Die Rückseite eines ausgefüllten Organspendeausweises. Das Zustimmungsfeld ist angekreuzt. | Bildquelle: dpa

Widerspruch oder Zustimmung? Die Gretchenfrage bei der Organspende

Stand: 15.08.2019 03:01 Uhr

Das Thema Organspende spaltet. Sollen alle automatisch Spender sein, es sei denn sie widersprechen ausdrücklich zu Lebzeiten? Der Bundesgesundheitsminister Spahn meint: Ja. Doch es gibt auch Widerspruch.

Von Nadine Bader, ARD-Hauptstadtstudio

Den beiden früheren Bundesgesundheitsministern Hermann Gröhe von der CDU und Ulla Schmidt von der SPD geht zu weit, was der aktuelle Bundesgesundheitsminister in Sachen Organspende vorhat. Jens Spahn hat mit einer Reihe von Abgeordneten einen Gesetzentwurf vorgelegt. Der sieht vor: Ärzte sollen einem Verstorbenen künftig Organe entnehmen dürfen, außer der Verstorbene hat seinen Widerspruch zu Lebzeiten in einem Register eintragen lassen. Spahn sagt, das sei nicht gleichzusetzen mit einer Verpflichtung:

"Wenn man begründungsfrei Nein sagen kann, dann geht es nicht um eine Pflicht zur Organspende. Was schon stärker verbindlich wird, dass man sich damit beschäftigen muss. Aber das ist keine Pflicht zur Organabgabe, das ist mir schon wichtig."

"Widerspruchslösung verstößt gegen Grundgesetz"

Seine beiden Vorgänger sagen aber, dieses Vorhaben verstoße gegen das Grundgesetz: konkret gegen das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und körperliche Unversehrtheit. Ex-Minister Gröhe hält es zwar für wünschenswert, dass sich alle zu Lebzeiten mit dem Thema Organspende befassen und eine Entscheidung treffen.

"Aber auch ein Mensch, der sagt, damit kann ich mich zurzeit nicht befassen, der wird nicht gleichsam zum Eigentum der Gemeinschaft nach seinem Tod."

Ex-Bundesgesundheitsminister werben für Zustimmungslösung

Die beiden früheren Gesundheitsminister unterstützen deshalb einen anderen Vorschlag, den eine Gruppe von Abgeordneten aus Union, SPD, FDP, Linkspartei und Grünen vorgelegt hat. Die Gruppe betont, dass auch sie die Spendenbereitschaft erhöhen wolle. Aber auf einem anderen Weg, mit der sogenannten Zustimmungslösung.

Sie setzen also weiter darauf, dass man ausdrücklich Ja sagen muss, um Organspender zu werden. Alle Bürger sollen regelmäßig dazu befragt werden. Etwa beim Abholen der Ausweispapiere. Abläufe in Krankenhäusern spielen eine große Rolle.

Gröhe und Schmidt gehen davon aus, dass vor allem die Abläufe in Krankenhäusern ausschlaggebend dafür sind, dass mehr potenzielle Organspender identifiziert werden.

Erwin Rüddel von der CDU sieht das genauso. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag ist Ende vergangenen Jahres mit einigen Kollegen nach Spanien gereist. Das Land gilt in Bezug auf die Organspende als vorbildlich, weil die Spenderzahlen dort viel höher sind. Formal gilt in Spanien die sogenannte Widerspruchslösung. Das heißt: Wer nicht ausdrücklich widerspricht, ist automatisch Organspender.

Vorbild Spanien wendet Widerspruchslösung nicht an

Kollegen des spanischen Parlaments hätten der deutschen Delegation aber dargelegt, dass diese Regelung nicht praktiziert werde, sagt Rüddel. Eine Organentnahme ohne Zustimmung der Familie finde dort nicht statt. Für die deutschen Abgeordneten eine überraschende Erkenntnis: Ausschlaggebend für die hohen Spenderzahlen seien vor allem die klaren Zuständigkeiten und Abläufe in den spanischen Krankenhäusern und nicht die Widerspruchslösung, sagt Rüddel. Das hat den Abgeordneten umdenken lassen.

Vor den Gesprächen mit den spanischen Abgeordneten und Klinikärzten war der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses noch Befürworter der Widerspruchslösung. Seit der Reise ist das anders. Nun unterstützt Rüddel die Zustimmungslösung. Die schaffe Vertrauen, das sei eine wichtige Voraussetzung. Zumal es weniger darauf ankomme, "ob man eine Widerspruchs- oder Zustimmungslösung hat. Wesentlich wichtiger ist, dass die Prozesse optimal organisiert sind", sagt Rüddel.

Hirntod ist Bedingung für die Organentnahme

In Deutschland ist der Hirntod Bedingung für die Entnahme von Organen. Laut der Stiftung Organtransplantation haben Ärzte im vergangenen Jahr in Deutschland etwa 1.400 Verstorbene als mögliche Organspender identifiziert. Es warten aber viel mehr Menschen auf ein Spenderorgan, derzeit etwa 9.500 Patienten.

Es ist ein Problem, das die Politik erkannt hat. Seit Anfang April gilt ein neues Gesetz, das die Arbeit der Transplantationsbeauftragten an Kliniken stärken soll. Demnach müssen die Mediziner mehr Zeit dafür bekommen, um mögliche Organspender auf den Intensivstationen zu identifizieren und mit den Angehörigen zu sprechen.

Der Bundestag wird voraussichtlich im Herbst darüber entscheiden, ob die Widerspruchs-, oder die Zustimmungslösung kommt. Die Abgeordneten werden ohne Fraktionszwang abstimmen, das heißt frei nach ihrem Gewissen und nicht entsprechend ihrer Parteizugehörigkeit. Dabei werden diese Fragen im Mittelpunkt stehen: Was wiegt schwerer, die Unversehrtheit des Körpers oder die Not der Kranken? Und welche Regelung ist besser, um die Organspenden zu erhöhen? Der Ausgang ist noch offen - die Gräben gehen durch die Fraktionen.

Kontroverse Debatte über Organspenden
Nadine Bader, ARD Berlin
15.08.2019 00:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. August 2019 um 06:36 Uhr.

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