Ein Dolmetscher der Bundeswehr (2.v.r.), Bundeswehrsoldaten (Hintergrund), afghanische Polizei (r) und Angehörige der Bürgerwehr unterhalten sich im Distrikt Char Darreh bei Kundus an einem Checkpoint. (Archivbild: September 2011) | picture alliance / dpa

Nach Abzug aus Afghanistan Regierung verspricht Ortskräften Hilfe

Stand: 09.07.2021 19:22 Uhr

Die Bundeswehr zieht aus Afghanistan ab - und was ist mit den Afghanen, die für sie gearbeitet haben? Die Bundesregierung lasse sie im Stich, sagen Kritiker. Die Regierung versprach nun einmal mehr Hilfe, blieb aber unkonkret.

Die Bundesregierung verspricht den nach dem deutschen Truppenabzug am Hindukusch zurückgebliebenen afghanischen Ortskräften Hilfe. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte: "Wir werden denen helfen - und helfen ihnen schon - die uns geholfen haben (...) und wir kennen die Verantwortung, die wir für diese Menschen haben." Zu den Einzelheiten der Hilfe könne man nicht alles öffentlich machen, "aber es ist sicherlich sehr vieles im Gange".

In der Zeit, in der die Bundeswehr in Afghanistan war, haben auch viele Einheimische für sie gearbeitet - etwa als Übersetzer, Köche oder Reinigungskräfte. Nach Einschätzung von Experten droht diesen so genannten Ortskräften nur Gefahr durch Racheakte der radikalislamischen Taliban.

Den Flug müssen Ortskräfte selber bezahlen

Da, wo es etwa wegen einer akuten Gefährdung einen dringenden Ausreisewunsch gebe, werde sich die Bundesregierung bemühen, diese Ausreise auch möglich zu machen, sagte Seibert. Bislang wurden rund 2400 Visa für Ortskräfte und ihre engen Verwandten ausgestellt. Die Regierung will nach eigenen Angaben allen afghanischen Mitarbeitern von Bundeswehr und Polizei, die ab 2013 ein Visum für Deutschland angestrebt haben, dieses bewilligen. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums sind bislang "einige Hundert" afghanische Ortskräfte nach Deutschland gekommen.

Ein Visum zu bekommen, ist aber nur eines der Probleme. Denn den Flug nach Deutschland müssen die Afghanen selbst organisieren und selbst bezahlen - was für viele kaum möglich ist. Die Linken-Vorsitzende Janine Wissler nannte das "unverantwortlich". Es sei völlig unverständlich, warum die Ortskräfte nicht zusammen mit den Truppen nach Deutschland ausgeflogen worden seien.

"Ich kann das moralische Versagen nicht in Worte fassen"

Der entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Christoph Hoffmann, kritisierte zudem, es werde weiterhin nur an Helfer von Bundeswehr und Polizei gedacht. Die Bundesregierung müsse schnell dafür sorgen, dass alle gefährdeten Ortskräfte in Deutschland Schutz suchen könnten, auch die aus der Entwicklungszusammenarbeit. "Allen Personen, die sich in deutschen oder internationalen Projekten für die Entwicklung Afghanistans eingesetzt haben, droht unmittelbar Gefahr."

Noch deutlichere Worte wählte der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian. "Ich kann das moralische Versagen, das ich hier wahrnehme, nicht in Worte fassen", sagte Grotian, der als Oberleutnant der Bundeswehr selbst in Afghanistan stationiert war, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "Ganz viele Rädchen drehen sich. Doch sie greifen nicht ineinander." In der Folge stünden hunderte afghanische Ortskräfte noch ohne gültige Ausreisepapiere da.

Die Bundesregierung verweise auf die Internationale Organisation für Migration der Vereinten Nationen, doch die habe kein Büro am ehemaligen Bundeswehrstützpunkt in Masar-i-Scharif, sondern lediglich eines in der Hauptstadt Kabul, sagte Grotian. Auch die Regierung räumt ein, dass die Fahrt ins mehr als 400 Kilometer entfernte Kabul wegen des Vormarschs der Taliban nicht einfach ist. In Masar-i-Scharif sei aus Sicherheitsgründen bisher kein Büro eröffnet worden. Die Ortskräfte aus der Region könnten sich aber per Telefon oder Mail an das Büro in Kabul richten.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Juli 2021 um 21:30 Uhr.