Russland Präsident Putin bei eine Militär-Parade (Archiv) | AP
Analyse

Gefahr von Atomwaffeneinsatz "Früher null, jetzt etwas höher"

Stand: 07.10.2022 20:18 Uhr

Immer wieder droht Russlands Präsident Putin mit dem Einsatz von Atomwaffen. US-Präsident Biden warnt vor einem "Armageddon". Wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario derzeit.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

"Dies ist kein Bluff" - es sind diese Worte des russischen Präsidenten, die vielen Menschen in Deutschland Sorgen machen. Verbunden mit der Tatsache, dass Putins Krieg überhaupt nicht in dessen Sinne läuft und ihn dies zu einer Art Verzweiflungstat treiben könnte. Putins tschetschenischer Verbündeter, Warlord Ramsan Kadyrow, hat den Mann im Kreml bereits offen dazu ermuntert, taktische Atomwaffen auf dem Schlachtfeld in der Ukraine einzusetzen.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Dennoch sind sich fast sämtliche Nuklearwaffen-Experten einig: Ja, die Gefahr, dass Putin von einer Atomwaffe Gebrauch macht, ist gewachsen - aber besonders hoch ist die Wahrscheinlichkeit deshalb noch lange nicht. "Früher war sie null, jetzt ist sie etwas höher. Aber sie ist weiterhin sehr gering", so schätzt es der Nuklearwaffenexperte Moritz Kütt vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik der Uni Hamburg ein.

Selbst kleinere Waffen hätten unkontrollierbare Folgen

Als so gut wie ausgeschlossen gilt, dass Putin Interkontinental-Raketen einsetzen könnte, also die sogenannten "strategischen Atomwaffen", die theoretisch London, Paris, Berlin oder New York treffen könnten. Die Vergeltung von USA und NATO wäre so massiv, dass in der Tat jene "Apokalypse" eintreten könnte, vor der US-Präsident Joe Biden jetzt warnt.

Doch schon in den ersten Kriegswochen wurde in Sicherheitskreisen darüber spekuliert, ob Russland eine kleinere, taktische Atomwaffe auf dem Schlachtfeld in der Ukraine zünden könnte. Aber auch dies würde Putin seinen militärischen Zielen wohl kaum näherbringen: Ein Panzerverband etwa, der weit auseinandergezogen an der Frontlinie verteilt ist, ließe sich mit einer solchen Waffe nicht ausschalten.

Hinzu kämen für Russland unkontrollierbare Folgen: Eine nukleare Wolke, von der man nicht weiß, wo sie sich hinbewegt. Und ein atomar verseuchter Landstrich, auf dem auch russische Truppen sich nicht mehr gefahrlos bewegen könnten.

Mögliche Konsequenz: Abwenden Chinas oder Indiens

Zudem würde der Atompilz in der ganzen Welt in sozialen Medien geteilt und damit sichtbar - aber eben auch für die Soldaten vor Ort: "Das führt einfach zu einer Angst, wo wir uns gar nicht vorstellen können, was das für die Truppen bedeutet: Rennen die alle weg? Dieser Effekt ist nicht zu kontrollieren und findet auf allen Seiten statt", sagt Wissenschaftler Kütt im Interview mit dem ARD-Hauptstadtstudio.

Vor allem aber wäre der Tabubruch, in einem Krieg erstmals auf europäischem Boden eine Atomkatastrophe auszulösen, zu monströs, als dass sich dies die meisten vorstellen können. Fraglich ist, ob die Generäle in der russischen Befehlskette da überhaupt mitgingen.

Und schließlich wird erwartet, dass sich dann auch Mächte wie China oder Indien von Putin abwenden würden. Dass die Nachteile eines Einsatzes die Vorteile bei weitem überwiegen, dürfte also auch Putin bekannt sein - so zumindest die Hoffnung.

Technische Voraussetzungen gegeben

Dass Russland zu einem Atomschlag technisch in der Lage wäre, daran besteht kein Zweifel: Über insgesamt etwa 1500 - wohl innerhalb von Minuten einsetzbare - strategische Atomwaffen soll Russland verfügen. Dazu über etwa 2000 taktische.

Diese Sprengköpfe allerdings, erklärt Nuklearexperte Kütt, würden zentral lagern und müssten dann erst mit einigem Aufwand zu ihren Trägersystemen - Flugzeugen oder Raketen - transportiert werden. "Es erfordert eine Militärlogistik, von der wir hoffen, dass wir sie sehen können", so Kütt. "Entweder mit Satelliten oder Geheimdienstinformationen."

Heißt also: Der Westen bekäme eine gewisse Vorwarnzeit. Was die Entscheidung, wie im Fall der Fälle zu reagieren wäre, nicht einfacher macht. Genau darüber aber zerbricht sich das "Tiger Team", Sicherheitsexperten im engsten Umfeld Joe Bidens, schon seit Beginn des Krieges den Kopf.

Etwaige Gegenreaktionen unklar

Vieles deutet - derzeit jedenfalls - darauf hin, dass USA und NATO dies eher konventionell vergelten würden, nicht ihrerseits nuklear. "Das wäre so grauenvoll, dass es darauf eine Antwort geben müsste. Aber keine mit Atomwaffen. Man will ja keine nukleare Eskalation. Aber man müsste zeigen, dass so etwas in keiner Weise akzeptabel wäre", spekulierte David Petraeus, Ex-General und ehemaliger CIA-Chef, kürzlich im Sender ABC.

Wie diese Reaktion exakt ausfallen würde, ob USA und NATO dann doch in der Ukraine selbst in den Krieg eingreifen oder doch ihrerseits eine Nuklearwaffe zünden, das lässt man von Seiten des Westens bewusst offen. Jedenfalls gab das US-Außenministerium zu verstehen, man habe Russland durchaus vermittelt, dass es "katastrophale Konsequenzen" zu befürchten hätte, würde eine Atomwaffe zum Einsatz kommen.

Genau diese Ungewissheit darüber, was er dann zu erwarten hätte, soll also den russischen Präsidenten davon abhalten, das "Undenkbare zu denken". So zumindest die Hoffnung.   

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Oktober 2022 um 21:00 Uhr.