Enver Simsek | Bildquelle: picture alliance/dpa

Rechtsterrorismus Als der NSU seine Mordserie begann

Stand: 09.09.2020 02:52 Uhr

Am 9. September 2000 schossen Neonazis in Nürnberg auf den Blumenhändler Enver Simsek. Er starb kurz darauf. Die Tat war der Auftakt der NSU-Mordserie, die auch 20 Jahre später nicht abschließend aufgeklärt ist.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Enver Simsek ist 38 Jahre alt, als am frühen Nachmittag des 9. September 2000 an einem seiner Blumenstände in Nürnberg auf ihn geschossen wird. Zwei Tage nach dem Angriff stirbt Simsek in einem Krankenhaus. Aber erst mehr als zehn Jahre nach seinem Tod werden die Täter gefunden: der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) - eine Terror-Gruppe um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Die Neonazis ermordeten Simsek aus rassistischen Motiven. Mindestens neun weitere Menschen tötet die Gruppe anschließend: Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik und Halit Yozgat. Außerdem erschießen die Terroristen die Polizistin Michele Kiesewetter.

Allerdings hatten die Rechtsterroristen bereits zuvor Anschläge verübt. Dabei wurde die Tochter eines Ladenbesitzers in Köln schwer verletzt; in Nürnberg war ihr Sprengsatz fehlerhaft und verletzte einen türkischen Gastwirt nur leicht. In beiden Fällen richteten sich die Ermittlungen auf das jeweilige Umfeld der Opfer, das Motiv Rechtsextremismus spielte keine Rolle.

Autor und Journalist Dirk Laabs zu offenen Fragen nach dem NSU-Prozess
tagesschau24 11:30 Uhr, 09.09.2020

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Spekulationen um Verfassungsschützer am Tatort

Dieses Schema wiederholte sich bei den folgenden Morden, immer wieder wurde vor allem das Umfeld der Betroffenen durchleuchtet. Dazu kamen die besonders rätselhaften Fälle von Heilbronn, wo die Terroristen eine Polizistin ermordeten, sowie in Kassel, der letzten Tat in der "Ceska-Mordserie". Am Tatort in einem Internetcafé war ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes anwesend, der dort angeblich privat gechattet habe und das schwer verletzte NSU-Opfer nicht hinter dem Tresen liegend gesehen haben will.

Der Fall sorgt bis heute für Spekulationen, da der Geheimdienstmitarbeiter Quellen im rechtsextremen Milieu führte, die in der hessischen Neonazi-Szene gut vernetzt waren. Im Zuge der Ermittlungen zum Mord an den CDU-Politiker Walter Lübcke tauchten Personen aus dieser Szene dann erneut auf.

Großes Misstrauen

Die zumeist einseitigen Ermittlungen in Richtung der Betroffenen, die undurchsichtige Rolle des V-Mann-Führers in Kassel, das Schreddern von Akten nach der Selbstenttarnung des NSU: Polizei und Verfassungsschutz standen deswegen im Kreuzfeuer der Kritik. Untersuchungsausschüsse im Bundestag und in mehreren Landtagen untersuchten die Vorfälle.

Derzeit gibt es noch in Mecklenburg-Vorpommern einen entsprechenden Ausschuss. Dort hatten die NSU-Terroristen einen Mord und mehrere Überfälle begangen, zudem führten diverse Spuren im Unterstützernetzwerk in den Nordosten. Die rechtsextremen Strukturen in der Region werden nun analysiert.

Maaßen sollte neues Vertrauen gewinnen

Als Konsequenz aus den Skandalen gab es einen Wechsel an der Spitze des Nachrichtendienstes: Hans-Georg Maaßen löste Heinz Fromm als Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz ab - und sollte neues Vertrauen gewinnen.

Die Opposition bewertete die Personalie skeptisch - und tatsächlich gab es immer wieder Diskussionen um Maaßen, die nicht halfen, dem Nachrichtendienst mehr Ansehen zu verschaffen. So sorgte sich Maaßen beispielsweise nach den Krawallen von Chemnitz im Jahr 2018 öffentlich weniger um die aggressive rechtsextreme Bewegung, sondern übte via Boulevardpresse Medienkritik und sprach von vermeintlichen gezielten Falschmeldungen, ohne diese Vorwürfe zu belegen. Im November 2018 wurde Maaßen in den Ruhestand geschickt.

Weitere Anschläge

Der Terrorserie des NSU folgten weitere Anschläge: 2016 erschoss ein Attentäter in München neun Menschen aus rassistischen Motiven. 2019 wollte in Halle ein Rechtsextremist eine Synagoge stürmen, erschoss zwei Personen. In Hessen wurde der CDU-Politiker Lübcke ermordet. In Hanau erschoss 2020 ein Mann zehn Menschen.

Der Terror von rechts hat also nach der NSU-Mordserie noch viele weitere Opfer gefordert - und viele Fragen sind noch offen: Wie konnte es zu den sogenannten Pannen beim Verfassungsschutz kommen? Warum konnten Neonazis jahrelang durch die Republik ziehen, Banken überfallen und Menschen erschießen? Warum wurde in den vergangenen Jahren die Gefahr durch Hetze im Netz erst so spät erkannt? Und wie lassen sich die neue Tätertypen stoppen?

Weiteres Misstrauen gegen Ermittlungsbehörden entsteht durch rechtsextreme Verdachtsfälle bei Bundeswehr und Polizei. So hatte die Anwältin Seda Basay-Yildiz die Familie Simsek im NSU-Prozess in München vertreten. Die Folgen spürt sie bis heute: Die Anwältin erhielt mehrere Drohschreiben - unterzeichnet mit "NSU 2.0". Wer hinter den Drohungen steckt, ist bislang unklar. Doch bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass persönliche Daten der Anwältin von einem Computer in der Dienststelle des 1. Polizeireviers in Frankfurt abgerufen worden waren.

"Konnten nicht in Ruhe Abschied nehmen"

Für die Angehörigen der Opfer sind all diese Umstände besonders traumatisch. "In Ruhe Abschied nehmen und trauern, das konnten wir nicht. Elf Jahre durften wir nicht einmal reinen Gewissens Opfer sein", klagte 2012 Semiya Simsek bei einer Trauerfeier. Sie war 14 Jahre alt, als ihr Vater ermordet wurde. Semiya Simsek zog in die Türkei - in die Nähe des Dorfes, aus dem ihr Vater stammt und wo er begraben wurde. 

Ihr Bruder trat beim NSU-Prozess in München als Nebenkläger auf. Dort schilderte er, wie er als 13-Jähriger ins Krankenhaus gerufen wurde und drei blutige Löcher im Gesicht seines sterbenden Vaters zählte, drei weitere in der Brust. Und wie die Mutter sich nicht mehr um die Kinder kümmern konnte, weil sie an einer schweren Depression litt. Wie er niemandem erzählte, dass sein Vater ermordet worden war, obwohl er wusste, dass der Vater nicht kriminell gewesen war, wie die Polizei es zunächst vermutete.

Trauerfeier in Nürnberg

Am Wochenende sprach er bei einer Gedenkveranstaltung an dem Ort, an dem sein Vater erschossen wurde. Es sei "ein bedrückendes Gefühl hier zu sein, hier zu stehen und zu wissen, dass mein Vater vor 20 Jahren stundenlang hilflos und schwer verletzt in seinem Transporter lag." Er berichtet von den Verdächtigungen gegen seine Familie - und zeigte sich enttäuscht von dem Prozess in München: "Bis auf Beate Zschäpe laufen alle Angeklagten frei herum. Die Nazis applaudierten, als das Urteil gesprochen wurde." Für viele Angehörigen der Opfer sind viele Fragen noch offen. Denn dass die Gruppe nur aus drei Mitgliedern bestand, glauben sie nicht.

Über dieses Thema berichteten am 09. September 2020 Deutschlandfunk Kultur um 07:40 Uhr und tagesschau24 um 11:00 Uhr.

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