Anschlag in der Keupstraße in Köln

Zeugenbefragung im NSU-Prozess "Da war auf einmal der Knall"

Stand: 20.01.2015 13:16 Uhr

Eine Explosion und 700 Zimmermannsnägel, die wie Geschosse umherfliegen: Der Anschlag in der Kölner Keupstraße im Jahr 2004 wird seit Dienstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München aufgearbeitet. Der erste Zeuge sagte aus.

Von Tim Aßmann, BR München

Sandro D. war am 9. Juni 2004 rein zufällig in der Keupstraße. Mit einem Freund hatte er einen Döner gegessen. Auf dem Rückweg zum Auto kamen beide an dem Friseursalon in Haus Nummer 29 vorbei. Das abgestellte Fahrrad mit dem großen Koffer auf dem Gepäckträger nahm Sandro D. gar nicht wahr - auch nicht, als der Koffer explodierte und mehr als 700 zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel wie Geschosse durch die Straße flogen.

"Da war auf einmal der Knall", erklärte Sandro D. nun als Zeuge. Es sei gewesen, "als wenn einem jemand die Beine wegreißt", schilderte der heute 34-Jährige den Moment der Explosion. Dann kann er sich an nicht mehr viel erinnern. Nägel bohrten sich in seinen Körper. Er erlitt Verbrennungen. "Das Schlimmste für mich war, dass ich nichts hören konnte", sagte Sandro D. im Gerichtssaal. Er habe den Namen seines Freundes geschrien, von dem er nicht wusste, ob er noch lebte oder tot war.

Ermittler verdächtigten damals die Opfer

In den Jahren nach dem Anschlag habe seinen Mandanten vor allem die Ungewissheit über die Täter schwer belastet, sagt Tobias Westkamp, der Anwalt von Sandro D. Es falle Opfern eines Anschlags, zu dem sich niemand bekennt, sehr schwer "sich zu entängstigen, weil man eben nicht weiß, wer einem diese schwere Verletzung zugefügt hat und ob derjenige es nicht gegebenfalls noch mal versucht".

Sandro D. schilderte dem Gericht auch, wie schwer ihn die Ermittlungen belasteten. Seinen ebenfalls schwer verletzten Freund konnte er im Krankenhaus nicht sehen, denn die Ermittler verdächtigten die beiden jungen Männer damals, die Bombe selbst gelegt zu haben. Bis heute leidet Sandro D. unter den Folgen des Anschlags. Als er 2011 erfuhr, dass der NSU hinter der Tat steckte, musste er erneut in Psychotherapie.

"Es kommen mir die Tränen"

In den nächsten Tagen und Wochen will das Gericht alle 22 Opfer des Anschlags als Zeugen befragen. Auch den Ladenbesitzer Arif Sagdic, der bereits jetzt zum Prozess anreiste. "Die Atmosphäre hier macht mir Gänsehaut." Die Unterstützung der Deutschen sei beeindruckend. Er trauere, sei aber auch neugierig auf das Prozessende. "Jetzt gerade habe ich den Tag der Explosion vor Augen und es kommen mir die Tränen. Ich wünsche niemandem so ein Erlebnis." Seit 2004 könne er nicht mehr fliegen, nicht mehr in engen Räumen sein und auch nicht mehr Aufzug fahren.

NSU-Prozess in München
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Die Angeklagte Beate Zschäpe am 20. Januar 2015 im NSU-Prozess in München

Die Opfer treiben bis heute viele Fragen um: Warum konzentrierte sich die Polizei auf einen kriminellen und nicht auf einen terroristischen Hintergrund? Handelte der NSU alleine oder gab es in Köln lokale Unterstützer? Opferanwalt Mehmet Daimagüler will wissen, warum junge Menschen aus Zwickau darauf kommen, ausgerechnet diese Straße zum Ziel eines Anschlags zu machen. "Das deutet auf lokale Helfershelfer hin. Das sind Fragen, die wichtig sind und die gestellt werden müssen."

Beweisaufnahme wird wohl Monate dauern

Daimagüler sagt allerdings auch, man müsse realistisch bleiben. "Nach all den Jahren, die vergangen sind, nach all den Zeugen, die es nicht mehr gibt, nach all den Akten, die verschwunden sind, muss man sagen, wird es schwierig, die Wahrheit im vollen Umfang zu erfahren." Die Beweisaufnahme zum Fall Keupstraße wird das Gericht voraussichtlich mehrere Monate beschäftigen.

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