Eine Luftaufnahme des Lecks an einer der Nord Stream Pipelines. | EPA

Nord-Stream-Lecks Putin spricht von "internationalem Terrorismus"

Stand: 29.09.2022 21:41 Uhr

Russlands Präsident Putin hat die Lecks an den Nord-Stream-Pipelines als "internationalen Terrorismus" bezeichnet. Der Kreml weist weiter jede Schuld an den Angriffen zurück. Doch bei der Spurensuche gehen viele Blicke Richtung Moskau.

Der russische Präsident Wladimir Putin hat die mutmaßliche Sabotage an den Nord-Stream-Gaspipelines als einen "Akt des internationalen Terrorismus" angeprangert. In einem Telefongespräch mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan habe Putin seine Meinung "über diesen beispiellosen Sabotageakt, in Wirklichkeit ein Akt des internationalen Terrorismus" dargelegt, wie der Kreml mitteilte.

Russland hat wegen der offenbar sabotierten Pipelines den UN-Sicherheitsrat angerufen, der am Freitag tagen wird. Während Putin scharfe Worte wählte, richten sich die Blicke westlicher Staaten bei der Suche nach einem Schuldigen nach Moskau. 

Die russische Regierung weist jedoch jegliche Verwicklung zurück - und macht einen anderen Staat verantwortlich. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow sagte zuletzt, es sei "sehr schwer vorstellbar, dass sich ein "derartiger Terrorakt ohne die Verwicklung eines Staats ereignet". Gestern hatte Peskow gesagt, es sei "dumm und absurd" zu vermuten, dass Russland hinter den Lecks stecke. Die Lecks seien für Moskau "ziemlich problematisch". Das teure Gas verschwinde nun "in der Luft".

Sicherheitsexperte hält russische Urheberschaft für wahrscheinlich

Der Sicherheitsexperte Johannes Peters vermute dennoch Russland hinter dem mutmaßlichen Sabotageakt. "Das wirkt vordergründig natürlich etwas widersinnig, die eigenen Pipelines zu zerstören", sagte der Experte vom Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel im ARD-Morgenmagazin. Es gebe aber durchaus gute Gründe dafür.

Ein Grund sei sicherlich, ein "starkes Signal" an Europa zu senden, vor allem an Deutschland und Polen, dass man dasselbe auch mit Pipelines machen könnte, die für unsere Versorgungssicherheit deutlich wichtiger seien, etwa die Pipelines aus Norwegen: "Also seid euch mal nicht so sicher, dass ihr für den Winter gut aufgestellt seid und dass ihr in der Lage seid, unser Gas zu kompensieren", sei das Motto.

Ein weiterer Grund für einen möglichen russischen Sabotageakt könne sein, dass man im Winter "die noch intakte Nord Stream-2-Röhre dazu nutzen kann, um Druck auf Deutschland zu erhöhen, wenn beispielsweise der innenpolitische Druck auf die Regierung wachsen sollte, weil die Gaspreise hoch sind, weil wir vielleicht doch nicht genügend Gas haben für den Winter", so Peters.

Dann könne Russland anbieten, durch die intakte Leitung doch noch Gas zu liefern. Dafür müsste Deutschland aber "aus dem westlichen Sanktionsregime ausscheren." Die ebenfalls verbreitete These, dass die USA die Lecks verursacht haben könnten, "um zu verhindern, dass Europa in einem kalten Winter doch zu den Russen zurückfindet", hält Peters indes für nahezu ausgeschlossen.

Russlands Täterschaft "naheliegend"

Nach Informationen des ARD-Hauptstadtstudios heißt es in Fraktionskreisen, innerhalb der deutschen Sicherheitsbehörden gebe es bisher noch keine Festlegung, wer die Explosionen verursacht hat. Weitgehend sicher ist man lediglich, dass letztlich nur ein staatlicher Akteur infrage kommt. Dass es sich dabei um Russland handelt, gilt am wahrscheinlichsten, heißt es. Beweise dafür gibt es bisher allerdings nicht, lediglich Wahrscheinlichkeiten.

Der CDU-Abgeordnete Roderich Kiesewetter (CDU), Mitglied im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestags für die Nachrichtendienste, sagte im ARD-Morgenmagazin, er halte es "schon für naheliegend, dass Russland das gewesen sein könnte". Kiesewetter mahnte aber gleichzeitig zu Besonnenheit bei der Aufklärung.

Der "Spiegel" berichtete am Donnerstag, deutsche Sicherheitsbehörden gingen davon aus, dass bei der Beschädigung der Pipelines hochwirksame Sprengsätze zum Einsatz kamen. Berechnungen hätten ergeben, dass Sprengsätze eingesetzt worden sein müssten, deren Wirkung mit der von 500 Kilo TNT vergleichbar sei.

NATO-Rat droht mit Reaktion

Der NATO-Rat erklärte, "alle derzeit verfügbaren Informationen" deuteten darauf hin, dass die Lecks das Ergebnis "vorsätzlicher, rücksichtsloser und unverantwortlicher Sabotageakte" seien. Die 30 Mitgliedstaaten des Militärbündnisses drohten mit einer "gemeinsamen und entschlossenen Reaktion" auf jeden "vorsätzlichen Angriff auf die kritische Infrastruktur der Bündnispartner".

Der Vorsitzende der Internationalen Energie-Agentur, Fatih Birol, sagte auf einem Symposium in Paris, für ihn sei es "sehr offensichtlich", wer hinter den Lecks stecke. In den vergangenen Tagen hatten bereits Vertreter unter anderem der Regierungen Schwedens, Dänemarks und Polens sowie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von einer vorsätzlichen Tat als wahrscheinlichstem Grund für die Lecks gesprochen. 

Mit Informationen von Michael Götschenberg, ARD-Hauptstadtstudio