Das BMW-Werk und Windräder in Leipzig. | dpa
Kommentar

Strukturwandel im Energiesektor Der Osten hat es in der Hand

Stand: 07.07.2021 18:21 Uhr

Der Osten hat es wirtschaftlich immer noch schwerer als der Westen. Umso wichtiger ist es, den Strukturwandel im Energiesektor nicht zu verschlafen. Die Ostdeutschen haben jetzt die Chance, Veränderungen zu gestalten.

Ein Kommentar von Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Wandel - das kann der Osten. Und nach dem Umbruch 1989/90 steht nun ein neuer Aufbruch an: in eine Zukunft ohne Kohle, mit erneuerbaren Energien und klimafreundlicher Wirtschaft.

Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Dass der erste Umbruch noch nicht ganz überwunden ist, muss kein Schaden sein. In den vergangenen 30 Jahren ist im Osten eine solide Wirtschaftsstruktur entstanden, aber manches lässt sich eben nicht aufholen. Die großen Firmensitze im Westen, deren Gewinne auch für gute Steuereinnahmen vor Ort sorgen, das angesammelte Vermögen, das an die nächste Generation vererbt wird - das ist eine andere Basis, als der robuste, aber kleinteilige Mittelstand im Osten. Das konnte auch die Politik mit noch so vielen Lockungen für ansiedlungswillige Unternehmen nicht ändern.

Ostdeutschland kann Umbruch mitgestalten

Umso entscheidender ist es, nun nach vorn zu blicken. Die Tage der Kohle sind gezählt, die Wirtschaft muss auf erneuerbare Energien und CO2-arme Produktion umstellen. Diesen Strukturwandel darf der Osten nicht verschlafen, sonst sieht es düster aus. Doch die Chancen stehen gut: Diesmal muss man nicht nachträglich auf einen kompletten Umbruch reagieren, sondern kann ihn selbst mitgestalten. Vielleicht gibt es da sogar einen Standortvorteil: Im Osten ist mehr Platz für neue Ideen. Und viele Geschäftsleute und Arbeitskräfte kennen das: sich verändern und an Neues anpassen.

Wichtig ist, dass die Politik diese Entwicklung konkret anstößt und unterstützt. Dabei hilft keine Symbolpolitik. Das geplante Zukunftszentrum für Forschung und Dialog mutet viel zu verkopft an, um vor Ort wirklich etwas zu verändern. Arbeitsplätze in Bundesbehörden sind nicht gerade der Garant für eine zukunftsträchtige Entwicklung. Die Politik muss vielmehr mutig und zielgenau klimafreundliche Projekte fördern. Es braucht Forschung und Entwicklung, auch wenig bürokratische Vorgaben und nicht zuletzt gute Lebensbedingungen. Nur dann kommen und bleiben die Leute, die Innovatives erschaffen.

Solarindustrie in Sachsen-Anhalt lebt wieder auf

Die Anfänge sind gemacht, der Osten muss nur an sie anknüpfen. Brandenburg steht im Ländervergleich auf Platz zwei bei der erzeugten Windenergie. Im ehemaligen Chemie-Dreieck in Sachsen-Anhalt lebt gerade die Solarindustrie wieder auf und es wird an grünem Wasserstoff geforscht. Und in der sächsischen Oberlausitz gibt es Millionen von der EU, um Batteriezellen zu fertigen.

Davon braucht es noch viel, viel mehr. Das ist Aufgabe der Politik. Und es ist die Aufgabe der Ostdeutschen. Sie sollten das Selbstvertrauen haben, es in die Hand zu nehmen. Sie haben schon einmal gezeigt, wie der Osten sich wandeln kann.

Über dieses Thema berichtete am 07. Juli 2021 die tagesschau um 17:00 Uhr und NDR Info um 17:05 Uhr.