Hermann Lüdeking mit seiner Pflegemutter

Prozess um Entschädigung Kindesraub für die NS-Getreuen

Stand: 21.06.2018 04:51 Uhr

Sie wurden als Kleinkinder von den Nazis verschleppt und kamen in Pflegefamilien - Tausende Kinder aus dem besetzten Mittel- und Osteuropa. Nun klagt eines von ihnen auf Entschädigung.

Von Moritz Stadler, WDR

Zu zweit wurden sie ins Schwesternzimmer des "Lebensborn"-Heimes in Kohren-Sahlis zwischen Chemnitz und Leipzig zitiert: Der damals sechsjährige Hermann und sein Spielkamerad Roland. Im Zimmer wartete eine fremde Frau. Zu ihr habe die Schwester gesagt: "Von denen dürfen Sie sich einen aussuchen", erinnert sich der heute 82-jährige Hermann Lüdeking. Die Frau, eine treue Nationalsozialistin, war auf der Suche nach einem blonden Jungen. Sie deutete auf Lüdeking - von diesem Moment an war sie seine Pflegemutter.

Wer seine richtigen Eltern sind und was man mit ihnen gemacht hat, weiß Lüdeking bis heute nicht. Er weiß nicht, wo er geboren wurde, nicht einmal in welchem Land. Seinen wirklichen Namen kennt er auch nicht. Seinen deutschen Namen haben ihm die Nazis gegeben.

Prozess um Entschädigung wegen NS-Kindesraub
mittagsmagazin 13:00 Uhr, 21.06.2018, Moritz Stadler, WDR

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Am Donnerstag klagt Lüdeking vor dem Verwaltungsgericht Köln auf Entschädigung. Es könnte ein Präzedenzfall werden. Denn Lüdeking war eines von schätzungsweise bis zu 250.000 Kindern, die während der NS-Okkupation in Polen, Russland, Slowenien, in der Tschechoslowakei und in Norwegen von der Wehrmacht geraubt wurden.

"Germanische" Umerziehungslager

Das SS-Projekt "Lebensborn e.V.", gegründet von Heinrich Himmler, sollte "gewünschten Nachwuchs" ins Reich bringen. Kinder, die den rassischen Vorstellungen der Nationalsozialisten entsprachen - blond, blauäugig -, wurden nach Deutschland gebracht, ihre Eltern, sofern sie noch lebten, zur Zwangsarbeit verschleppt oder als Geiseln erschossen.

Die Identität dieser Kinder wurde gefälscht, sie erhielten deutsche Namen. In Umerziehungslagern wurden sie "germanisiert" und ihrer kulturellen Identität beraubt. Sie wurden seelisch und körperlich missbraucht, es war ihnen verboten, ihre Muttersprache zu sprechen, unter Androhung von Strafen. Schließlich wurden sie zur Adoption freigegeben. Viele dieser Kinder wissen bis heute nicht, wer sie wirklich sind.

Hermann Lüdeking
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Blond und blauäugig: Hermann Lüdeking entsprach dem arischen Rassenideal.

Der Verein "Geraubte Kinder" verlangt seit Jahren, die Bundesrepublik Deutschland möge ihr Schicksal würdigen und materielle Verantwortung übernehmen. Bei Raubkunst habe man seit Jahren einen Umgang gefunden, sagt Vereinsvorstand Christian Schwarz, aber bei geraubten Kindern weigere sich die Bundesregierung bis heute, Entschädigungen zu zahlen.

Zuständig ist das Bundesfinanzministerium. Dort heißt es auf Anfrage: Der Bundestag habe im Jahre 2014 beschlossen, individuelle Entschädigungsleistungen nicht zu unterstützen. Die Haltung der Bundesregierung sei "in der Sache unverändert".

Recht auf Identität

Hermann Lüdeking kann das nicht verstehen, er will entschädigt werden für das, was man ihm angetan hat. Ihm und all den anderen Kindern. Bekommt er Recht, könnte sein Prozess einen Präzedenzfall schaffen und Entschädigungen für alle von den Nazis geraubten Kinder ermöglichen.

Der 82-Jährige glaubt an seine Chancen. Denn kaum ein Fall geraubter Kinder ist so gut dokumentiert wie der seine: Als 16-Jähriger fand Lüdeking die Unterlagen seiner Lebensborn-Adoption in der Kommode der Pflegemutter und nahm sie an sich. "Ich dachte, sonst kommen die womöglich weg", sagt er heute. Darin befindet sich, sauber dokumentiert, die gesamte menschenverachtende Bürokratie hinter dem Raub des kleinen Hermann Lüdeking.

Geburtsurkunde von Hermann Lüdeking
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Die Geburtsurkunde Hermann Lüdekings ist gefälscht. Bis heute kennt er seinen wahren Geburtsort nicht.

Kleiderkarte von 1942
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Selbst sein angeblicher polnischer Geburtsname, der auch in der Kleiderkarte von 1942 steht, wurde offenbar gefälscht.

Seiner Pflegemutter war Lüdeking übrigens nie böse - wohl aber sie ihm: Als sie erfuhr, dass er die Unterlagen genommen hatte und Nachforschungen anstellte, brach sie mit ihrem blonden Adoptivsohn.

Das Wichtigste für Lüdeking, nämlich die Frage nach seiner Herkunft, konnten ihm allerdings auch die Unterlagen nicht beantworten. Die Nazis haben ihre Spuren sorgfältig verwischt: Selbst sein angeblicher polnischer Geburtsname wurde offenbar gefälscht.

Nun sollen die Unterlagen aber helfen, das für ihn Zweitwichtigste zu erreichen: Eine Entschädigung von dem Staat, der Schuld daran ist, dass Hermann Lüdeking seine wahre Identität nicht finden kann.

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 27. August 2017 um 18:05 Uhr und der MDR am 19. Dezember 2017 um 21:15 Uhr. Zudem berichtete über dieses Thema das ARD-Mittagsmagazin am 21. Juni 2018 um 13:00 Uhr.

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