Plakat an Kirchenwand | dpa

Osterfeiern trotz Corona Die Kirchen werden erfinderisch

Stand: 10.04.2020 02:50 Uhr

Ein Priester tourt über Land wie einst ein Wanderprediger, eine Theologin veranstaltet Gottesdienste per "Webinar": Corona macht erfinderisch. Denn die Kirche will an Ostern für ihre Schäfchen da sein.

Von Sandra Stalinski, tagesschau.de

Ein dunkler Kirchenraum. Die Osterkerze wird hereingetragen. Durch die geöffnete Tür kann man draußen das Osterfeuer flackern sehen. "Lumen Christi - Gott, das Licht", singt der Priester. "Deo gratias" - "Dank sei Gott", antwortet die versammelte Gemeinde, während das Osterfeuer, Kerze für Kerze durch die Bankreihen weitergegeben wird und langsam die Kirche erhellt.  So feiern katholische Christen auf der ganzen Welt die Osternacht.

Doch in diesem Jahr bleibt die Gemeinde stumm. Der Besuch von Ostergottesdiensten ist in Deutschland und in vielen anderen Ländern verboten. Sogar der Papst feiert die Ostermessen vor leeren Reihen. Aber Ostern falle wegen der Corona-Pandemie nicht aus, sagt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, im ZDF. "Wir werden es vielleicht kraftvoller denn je feiern."

Die Kirchen sind sich bewusst, dass Christen gerade in diesem Jahr des Zuspruchs der Osterbotschaft besonders bedürfen und sind kreativ geworden. In den unterschiedlichsten Formaten versuchen sie, ihre Schäfchen trotz Gottesdienstverbots zu erreichen.

Predigt vor leeren Reihen | dpa

Predigt vor scheinbar leeren Reihen: In einer Kirche haben Gemeindemitglieder ihre ausgedruckten Selfies angebracht. In der Corona-Krise beweisen viele Kirchenleute Kreativität. Bild: dpa

Corona macht erfinderisch

Im Erzbistum Berlin beispielsweise werden Ostergottesdienste per Webinar-Plattform angeboten, auf der normalerweise Seminare stattfinden. Nach vorheriger Anmeldung auf der Webseite des Erzbistums können sich Gläubige zum Zeitpunkt des Gottesdienstes über einen Link zuschalten. Drei Theologen führen dann durch den Gottesdienst, der dem klassischen liturgischen Ablauf folgt; die Teilnehmer sitzen zu Hause vor dem Laptop.

"Uns war wichtig, dass die Leute nicht wie bei einem Fernsehgottesdienst einfach nur zuschauen, sondern tatsächlich selbst aktiv teilnehmen können", sagt Esther Göbel, Pastoralreferentin und eine der Organisatorinnen. So können Gottesdienstteilnehmer beispielsweise über Chat eine Fürbitte beisteuern, an Umfragen teilnehmen, Likes verteilen oder bei den Liedern mitsingen, die karaokemäßig über Youtube-Videos eingespielt werden.

Auch die eingangs beschriebene Lichtfeier am Anfang der Osternacht wird interaktiv umgesetzt, indem jeder zu Hause seine eigene Osterkerze segnet und anzündet. Zwar kann sich die große Zahl der Teilnehmer gegenseitig nicht sehen, aber an bestimmten Stellen können Einzelne ins Bild kommen und sprechen. So soll zumindest in gewisser Weise "ein Gefühl von Gemeinschaft entstehen", sagt Göbel im Gespräch mit tagesschau.de.

Fernsehgottesdienst ohne Gemeinde | dpa

Fernsehgottesdienst ohne Gemeinde: Eine Kamera filmt im Dom zu Trier. Auch an Ostern werden Gottesdienste live im Fernsehen übertragen. Bild: dpa

Fernsehgottesdienste für klassische Kirchgänger

Die klassischen, zumeist älteren Kirchgänger sind mit solchen Formaten aber eher nicht zu erreichen. Für sie wird es an allen Osterfeiertagen zahlreiche Fernsehgottesdienste in ARD und ZDF geben. Viele katholische und evangelische Gemeinden und auch die Bischöfe feiern ihre Gottesdienste in ihren Kirchen und übertragen sie per Livestream auf ihren Webseiten. Auch dem Papst kann man online beim Zelebrieren zusehen.

Dass der Bedarf groß ist, zeigen die Einschaltquoten der kirchlichen Angebote im Fernsehen. Seit Aussetzen der Gottesdienste sind sie deutlich gestiegen. Das "Wort zum Sonntag", das sonst um die 1,25 Millionen Menschen einschalten, sahen zuletzt 2,1 Millionen, sagt der Medienbeauftragte der evangelischen Kirche, Markus Bräuer. Bei den Übertragungen der Gottesdienste am Sonntagvormittag haben sich die Zuschauerzahlen gar verdoppelt: von etwa 700.000 auf 1,4 Millionen.

Moderne Wanderprediger

Ein Pastorenehepaar aus dem Emsland besucht die Gemeindemitglieder hingegen persönlich. Mit einem geländeartigen Wagen, auf dem ein Lautsprecher montiert ist, fahren sie durch die Gemeinde Spelle und halten Andachten vor Seniorenheimen und auf öffentlichen Plätzen. In Wanderup bei Flensburg plant Pastor Gunnar Engel gar eine mobile Osternacht und tourt mit seinem Golf-Caddy durch die Straßen.

Gerade in ländlicheren Gegenden versuchen die Kirchen auch vor Ort präsent zu sein. Viele Gemeinden verteilen Briefe, Gebete oder Anleitungen für Hausandachten in Briefkästen oder hängen Tüten mit Segenstexten, Teelichtern und Schokoladeneiern an Gartenzäune. Oder sie laden dazu ein, aufgestellte Osterkreuze mit Blumen und Gebetsanliegen zu schmücken. Hier und da werden die Mitglieder der Posaunenchöre vor ihren Häusern oder von den Balkonen spielen.

"Ostersteine" verbreiten Hoffnung

Die evangelischen Kirchengemeinden in Neustrelitz und Umgebung haben dazu aufgerufen, bunte "Ostersteine" mit Hoffnungssymbolen zu bemalen und sie an Bushaltestellen, Parkbänken oder Gartenzäunen zu verteilen. Unter dem Hashtag #hoffnunghamstern können Verteilende und Finder sich über die Botschaften austauschen.

Ausgenommen vom Verbot sind lediglich die Gottesdienste in Autokinos. Im Düsseldorfer Autokino beispielsweise werden an allen Ostertagen evangelische und katholische Pfarrer von einem Podest aus predigen. Besonders komfortabel ist das für die Gläubigen aber nicht, denn die Leinwand wird nicht benutzt, und so sind die Gottesdienste im Wesentlichen über das Autoradio zu verfolgen.

Über dieses Thema berichtete Hallo Niedersachsen am 28. März 2020 um 19:30 Uhr im NDR Fernsehen.