Die Rückseite eines ausgefüllten Organspendeausweises. Das Zustimmungsfeld ist angekreuzt. | Bildquelle: dpa

Was Organspender wissen sollten Zwischen Sterben und Tod

Stand: 16.01.2020 19:26 Uhr

Ärzte behandeln Organspender am Lebensende anders als Nicht-Organspender: Spender werden manchmal mehrere Tage lang künstlich am Leben erhalten - ohne darüber aufgeklärt worden zu sein.

Von Patrick Hünerfeld, SWR

Was kaum jemand weiß: Wer auf dem Organspendeausweis "Ja" ankreuzt, stimmt damit einer mehrtägigen zusätzlichen Therapie auf der Intensivstation zu. Denn nur so lässt sich eine Organspende überhaupt durchführen. Darüber klärt die Spender aber in der Regel niemand auf. Denn bislang gibt es keine reguläre ärztliche Aufklärung über die Organspende.

Die Werbekampagne für Organspende drehe sich immer nur um die Notwendigkeit zu spenden, kritisiert der Medizinethiker Giovanni Maio von der Universität Freiburg. Wenn die Menschen gar nicht wüssten, was mit ihnen geschieht, wenn sie sich bereit erklärt haben, Spender zu sein, dann sei das eine Übertölpelung, so Maio.

Tom Schneider, ARD Berlin, über Organspenden
tagesschau24 11:00 Uhr, 16.01.2020

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Zunächst immer Kampf um das Leben

Allerdings kommt kein Patient als Organspender ins Krankenhaus. Zu Beginn kämpfen die Teams auf Intensivstationen immer um das Leben des Patienten - selbst in aussichtslosesten Fällen. Wenn sich dann im Laufe der Zeit aber abzeichnet, dass der Patient keine Chance mehr auf ein Überleben hat, müssen die Ärzte eine Entscheidung treffen.

Transplantation in der Uniklinik Leipzig | Bildquelle: dpa
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Um eine Organspende überhaupt möglich zu machen, braucht es ein Mehr an Intensiv-Therapie.

"Wenn für den Patienten auf der Intensivstation keine Hoffnung mehr besteht. Wenn es damit auch keinen Sinn und kein Ziel mehr von Intensivmedizin gibt, dann müssen wir entscheiden: Gehen wir den Weg des Sterben-Lassens, der Sterbebegleitung, oder gibt es den Wunsch des Patienten nach einer Organspende?“, sagt der Intensivmediziner und Organspende-Beauftragter Michael Lücking von der Uniklinik Freiburg.

Spender sterben später

Bei Nicht-Organspendern wird die Therapie dann behutsam zurückgefahren. Die Ärzte lassen zu, dass der Patient stirbt und begleiten ihn dabei. Organspender werden hingegen länger künstlich beatmet. Ihr Gehirn ist bereits schwer geschädigt, sie haben keine Chance auf ein Überleben, aber dennoch werden sie therapiert, bis der sogenannte Hirntod eintritt. Das kann mehrere Tage dauern, in denen die Ärzte den Patienten nicht mehr um seiner selbst willen, sondern um der Organe willen mit Maschinen am Leben erhalten. Sie stellen dabei sicher, dass er keinesfalls leidet.

Für dieses notwendige "Mehr" an Intensivtherapie auf dem Weg zur Organspende brauche es eine positive Entscheidung des Patienten, so Lücking weiter. Zumal viele Menschen etwa in ihrer Patientenverfügung angeben, dass sie am Lebensende nicht künstlich am Leben erhalten werden wollen, wenn es keinerlei Chance auf ein Überleben gibt. Liegt aber gleichzeitig eine Entscheidung für Organspende vor, so bedeutet dies in der Regel ein "Ja" zu längerer Intensivtherapie.

Ohne eine solche explizite Zustimmung ist eine weitere Intensivtherapie des todgeweihten, aber noch durchaus lebenden Patienten nicht zulässig. Das ist übrigens ein gewichtiges Argument gegen jede Form der Widerspruchslösung, bei der auch Menschen zu Organspendern würden, die sich überhaupt nicht dazu geäußert haben - von denen also keinesfalls eine Zustimmung vorliegt.

Auch Kritik an Organspende-Register

Die vorgesehene Einrichtung eines Organspende-Registers, in dem für jeden seine Entscheidung für oder gegen Organspende hinterlegt werden kann, verspricht keine Abhilfe. Durch das geplante Vorgehen mit den Registerdaten drohen sogar weitere massive Probleme. Die Ärzte sollen nämlich erst auf die Registerdaten zugreifen dürfen, wenn der Hirntod des Patienten festgestellt ist. Somit könnte die Registerlösung das Patientenwohl gefährden.

Lücking kritisiert: "Wenn wir der jetzigen Lesart folgen, würde das bedeuten: Wir müssten auf Verdacht Intensivmedizin bis hin zu der sogenannten Hirntod-Diagnostik betreiben. Wir könnten erst dann das Register abfragen und würden dann unter Umständen mit einem 'Nein' des Patienten zur Organspende konfrontiert. Das wäre unerträglich. Das wäre Intensivmedizin ohne ein Einverständnis des Patienten und seiner Angehörigen. Das muss deutlich früher passieren." Sonst drohe den Menschen, die keine Organspende wollen, eine mitunter tagelange künstliche Beatmung an Maschinen - gegen ihren erklärten Willen.

Umstrittener Hirntod

Doch auch der Punkt der Hirntod-Diagnostik ist nicht unumstritten. Von Hirntod sprechen Mediziner, wenn das komplette Gehirn eines Menschen unwiderruflich abgestorben ist. Alles, was die Person ausmacht, seine Fähigkeiten zu denken, zu fühlen, selbst zu atmen - all das ist dann unumkehrbar erloschen. Per Definition ist das auch der Todeszeitpunkt und der Zeitpunkt, der mit der Formulierung "nach meinem Tod" im Organspendeausweis gemeint ist. Nur wenn der Hirntote weiter künstlich beatmet wird, schlägt auch sein Herz weiter, werden die Organe mit Sauerstoff versorgt. Ohne die künstliche Beatmung gibt es keine Organspende.

Gleichwohl weisen Kritiker darauf hin, dass mit dem Hirntod noch nicht der komplette Sterbevorgang des Körpers abgeschlossen ist. Wunden von beatmeten Hirntoten heilen, hirntote Schwangere können gesunde Kinder gebären. Darauf weist der Medizinethiker Maio hin. Für ihn - und auch eine Reihe anderer Wissenschaftler - ist der Hirntod ein Zwischenzustand zwischen dem sterbenden und dem toten Menschen. Ob man einen Hirntoten als Toten oder Sterbenden sieht, ist also durchaus Glaubenssache. Ein möglicher Grund, warum Menschen sich gegen Organspende entscheiden. Wobei klar ist: Aus dem Hirntod führt kein Weg zurück ins Leben.

Wie eine Organspende genau abläuft, zeigt der SWR in einer kurzen Doku.

Über dieses Thema berichteten am 16. Januar 2020 die tagesschau um 09:00 Uhr und Inforadio um 06:10.

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