Bahnsteig in Berlin mit Regionalbahn | dpa

Unklare Finanzierung Warum es beim Neun-Euro-Ticket hakt

Stand: 27.04.2022 12:26 Uhr

Ab Juni sollen Bürgerinnen und Bürger drei Monate lang für wenig Geld Bus und Bahn nutzen können - das Kabinett hat das Neun-Euro-Ticket beschlossen. Doch vieles ist noch unklar, vor allem die Finanzierung.

Von Jim-Bob Nickschas, ARD-Hauptstadtstudio

Für nur neun Euro im Monat unbegrenzt mit Bus und Bahn fahren, im Nah- und im Regionalverkehr - und das sogar über die vielen Tarifverbünde und Ländergrenzen hinweg: Was bisher eine reine Träumerei ist, soll in diesem Sommer in Deutschland Wirklichkeit werden: mit dem Neun-Euro-Ticket, quasi ein zweites Sommermärchen, von Anfang Juni bis Ende August.

Jim-Bob Nickschas ARD-Hauptstadtstudio

"Ich finde, das ist ein tolles Angebot", sagt Bundesverkehrsminister Volker Wissing von der FDP. Fragt man jedoch in den Bundesländern nach, hält sich die Begeisterung für das Neun-Euro-Ticket eher in Grenzen.

Auch bei Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer, zurzeit Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz der Länder: "Es hat uns alle ja doch ziemlich überrascht, dass das Neun-Euro-Ticket kommen soll, über Nacht sozusagen auf Bundesebene beschlossen. Das ist schon eine Herausforderung."

Vor allem eine finanzielle: Mindestens 2,5 Milliarden Euro werden die Verkehrsunternehmen durch das Neun-Euro-Ticket an Einnahmen verlieren - denn der Rabatt soll nicht nur für Autofahrer gelten, die jetzt wegen der hohen Spritpreise umsteigen wollen, sondern auch für Stammkunden, die schon ein Abo für Bus und Bahn haben. Wer bisher also 60 Euro im Monat für sein Abo zahlt, bekommt im Sommer dann pro Aktionsmonat automatisch 51 Euro zurück.

Der Bund will die geschätzten Kosten von 2,5 Milliarden Euro zwar übernehmen - doch den Ländern reicht das nicht aus. In einem Brief fordern sie die Zusage, dass der Bund Geld nachschießt, falls das nötig wird - bisher ist der Bundesverkehrsminister dazu aber nicht bereit: "Die Länder nehmen ja neun Euro pro Ticket ein, die müssen sie nicht abgeben, sondern dürfen sie behalten, sodass die vollen Kosten erstattet werden", so Wissing im TV-Sender Welt.

Pandemie hat Spuren im ÖPNV hinterlassen

Doch bei dem Streit zwischen Bund und Ländern geht es längst nicht nur um das Neun-Euro-Ticket, sondern um die Zukunft des Öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland: Die Pandemie hat die Fahrgastzahlen einbrechen lassen, dazu kommen massiv steigende Kosten für Energie und Personal.

Deshalb fordern die Länder über den schon vereinbarten Corona-Rettungsschirm hinaus weitere 1,5 Milliarden Euro vom Bund - andernfalls müssten Verkehrsunternehmen ihr Angebot möglicherweise reduzieren, warnte bereits deren Bundesverband. Oder die Ticketpreise würden spätestens im Winter deutlich erhöht werden.

ÖPNV muss bezahlbar sein

Das wäre kontraproduktiv, findet Bremens Verkehrssenatorin Schaefer: "Wir wollen den Menschen den ÖPNV schmackhaft machen und das geht nur, wenn wir die Tarife so halten, dass sie für die Menschen weiterhin bezahlbar sind."

Appetitanreger soll das bundesweite Neun-Euro-Ticket sein: Wenn es aber ab Juni verkauft werden soll, müssen nächsten Monat Bundestag und Bundesrat, also auch die Länder, zustimmen. Andernfalls wäre das neue deutsche Sommermärchen zu Ende, noch bevor es begonnen hat.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. April 2022 um 07:11 Uhr.