Afghanische Streitkräfte in der nordafghanischen Provinz Kundus | REUTERS

Nach Abzug der Bundeswehr Afghanische Ortskräfte auf sich gestellt

Stand: 02.07.2021 17:07 Uhr

"Wir lassen Euch nicht im Stich" - lautete das Versprechen der Bundesregierung an die afghanischen Helfer der Bundeswehr. Doch daran gibt es Zweifel: Die deutschen Truppen sind zu Hause, die Afghanen noch vor Ort.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Dass die Bundeswehr in ihrem größten Feldlager außerhalb Deutschlands nicht im Dunklen saß, dass Klimaanlagen sie vor gnadenloser Hitze schützte, hat sie auch Zabiullah Fayaz zu verdanken. Der Elektriker hielt die Generatoren des Camps in Masar-i-Sharif am Laufen. Jetzt muss Fayaz um sein Leben fürchten. "Letztes Jahr habe ich meinen Onkel und meine drei Cousins verloren. Die Taliban haben sie getötet", sagt der Afghane.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Fayaz steckt in Masar-i-Sharif fest. In sein Heimatdorf kann er wegen der rachsüchtigen Taliban nicht zurück. Sich nach Kabul durchzuschlagen, ist für ihn auch zu gefährlich. Und in Masar selbst gibt es für ihn keine Anlaufstelle, bei der er seine Gefährdung anzeigen könnte.

Ein solches Ortskräftebüro hatte die Bundesregierung schon für Anfang Juni versprochen, geöffnet hat es noch nicht, wie die Sprecherin des Auswärtigen Amtes, Andrea Sasse, bestätigt. Aus Sicherheitsgründen: "Diese Entscheidung bedauern wir natürlich. Aber weil es um Sicherheitsinteressen geht, ist sie aus unserer Sicht nachvollziehbar."

USA wollen Ortskräfte in sichere Drittstaaten bringen

Wann und ob die Öffnung nachgeholt werden kann, ist völlig unklar. Das nächste deutsche Büro, bei dem auch Fayaz vorsprechen könnte, befindet sich in der Hauptstadt Kabul. Der Weg dorthin ist lebensgefährlich, weil die Taliban in den letzten Wochen immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht hatten.

Jedenfalls sind die deutschen Soldatinnen und Soldaten nun zwar sicher zu Hause - doch Hunderte ihrer afghanischen Helfer noch da. Und auf sich gestellt: "Mit dem Abflug der letzten Maschinen ist auch psychologisch einiges kaputtgegangen bei den Menschen, die darauf gehofft haben, dass wir sie in Sicherheit bringen. Andere Nationen haben ihre Ortskräfte vorher in Sicherheit gebracht", sagt Marcus Grotian, der selber 2011 als Soldat in Afghanistan war und heute von Potsdam aus ein Patenschaftsnetzwerk für die afghanischen Helfer betreibt.

In der Tat haben die USA angekündigt, Tausende afghanische Beschäftigte in sichere Drittländer auszufliegen, damit sie in aller Ruhe Visa-Anträge stellen können. Was die Helfer der Deutschen betrifft, so können sich jedoch noch nicht einmal diejenigen sicher sein, der Rache der Taliban zu entgehen, die bereits eine Zusage oder ein Visum haben.

Ortskräfte müssen Flüge selbst zahlen

Denn: Um die Flüge, die sie in Sicherheit bringen, müssen sie sich selbst kümmern und sie aus eigener Tasche bezahlen. Soldat Grotian ist nicht der einzige, der fordert, die Bundesrepublik hätte für diejenigen, die einst Schulter an Schulter mit den deutschen Soldaten den Extremisten trotzten, längst Flüge chartern sollen: "Der Flughafen in Masar-i-Sharif ist immer noch geöffnet, da fliegen immer noch Flieger rein und raus. Das könnte man noch nutzen."

Ein Einlenken der Bundesregierung ist jedoch nicht erkennbar. Das Verfahren der "eigenverantwortlichen Ausreise" habe sich bewährt, stellt das Innenministerium auf Nachfrage klar.

Innenministerium stellte sich lange quer

Nun ist es nicht so, dass sich die Regierung gar nicht bewegt hätte: Nach langem Streit war der Kreis der grundsätzlich Ausreiseberechtigten auf alle seit 2013 für die Bundeswehr Beschäftigten ausgeweitet worden. Lange mauerte hier Horst Seehofers Innenministerium, Annegret Kramp-Karrenbauers Verteidigungsressort drang auf eine großzügigere Regelung. Auch müssen Afghanen sich nicht mehr - wie bis zuletzt - nach Pakistan oder Indien durchschlagen, um ein Visum zu beantragen. Rund 2400 solcher Visa sind erteilt.

Doch das ändert nichts daran, dass Hunderte oder gar Tausende weiterer Afghanen nun mit der Angst leben müssen, dass die Taliban sie aufspüren, bevor sie die rettende Reise nach Deutschland antreten können. "Wenn die Taliban herkommen und die Menschen töten, wer ist dann dafür verantwortlich?", fragt der in Masar-i-Sharif festsitzende Fayaz. Diese Frage, meint er, sollten die Deutschen ihrer Regierung stellen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. Juli um 17:00 Uhr sowie die tagesschau24 am 30.06. 2021 um 18:00 Uhr.