Brigitte Böhnhardt

Böhnhardt-Mutter als Zeugin beim NSU-Prozess Vorwürfe gegen die Behörden

Stand: 19.11.2013 12:22 Uhr

Eindrücklich, aber nicht frei von Selbstmitleid hat die Mutter des verstorbenen mutmaßlichen Terroristen Uwe Böhnhardt beim NSU-Prozess geschildert, wie ihr Sohn ins rechtsextreme Milieu abrutschte. Die Ermittler hätten gedroht, das untergetauchte Trio bei einer Festnahme zu erschießen.

Von Holger Schmidt, SWR, ARD-Terrorismusexperte

Gefasst und konzentriert betritt Brigitte Böhnhardt den Gerichtssaal. Sie trägt einen roten Pullover und ein buntes Halstuch, sieht so aus, wie man sich eine pensionierte Lehrerin gemeinhin vorstellt. Einst soll ihr Sohn Uwe der Freund von Beate Zschäpe gewesen sein. In früheren Vernehmungen beim Bundeskriminalamt hat Brigitte Böhnhardt geschildert, dass sie Beate Zschäpe sehr sympathisch gefunden habe und auch in der Zeit, als die drei im Untergrund lebten, geradezu froh gewesen sei, dass Zschäpe mit von der Partie war.

Ausführlich erzählt sie dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl vom Leben ihres Sohnes. Von Schwierigkeiten in der Schule Anfang der 1990er-Jahre, vom Abrutschen in ein kleinkriminelles Milieu, dann vom Auftauchen neuer Freunde wie Uwe Mundlos und Ralf Wohlleben.

Gefühlsregungen bei Ralf Wohlleben

Sympathisch und nett seien diese Leute gewesen, sagt Brigitte Böhnhardt in Richtung Ralf Wohlleben. Ihren Blick können wir Journalisten dabei nicht erkennen. Doch die Reaktion von Ralf Wohlleben ist interessant: Er schaut ernster als sonst und scheint von der Erinnerung an damals berührt zu sein.

Genau um solche Momente scheint es Götzl zu gehen: Er möchte die Vorgeschichte des NSU und die Entwicklung der mutmaßlichen Täter verstehen. Auch für die Bundesanwaltschaft ist dies der maßgebliche Aspekt. Bundesanwalt Herbert Diemer erhofft sich "Informationen über das Leben der Verstorbenen und dadurch auch über das persönliche Umfeld und das Leben der Angeklagten".

Zschäpe konzentrierter als sonst

Zschäpe folgt der Aussage von Böhnhardt konzentrierter als sonst. Ihren Computer, hinter dem sie sich sonst gerne verschanzt, hat sie zugeklappt. Sie hat die Hände unter ihrem Kinn gefaltet und die Ellenbogen auf dem Computer aufgestützt. Doch ob und was die Erzählungen aus der Jugendzeit bei ihr auslösen, ist nicht zu erkennen. Nur einmal nickt sie: Als Böhnhardt sagt, dass Sicherheitsbehörden ihr unverhohlen damit gedroht hätten, das Trio bei einer möglichen Festnahme zu erschießen, zeigt Zschäpe Reaktionen.

Welche Rolle spielte der Verfassungsschutz?

Tatsächlich soll es mehrere Versuche von Polizei und Verfassungsschutz gegeben haben, über die Mutter von Uwe Böhnhardt an das Trio heranzukommen. Gesucht wurden sie damals als Bombenbastler, von den Morden ahnte niemand etwas. Die Nebenklage will auch diese Kontakte aufklären, sagt Nebenklägeranwalt Mehmet Daimagüler. "Ich kann mir schon gut vorstellen, dass über die Jahre hinweg nicht nur die Polizei bei den Böhnhardts vorstellig wurde, sondern auch der ein oder andere Mitarbeiter von Verfassungsschutzbehörden. Und wenn sie uns da Informationen an die Hand geben könnte, würde uns das helfen, die Rolle des Verfassungsschutzes zu verstehen."

Auffallend groß war das öffentliche Interesse an der Aussage von Brigitte Böhnhardt: Der Zuschauerbereich war bis auf den letzten Platz gefüllt, vor dem Eingang bildete sich eine kleine Schlange weiterer Interessierter. Im Saal war unter den Zuschauern zeitweise auch der türkische Botschafter.

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