinschaften zur offiziellen Politik und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt der Mehrheit" entstehen. Demokratische Selbstverständlichkeiten erodierten im Alltag.

Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude, Berlin | Bildquelle: REUTERS
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Demonstranten vor dem Bundestag: "Gegengemeinschaften zur offiziellen Politik"

Der Bundestag als Zielscheibe 

Besonders deutlich wird diese Konfrontation bei deutschlandweiten Großkundgebungen: Eine Mischung aus Maßnahmengegnern, Corona-Leugnern, Esoterikern, Impfskeptikern, Verschwörungserzählern und bekennenden Rechtsradikalen geht immer wieder auf die Straßen. Ende August kommt es in Berlin zu einer beispiellosen Eskalation, als sich Hunderte Demonstranten vor dem Reichstagsgebäude aufbauen. Im November heroisieren sich Protestler, in dem sie sich wahlweise mit Freiheitskämpfern der NS-Zeit vergleichen oder mit dem aufbegehrenden Volk in der untergehenden DDR. 

Diese viel kritisierten Extrempositionen erhalten in der medialen Berichterstattung große Aufmerksamkeit und bestimmen in erheblichem Maße die gesellschaftliche Diskussion. Doch auch im Alltag, in Familien- und Freundeskreisen sowie unter Arbeitskollegen tun sich Bruchlinien auf: Wie mit dem Infektionsrisiko umzugehen ist, wie streng Abstandsregeln und Maskenpflicht auszulegen sind, was ein Lockdown oder Corona-Hilfen in Milliardenhöhe bringen, darüber herrscht oft Uneinigkeit. Im ARD-DeutschlandTrend vom 3. Dezember äußern denn auch zwei Drittel der Deutschen (68 Prozent) die Sorge, dass sich das gesellschaftliche Miteinander verschlechtert. 

Hinzu kommt das uneinheitliche Krisenmanagement einer getriebenen Politik, das für Verunsicherung und Frust sorgt: Erst verkünden Bund und Länder einen mühevoll vereinbarten Teil-Lockdown ab Anfang November - verbunden mit dem Argument, nur so seien Lockerungen über Weihnachten und Silvester möglich. Ab Anfang Dezember rudert dann ein Bundesland nach dem anderen zurück und streicht die Lockerungen. Kurz vor Weihnachten schließlich stolpert die Republik mit wenigen Tagen Vorwarnzeit in einen harten Lockdown.

Ähnlich uneinheitlich wie die Verlautbarungen aus der Politik sind allerdings auch die darauf folgenden Diagnosen der Kritiker: Zu früh, zu spät, zu strikt, zu locker, zu wirtschaftsfeindlich, zu wirtschaftsfreundlich. Wirklich sicher scheint in diesen Zeiten nur eines zu sein: Im Nachhinein wissen es alle besser.

Münchner U-Bahn-Station Marienplatz am Vorabend des Lockdowns | Bildquelle: dpa
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Leere U-Bahn-Station in München: In den Lockdown gestolpert

Es geht um mehr als ein Virus 

Das Pandemie-Jahr 2020 ist geprägt von grundsätzlichen gesellschaftlichen Fragen: Wie stark ist das Vertrauen in die Mitmenschen, das Vertrauen in staatliche Institutionen, die Politik und die Wissenschaft? Wie viel Solidarität wird aufgebracht, wenn die Krise tatsächlich danach verlangt? Abschließend beantworten lassen sich diese Fragen noch nicht. Doch Proteste, Verschwörungsmythen, eine Kanzlerin, die Brandreden für die Demokratie halten muss, und die nachweisliche Sorge der Menschen vor einer Verschlechterung des gesellschaftlichen Miteinanders lassen die Zwischenbilanz zumindest nüchtern ausfallen. 

In der ersten Hälfte des neuen Jahres dürften deshalb viele richtungweisende und entscheidende Herausforderungen anstehen. Die steigenden Infektionszahlen müssen gebremst werden - sonst droht ein Kollaps der Krankenversorgung. Corona-Beschränkungen müssen mit Bedacht gewählt werden - sonst drohen noch mehr Pleiten und Existenzängste. Die Verteilung von Impfstoffen muss gerecht organisiert werden - sonst ist die Solidarität am Ende. Aber wichtig ist auch: Demokratische Prinzipien müssen von allen geachtet werden - sonst geht Vertrauen unwiederbringlich verloren.

Denn am Ende steht vieles auf dem Spiel: Nicht nur die Gesundheit von Millionen Menschen ist in Gefahr. Ob es gelingt, einander zuzuhören, sich auf eine gemeinsame Faktenbasis zu verständigen, verlässliche Regeln auf demokratischem Wege auszuhandeln und diese auch dann zu akzeptieren, wenn sie dem eigenen Willen entgegenstehen - all das wird darüber entscheiden, ob ein friedliches und freiheitliches Zusammenleben auch zukünftig möglich ist.

Über dieses Thema berichtete der ARD-Jahresrückblick 2020 am 21. Dezember 2020 um 23:20 Uhr im Ersten.

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