Der Angeklagte André E. betritt den Verhandlungssaal im Oberlandesgericht München im NSU-Prozess. 02.05.2018 | Bildquelle: dpa

NSU-Prozess Erst schweigsam, jetzt nervös

Stand: 08.05.2018 02:11 Uhr

André E. gilt als enger Vertrauter von Beate Zschäpe. Auch ihm droht im NSU-Prozess eine Haftstrafe. Heute plädieren seine Anwälte. Zuletzt war der überzeugte Neonazi nervös geworden.

Von Thies Marsen, BR

In fünf Jahren NSU-Prozess hat der Angeklagte André E. kein einziges Wort gesagt, hat auch schriftlich keine Aussage gemacht. Nur ein einziger Antrag seiner Verteidigung ist in Erinnerung geblieben: Sie wollte erreichen, dass André E. nur noch an ausgewählten Verhandlungstagen im Gerichtssaal erscheinen muss. Das wurde abgelehnt, in der Folge fiel der mutmaßliche NSU-Unterstützer vor allem durch offen zur Schau gestelltes Desinteresse auf, so als ob ihn das alles gar nichts angehe.

Politische Gesinnung auf der Brust tätowiert

Aus seiner politischen Gesinnung hat André E. unterdessen nie einen Hehl gemacht - er trägt sie sozusagen am Körper: "André ist Rassist, er ist Nationalsozialist, er hat auf seiner Brust tätowiert 'Stirb Jude stirb'." Und diese "Die Jew Die"-Tätowierung, die Nebenklage-Anwalt Mehmet Daimagüler beschreibt, ist nicht das einzige Nazi-Tatoo von André E..

Der Angeklagte André E. während des NSU-Prozesses im Oberlandesgericht München. 10.04.2018 | Bildquelle: JOERG KOCH/EPA-EFE/REX/Shutterst
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Der mutmaßliche NSU-Unterstützer André E. fiel im Prozess bisher vor allem durch offen zur Schau gestelltes Desinteresse auf.

Auch mit der Wahl seiner Kleidungsstücke trägt er immer mal wieder seine Neonazi- Gesinnung zur Schau, etwa als am 151. Verhandlungstag ein Zeuge aus der Neonaziszene vernommen werden sollte. Da prangte auf dem T-Shirt von André E. der Schriftzug "Brüder schweigen". Was man nicht nur als eine unverhohlene Aufforderung an den Zeugen verstehen konnte. "Brüder schweigen" ist auch der Name einer US-Neonazi-Terrorgruppe, die dem NSU vermutlich als Vorbild diente.

Es sei naheliegend, dass André E. in die Terrorpläne des NSU eingeweiht war und diese billigte, glaubt Opferanwalt Alexander Hoffmann, "dass er von der Bewaffnung und von der Finanzierung wusste." Denn er habe sie politisch lange genug gekannt. Und in den Heften, die er herausgegeben hat, habe er den bewaffneten Kampf, Mord und Totschlag propagiert. Das seien starke Indizien dafür, dass er auch Kenntnis davon gehabt habe, was mit seiner Unterstützung gemacht wird.

Nicht als NSU-Mitglied angeklagt

Umso erstaunlicher finden es viele Nebenkläger, dass André E. nur als Unterstützer und nicht als Mitglied des NSU angeklagt wurde, obwohl er nachweislich unter anderem konspirative Wohnungen anmietete und auch Wohnmobile, die der NSU für Banküberfälle und einen Anschlag in Köln nutzte.

Auch dass seine Ehefrau Susann nicht mit auf der Anklagebank sitzt, obwohl sie den untergetauchten Terroristen wohl genauso nahe stand wie ihr Mann und sie mutmaßlich Beate Zschäpes beste Freundin war. Und dass André E. die ersten viereinhalb Jahre des Prozesses auf freiem Fuß blieb - was er dazu nutzte, sich unter anderem bei Pegida-Aufmärschen und Neonazikonzerten sehen zu lassen.

Bis Mitte September vergangenen Jahres die Bundesanwaltschaft zum Abschluss ihres Plädoyers überraschend eine zwölfjährige Haftstrafe für André E. beantragte - und auch gleich einen Haftbefehl. Bundesanwalt Herbert Diemer erklärte: "Den Haftbefehlsantrag haben wir deshalb gestellt, weil wir meinen, dass bei einer entsprechend hohen Strafe auch ein entsprechend hoher Fluchtanreiz besteht."

Plötzlich wurde André E. aktiv

Den Angeklagten und seine Anwälte - die übrigens keine Interviews geben - traf die Entscheidung aus heiterem Himmel. Dabei hätten sie damit rechnen können, sagt Opferanwalt Thomas Bliwier. "Sie haben übersehen, dass die Anklage wegen Beihilfe zum versuchten Mord zugelassen war zur Hauptverhandlung, da hat es also keine große Änderung gegeben. Der wird genauso verurteilt, wie er angeklagt wurde", so Bliwier.

Seither sitzt André E. wie Zschäpe und Ralf Wohlleben in Untersuchungshaft in der JVA München-Stadelheim. Und plötzlich ist der Neonazi, der viereinhalb Jahre so tat, als ginge ihn das alles nichts an, aktiv geworden. Erst verzögerten seine Anwälte mittels diverser Befangenheitsanträge monatelang das Verfahren. Dann engagierte er aus der Zelle heraus einen neuen Anwalt, der sofort einen - völlig belanglosen - Beweisantrag stellte.

Dass André E. mit diesen fast schon verzweifelt anmutenden Aktivitäten kurz vor Schluss noch verhindern kann, dass er demnächst für Jahre hinter Gittern landen wird, ist mehr als fraglich.

NSU: Porträt des Angeklagten André E. vor Beginn seiner Verteidigerplädoyers
Thieß Marsen, BR
07.05.2018 20:36 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Mai 2018 um 13:51 Uhr.

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