Alice Schwarzer | dpa

Kritik an Waffenlieferungen Schwarzer verteidigt offenen Brief

Stand: 02.05.2022 14:30 Uhr

In einem offenen Brief an Kanzler Scholz warnten die Feministin Schwarzer und andere Prominente vor der Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine. Es drohe ein Dritter Weltkrieg. Nach breiter Kritik verteidigt Schwarzer das Schreiben nun.

Die Feministin Alice Schwarzer hat Kritik an einem offenen Brief zurückgewiesen, mit dem sie und andere Prominente vor einem Dritten Weltkrieg infolge der Waffenhilfe für die Ukraine warnten. Bei der Lieferung von "Angriffswaffen" müsse man sich fragen, ob das von Russland als Kriegsbeteiligung interpretiert werde, sagte Schwarzer im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Es gebe die Gefahr, in einen Dritten Weltkrieg hineinzurutschen.

Die Publizistin betonte, die Unterzeichner des offenen Briefes dürften nicht in die rechte Ecke gerückt werden. In Umfragen sei die Bevölkerung geteilt, ob man schwere Waffen in die Ukraine liefern solle. Darüber müsse man diskutieren.

"Ernsthaft von der Gefahr eines Weltkriegs überzeugt"

Schwarzer und andere Prominente wie der Schriftsteller Martin Walser, Filmemacher Andreas Dresen, Kabarettist Dieter Nuhr und Musiker Reinhard Mey hatten in dem am Freitag veröffentlichten Brief an Bundeskanzler Olaf Scholz appelliert, weder direkt noch indirekt schwere Waffen an die Ukraine zu liefern, um dem russischen Präsidenten Wladimir Putin kein Motiv für eine Ausweitung des Krieges auf die NATO-Staaten zu geben. Vielmehr möge Scholz alles dazu beitragen, "dass es so schnell wie möglich zu einem Waffenstillstand kommen kann, zu einem Kompromiss, den beide Seiten akzeptieren können". Bis Montagmorgen wurde der Brief von rund 140.000 Menschen digital unterzeichnet.

"Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich ernsthaft von der Gefahr eines neuen Weltkriegs überzeugt", sagte Schwarzer in einer Talksendung der "Bild". Wenn die russische Führung die Gefahr eines mit Atomwaffen geführten Konfliktes als sehr konkret bezeichne, "dann müssen wir das einfach ernst nehmen und sehr genau abwägen." Zugleich dürfe man die "bewundernswerten" militärischen Erfolge der Ukraine bei der Verteidigung gegen Putins Truppen nicht überbewerten: "Solche punktuellen Siege sind eines. Die zweite Atommacht der Welt gesamt in die Knie zu zwingen, ist etwas anderes."

"Wo sollen 'Kompromisse' sein?"

Nach der Veröffentlichung des offenen Briefes war breite Kritik daran laut geworden. Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter lieferte sich in der "Bild"-Talksendung einen direkten Schlagabtausch mit Schwarzer. Zur Forderung nach Kompromissen sagte der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag: "Nach allem, was ich weiß, haben die Ukrainer Putin sehr weitreichende Kompromisse angeboten. Nur hat Putin keinen einzigen Kompromiss akzeptiert. Er verlangt die komplette Zerstörung der Ukraine, die komplette Kapitulation."

Ähnlich argumentierte die Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann in einem Interview der "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten". Sie fragte: "Wo sollen 'Kompromisse' sein, wenn Putin völkerrechtswidrig ein freies europäisches Land überfällt, Städte dem Erdboden gleichgemacht, Zivilisten ermordet werden und Vergewaltigung systematisch als Waffe gegen Frauen eingesetzt wird?"

"Wir müssen die Ukraine unterstützen, diesen brutalen Angriff abzuwehren, finanziell, humanitär und mit Waffen", so Haßelmann. Das Land habe ein Recht auf Selbstverteidigung. Zugleich mache sich niemand die Entscheidung über Waffenlieferungen einfach. "Jeden Tag wägen wir ab, ringen mit uns und entscheiden dann auch und kommen unserer Verantwortung nach", sagte die Fraktionschefin.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Mai 2022 um 06:50 Uhr.