Schwer bewaffnete Beamte eines Spezialeinsatzkommandos  | Bildquelle: dpa

Ermittlungen "Nordadler" Rechtsextreme Spinner oder Terrorzelle?

Stand: 18.04.2018 16:24 Uhr

Sie nennen sich "Nordadler": Die Bundesanwaltschaft wirft vier Männern vor, eine Neonazi-Terrorgruppe gegründet zu haben. Auch mögliche Anschlagsziele waren offenbar im Gespräch.

Von Julian Feldmann, NDR

Gestern am frühen Morgen heben die Ermittler mit einem Spezialeinsatzkommando aus Hannover eine Wohnungstür in Katlenburg-Lindau in Südniedersachsen aus den Angeln. Sie stürmen mit gezogenen Waffen in das kleine Appartment. Der Bewohner Wladislav S. wird gefesselt, er steht unter Terrorverdacht.

Sie nennen sich "Nordadler"

Der 22-Jährige ist Ansprechpartner der Gruppe "Nordadler". Im Internet tritt die Organisation offen auf, gibt Auskunft über ihre Ziele. "Nordadler" schreibt dort etwa, dass sie dafür sorgen müssten, dass "sich unser Volk selbst erhält und nicht an Degenerationserscheinungen stirbt". Auch vom "rassischen Erwachen der Völker" ist die Rede.

Dem NDR-Politikmagazin Panorama 3 hat Wladislav S. ein Interview gegeben. Der Vorwurf der Bildung einer terroristischen Vereinigung sei "lächerlich", sagt er. Aus der ideologischen Ausrichtung seiner Gruppe macht er jedoch keinen Hehl. S. bezeichnet sich selbst als Nationalsozialist. "Wir wollen für unser Volk das Beste, das heißt aber nicht, dass wir andere Völker diskriminieren", sagt er.

Austausch über Waffen und Anschlagsziele

Doch so offen wie S. über die Gruppe im Interview spricht und sie sich im Netz präsentiert, agierte "Nordadler" nicht immer. Panorama 3 liegen Akten zu dem Fall vor: Daraus ist zu entnehmen, dass sich die Mitglieder auch über Waffen und mögliche Anschlagsziele ausgetauscht haben sollen. Unter Decknamen hätten die "Nordadler"-Mitglieder beim Messenger-Dienst "Telegram" kommuniziert.

Die Ermittler schlugen gestern noch bei drei weiteren Verdächtigen zu: Bei Patrick Sch. im schleswig-holsteinischen Appen, bei Marco A. aus dem emsländischen Dörpen und bei Brian W. aus Bremen-Blumenthal. Die vier Männer sollen zur Führung der Organisation gehören, auch weitere Rechtsextremisten gehören der Vereinigung offenbar an.

"Staatsfeinde" im Visier der Gruppe

Über mögliche Anschlagsziele sollen sich die drei Terrorverdächtigen S., Sch. und W. bereits ausgetauscht haben. Angebliche "Staatsfeinde", Juden und Angehörige der Antifa-Szene, standen nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes Niedersachsen im Visier der Neonazis. Auf Nachfrage von Panorama 3 räumt S. ein, Listen mit Namen und persönlichen Daten von Antifaschisten aus Northeim und Göttingen angelegt zu haben. Bei einem anderen Verdächtigen wurden zudem Listen mit Politikern gefunden. Diese sollten im Falle eines Zusammenbruchs der Bundesrepublik "zur Rechenschaft" gezogen werden, sagt S.

Über Waffen und die Herstellung von Sprengvorrichtungen hätten "Nordadler"-Mitglieder bereits diskutiert. Der 22-jährige S. habe in der Vergangenheit bereits an "Sprengversuchen" teilgenommen.

"Nationalsozialistische Siedlung" geplant?

Die Gruppe "Nordadler" wollte offenbar eine nationalsozialistische Siedlung im thüringischen Mackenrode gründen. Mehrere Häuser sollten zu diesem Zweck erworben werden, glauben die Ermittler. Dieses "Siedlungsprojekt" räumt S. im Interview mit Panorama 3 ein. Man wollte sich einen Rückzugsraum schaffen. Für 30.000 Euro kaufte die Lebensgefährtin des Beschuldigten Sch. im vergangenen Dezember ein Haus in Mackenrode.

Mitgliedsbeiträge und Spendenwerbung

Doch wie gut waren die "Nordadler"-Aktivisten organisiert? S. spricht von einer losen Gruppe. Die Bundesanwaltschaft sieht das anders: "Nordadler" sei eine Vereinigung. Die Angehörigen mussten monatliche Mitgliedsbeiträge zahlen, wie die Beamten herausfanden. Der mutmaßlichen Terrorzelle stand ein Konto bei der Stadtsparkasse in Wedel/Schleswig-Holstein zur Verfügung. Mit dieser Kontonummer warb "Nordadler" auch offen um Spenden.

Der Terrorverdächtige Wladislav S. ist bei der Justiz in Niedersachsen kein Unbekannter: Im vergangenen Jahr verurteilte ihn das Landgericht Braunschweig zu 100 Sozialstunden. Er stand zusammen mit dem Salafisten und Ex-Neonazi Sascha L. vor Gericht. Sascha L. hatte Anschläge auf Polizisten geplant. "Ich kannte ihn aus nationalsozialistischen Kreisen", sagt S. über seine Freundschaft mit IS-Anhänger L.

Nationalsozialistische Sprüche

Auch Patrick Sch. hielt bisher mit seiner Gesinnung nicht hinterm Berg. Er trat in Schleswig-Holstein als Redner bei einer rechtsextremen Kundgebung auf, wie das Antifa-Portal "Exif" herausfand. Auf Facebook zitierte er zustimmend Reinhard Heydrich, den Leiter des Reichssicherheitshauptamts der Nazis: "Die Lösung aller Probleme ist nur möglich, wenn man als kompromissloser Nationalsozialist an sie herangeht." Ebenfalls im Internet richtete das 25-jährige "Nordadler"-Führungsmitglied Marco A. schon 2016 eine Drohung an seine Feinde: "Euch sei gesagt, eines Tages werdet ihr euch schon wundern, wozu wir Spinner im Stande sind. Heil Deutschland."

Ob es sich um rechtsextreme Spinner oder eine gefährliche Terrorzelle handelt, soll jetzt anhand der gefundenen Beweise ermittelt werden. Offenbar fand die Polizei bei der Razzia keine Schusswaffen. Die Bundesanwaltschaft wollte wohl früh zuschlagen und nicht warten, bis die "Nordadler" ihre mutmaßlichen Ziele in die Realität umsetzen.

Über dieses Thema berichteten am 17. April 2018 NDR aktuell um 14:00 Uhr und Panorama 3 um 21:15 Uhr.

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