Ein Behälter zum Transport von Organen | Bildquelle: dpa

Transplantationsbeauftragter Endlich nicht mehr nebenbei beraten

Stand: 30.01.2019 02:00 Uhr

Der Bundestag berät derzeit über ein neues Transplantationsgesetz, das zu mehr Organspenden führen soll. Vor allem soll es den Transplantationsbeauftragen zugutekommen.

Von Juri Sonnenholzner, SWR Mainz

In den Zimmern entlang der fahlen Flure der internistischen Intensivstation 2b liegen Leben und Tod nah beieinander. Gleichmäßig pumpen die Beatmungsgeräte, immer wieder fiept ein elektronisches Signal. Daniel Grimm mit einer Kollegin im Stationsbüro. Auf einem Bildschirm mustern sie die Bilder des Computertomographen.

"Gab es einen Schlaganfall in der Vorgeschichte? Zeigt die Patientin eine Spontanatmung? Was machen die Hirnstammreflexe?", fragt Grimm die behandelnde Kollegin, die ihm eine mögliche Organspenderin gemeldet hat. Er geht eine Checkliste im Kopf durch, setzt im Geist hinter jeder Frage ein Häkchen. Kann er alle Häkchen setzen, bekommen schwerkranke Menschen die Chance auf ein neues Leben.

Transplantationsbeauftragter Grimm und Kollegin (Screenshot)
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Oberarzt Grimm und seine Kollegin prüfen die CT-Bilder einer möglichen Spenderin.

Viel Verantwortung für einen Menschen

Grimm ist Transplantationsbeauftragter an der Universitätsmedizin Mainz. Er muss die Kollegen beim Erkennen eines möglichen Organspenders unterstützen und dann dessen Eignung prüfen: Sind die medizinischen und rechtlichen Voraussetzungen gegeben? Schließt eine Krebserkrankung den möglichen Organspender möglicherweise aus? Oder hat er sich zeitlebens gegenüber Angehörigen für oder gegen Organspende ausgesprochen, seinen Willen gar auf einem Organspendeausweis dokumentiert?

Ist letztgenannter Punkt unklar, erlangen die Gespräche mit Angehörigen noch mehr Bedeutung. Die führen die behandelnden Pfleger und Ärzte. Grimm begleitet sie dabei, konzipiert und organisiert Schulungen zur Gesprächsführung. Schließlich finden diese Treffen in einem für die Angehörigen ungewohnten, beklemmenden Moment statt.

Menschen, die gerade einen Familienangehörigen verloren haben, müssen seinen Willen vor dem Hintergrund von Tod und Trauer mutmaßen - wobei das leichter geworden scheint, erklärt Grimm: "Unsere Erfahrung ist, dass die Angehörigen sich viel öfter als früher mit dem Thema Organspende befasst haben und deshalb besser auf unsere Fragen nach Organspendebereitschaft vorbereitet sind. Das hilft uns."

Debatte über Organspende ist notwendig

Ein Grund dafür: Organspende war in den vergangenen Jahren immer wieder im Gespräch – sei es im guten oder schlechten Sinne. Das Thema muss gesellschaftlich verankert sein, um höhere Spendezahlen zu erreichen", sagt Grimm. Dazu könnte auch die politische Debatte führen. Gesundheitsminister Jens Spahn entfachte sie im vergangenen September. Die Bürger sollten der Spende ihrer Organe widersprechen müssen, nicht wie bisher ihre Bereitschaft dazu dokumentieren.

Erhebungsbogen (Screenshot)
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Penibel erfassen die sechs Intensivstationen des Klinikums mögliche Spender und ihre Ausschlusskriterien

Während diese Widerspruchslösung für Kritiker einen Eingriff des Staates in die Freiheit des Einzelnen darstellt, herrscht über einen zweiten Vorschlag Spahns im Grundsatz Einigkeit unter Politik und Fachleuten: Die Transplantationsbeauftragten wie Grimm sollen mehr Arbeitszeit, die Kliniken mehr Geld erhalten.

BGH-Urteil: Lebend-Organspender müssen ausführlich über Risiken aufgeklärt werden
tagesschau 20:00 Uhr, 29.01.2019, Frank Bräutigam, SWR

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Zuviel für einen Nebenjob

Denn wenn Grimm die Kollegen berät, Angehörigengespräche begleitet und schließlich den Operationssaal klar macht, dann macht er das bisher neben seiner eigentlichen Aufgabe als Oberarzt der Intensivstation. Mehr sah die Gesetzgebung auf Bundesebene bisher nicht vor. Spahns Entwurf zum "Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei der Organspende" fordert eine Freistellung gekoppelt an die Zahl der Intensivbehandlungs- und Beatmungsbetten in den sogenannten Entnahmekrankenhäusern.

Das brächte auch alle Bundesländer auf ein gemeinsames Grundniveau. Bayern etwa stellte bereits vor zwei Jahren Transplantationsbeauftragte für die Erfüllung der Aufgaben vollständig frei. Kaum eingeführt, stiegen dort die Organspendezahlen entgegen dem Bundestrend.

Organspende ist teuer

Spahns neue Stellen sollen komplett aus dem Gesundheitssystem refinanziert werden. Das scheint nötig. Beispiel: Ein Organspender muss nicht selten zwei Tage und Nächte lang auf der Intensivstation künstlich am Leben gehalten werden, damit seine Organe funktionsfähig bleiben. Nicht selten reisen in dieser Zeit die Operateure eigens aus dem Empfängerklinikum an.

Nur sie kennen die Gegebenheiten des Körpers des Organempfängers, können das Spenderorgan so entnehmen, dass es später auch passend implantiert werden kann. Das Ganze findet oft dreimal statt: Denn laut Statistik werden einem Spender 3,3 Organe entnommen und transplantiert. Kostendeckel für das alles bisher: 4700 Euro. Die sind schnell aufgebraucht, wenn allein eine Nacht Intensivstation 1500 Euro kosten kann. Der finanzielle und personelle Aufwand bringt kleine Krankenhäuser jedoch schnell an ihre Grenzen.

Jens Spahn | Bildquelle: dpa
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Gesundheitsminister Spahn hofft auf mehr Organspender.

Bedarf bei weitem nicht gedeckt

Dass Deutschland aufholen muss, zeigt auch der europäische Vergleich: Spanien hat gemessen an der Einwohnerzahl fast vier Mal mehr Organspender als Deutschland - gleichzeitig sinkt die Zahl potenzieller Spender durch den technischen und medizinischen Fortschritt.

Das neue Transplantationsgesetz und damit mehr Stärkung seiner Arbeit findet Grimm richtig: "Das ist ein wichtiger Schritt, um den nötigen Freiraum zu schaffen für das, was man bisher nebenher zum sehr dichten Arbeitsalltag leistet. Wir haben auch den Anspruch, das mit einer guten Qualität zu tun, um möglichst viele Organspenden zu realisieren. Dafür schafft die Gesetzesnovelle mehr Raum."

Entscheidung wohl noch im Frühjahr

Mitte März 2019 geht der Gesetzentwurf voraussichtlich in die zweite und dritte Lesung. Bei der ersten Lesung Mitte Januar zeichnete sich eine breite Zustimmung ab. Sollte das neue Transplantationsgesetz kommen, dann wäre auf Seiten der Krankenhäuser vieles bestellt für mehr Organspende.

Es fehlt dann aber noch die Bereitschaft der Bürger. Laut Deutsche Stiftung Organspende stehen etwa Dreiviertel der Bundesbürger der Organspende positiv gegenüber. Einen Organspendeausweis haben hingegen weitaus weniger.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 29. Januar 2019 um 20:00 Uhr.

Korrespondent

Juri Sonnenholzner | Bildquelle: SWR/Alexander Kluge Logo SWR

Juri Sonnenholzner, SWR

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