Menschen in der weihnachtlich geschmückten Altstadt von Greifswald. | dpa

Omikron-Variante "Wenn wir jetzt nicht handeln, ist es zu spät"

Stand: 15.12.2021 19:54 Uhr

Zu Beginn des neuen Jahres werde die Omikron-Variante in Europa dominierend sein, so die EU-Gesundheitsbehörde. Forschende mahnen zu raschem Handeln, um die Ausbreitung zu verlangsamen. Die Politik müsse auch Notfallpläne erarbeiten.

Die Omikron-Variante des Coronavirus dürfte nach Einschätzung der EU-Gesundheitsbehörde ECDC schon innerhalb der ersten beiden Monate des neuen Jahres zur dominierenden Variante in Europa werden. Es werde mit einer weiteren zügigen Zunahme der Omikron-Fallzahlen im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) gerechnet, schrieb die in Stockholm ansässige Behörde in einer aktualisierten Risikobewertung auf Basis von Modellvorhersagen.

Zum EWR zählen die 27 EU-Staaten, Norwegen, Island und Liechtenstein. Die epidemiologische Lage in der Region sei derzeit weiterhin von hohen Fallzahlen und einer niedrigen, aber langsam ansteigenden Sterberate geprägt, schrieb das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Noch herrsche die Delta-Variante vor.

ECDC mahnt rasches Handeln an

Es werde zudem als sehr wahrscheinlich betrachtet, dass Omikron zusätzliche Krankenhauseinlieferungen und Todesfälle verursachen werde. "Die kommenden Monate werden schwierig", sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides. Omikron werde voraussichtlich in einer großen Welle kommen und erneuten Druck auf die Gesundheitssysteme ausüben.

Während sich die Europäerinnen und Europäer auf die Festtage vorbereiteten, dürfe man die Vorsicht nicht in den Wind schlagen, so Kyriakides. Auffrischimpfungen sollten "unser Wellenbrecher" sein.

Auch ECDC-Direktorin Andrea Ammon sagte, die Länder sollten ihre Bemühungen steigern, Menschen vollständig zu impfen, und so bald wie möglich Auffrischungsimpfungen zu verabreichen. Impfungen allein seien in der derzeitigen Situation aber nicht genug. Es brauche auch eine schnelle Wiedereinführung oder Verschärfung von nicht-pharmazeutischen Maßnahmen - dazu zählen etwa das Tragen von Masken und genügend Abstand halten.

Übertragung von Omikron eindämmen

Wegen der rasanten Ausbreitung der Omikron-Variante beschwört ein internationales Expertengremium für Krisenprävention alle Regierungen der Welt, dringend zu handeln. Statt über mögliche mildere Krankheitsverläufe zu spekulieren, müssten vielmehr umgehend Maßnahmen durchgesetzt werden, um das Vordringen von Omikron zu verlangsamen, forderte der von der Weltbank und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2018 einberufene Ausschuss für weltweite Krisenprävention (GPMB) in einem Appell. "Es ist essenziell, die Übertragung von Omikron in den nächsten Wochen einzudämmen", hieß es in dem Aufruf. "Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es zu spät sein."

Die rasante Ausbreitung werde vor allem für Gruppierungen und Länder, die begrenzten Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen haben, schwere Folgen haben. Optimistische Erwartungen zur Schwere der durch Omikron verursachten Erkrankung oder zur Wirksamkeit der Impfstoffe basierten auf begrenzten Erkenntnissen, warnten die Expertinnen und Experten. "Das spendet falschen Trost und lullt einige Länder ein, die dadurch im Zustand der Untätigkeit verharren", hieß es in dem Appell.

Schnelle Übertragbarkeit von Omikron

Die Epidemiologin Berit Lange vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung schließt nicht aus, dass es wegen der Omikron-Variante im Januar wieder zur drastischeren Maßnahmen wie Schulschließungen kommen könnte. "Durch die schnelle Übertragbarkeit von Omikron kann das Geschehen ungemein schnell außer Kontrolle geraten, ohne dass man so richtig Reaktionszeit hat, wie wir das bisher meistens tatsächlich immer noch hatten", sagte sie in einem Online-Gespräch mit Journalistinnen und Journalisten.

Auch wenn Schulschließungen zur Entlastung der Gesundheitssysteme der Erwachsenen immer ultima ratio sein sollten, müsse man sich jetzt auch darauf vorbereiten, "dass man möglicherweise in deutlicher anderer Form im Januar in den Schulbetrieb geht, als das aktuell noch geplant ist", sagte sie. "Diese Vorbereitung von Seiten der Schulbehörden ist wichtig, gerade um die schweren negativen Folgen zu minimieren, sollten tatsächlich Schließungen notwendig werden."

Schnelles und vorbeugendes Handeln

Wegen der befürchteten sehr raschen Ausbreitung der Omikron-Variante mahnten Expertinnen und Experten schnelles und vorbeugendes Handeln der Politik an. Sie setzten wenig Hoffnung darauf, dass sich Berichte über milde Verläufe bestätigen, erklärten mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Videoschalte.

Eine alleinige Konzentration auf die Booster-Kampagne reiche nicht, sagte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt. Der Berliner Modellierer Dirk Brockmann forderte einen Notfallplan von der Politik, wie man auf verschiedene Szenarien reagieren könnte.

Aus Südafrika liegen die bislang umfangreichsten Daten zu Corona-Verläufen unter der neuen Omikron-Variante vor. Die Expertinnen und Erxperten warnten jedoch davor, diese auf Deutschland zu übertragen und sich von Hoffnungen leiten zu lassen. "Wir haben noch keine systematischen Daten für Deutschland und auch nicht, wie schwer die Erkrankungen sind", sagte Ciesek. "Man kann noch nicht wirklich sicher etwas zur Krankheitsschwere bei uns sagen und wir dürfen uns auch nicht eins zu eins mit Südafrika vergleichen." Dort sei die Bevölkerung im Schnitt deutlich jünger und die bisherige Infektionsrate sehr viel höher.

"Über alles nachdenken, aber nicht so lange"

Die Omikron-Ausbreitung noch zu stoppen, werteten Ciesek und Brockmann als ausgeschlossen - sie könne nur verlangsamt werden. Brockmann zog einen Vergleich mit dem Lockdown vom Frühjahr 2020, mit dem die erste Welle gebrochen worden sei. Damals sei das Virus aber nicht so übertragbar gewesen wie nun Omikron. "Ich bin da relativ pessimistisch, dass man mit Maßnahmen das Ding so brechen kann wie in der ersten Welle."

Es gelte aber, alles zu tun, um den Schaden möglichst klein zu halten. Zu erwarten sei laut Modellierungsstudien für Deutschland eine Entwicklung wie in Großbritannien und Dänemark, wo die Fallzahlen in die Höhe schossen. Auf die Frage, ob ein Lockdown zu erwägen sei, sagte Brockmann: "Man muss über alles nachdenken, aber nicht so lange." Er fürchte, dass es zu einer Kaskade unerwarteter Ereignisse kommen könnte. Bei sehr vielen Fällen gleichzeitig drohe zum Beispiel auch Krankenhauspersonal auszufallen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 15. Dezember 2021 um 16:10 Uhr.