Die Handflächen einer Demonstrantin bei "Fridays for Future" mit der Aufschrift "Our future - in our hands" | Bildquelle: dpa

Neue Jugendbewegungen Von der Straße an die Wahlurne?

Stand: 12.04.2019 01:58 Uhr

Klimaschutz und freies Internet - dafür sind in den vergangenen Monaten Hunderttausende junge Menschen auf die Straße gegangen. Ist das ein einmaliges Engagement oder eine Re-Politisierung der Jugend?

Von Lena Klimpel, tagesschau.de

"Fridays for Future" und die EU-Urheberrechtsreform haben in den vergangenen Monaten insgesamt Hunderttausende junge Menschen auf die Straße gebracht. Und sie werden öffentlich wahrgenommen: Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov haben 48 Prozent der Bevölkerung den Eindruck, mit den Protesten entstünden gerade neue, einflussreiche Jugendbewegungen.

Die Zahlen geben diesem Eindruck Recht. Den 15. März erklärte die "Fridays for Future"-Bewegung zum globalen Protesttag. Allein in Deutschland demonstrierten an 220 Orten mehr als 300.000 Jugendliche für mehr Klimaschutz.

Auch der Widerstand gegen die EU-Urheberrechtsreform mobilisierte unter dem Hashtag "#SaveYourInternet" viele - vornehmlich junge - Menschen. Ende März waren es bundesweit Zehntausende, die gegen sogenannte "Upload-Filter" und die von ihnen befürchtete Internetzensur protestierten.

Vor allem junge Menschen beteiligen sich in Hannover an einer Demo gegen die EU-Urheberrechtsreform. | Bildquelle: dpa
galerie

Vor allem junge Menschen beteiligten sich Ende März in Hannover an einer Demo gegen die EU-Urheberrechtsreform.

Dass das politische Interesse der Jugend wieder wächst, beobachtet auch die Wissenschaft. Wolfgang Kühnel, Professor für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, erklärt, dass das schon ein Ergebnis der letzten Shell-Jugendstudie von 2015 war. Hinzu käme nun die Aktualität von Themen wie Klimaschutz und freies Internet. Dass diese Themen für Jugendliche an Bedeutung gewinnen, unterliege allerdings auch einem gewissen Zufall. Vorbilder wie Greta Thunberg spielten eine Rolle - und die "Teilbarkeit" der Inhalte auf Social Media trügen zur Mobilisierung bei.

"Das müssen wir in unserer Stadt auch machen"

Carlotta Petersen ist 15 Jahre alt und seit Anfang 2019 bei "Fridays for Future" aktiv. Für sie ist es das erste Mal, dass sie sich politisch engagiert. In den wenigen Monaten, in denen sie dabei ist, hat sich für sie schon viel verändert. Sie kommt zwar aus einer Familie, der ein umweltbewusstes Leben wichtig ist. Trotzdem sei "Fridays for Future" noch etwas anderes, sagt sie. Nachdem sie mit einer Freundin auf einer Demo des Bündnisses in Hamburg war, habe sie beschlossen: "Das müssen wir in unserer Stadt auch machen." Also hat sie mit Freunden eine Ortsgruppe in ihrer Heimatstadt Boizenburg in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut.

Vieles läuft dabei über WhatsApp und Instagram, die Schüler treffen sich aber auch im Jugendfreizeithaus der Stadt oder in der Schulbibliothek, um ihre Aktionen zu planen. Zuletzt haben am wöchentlichen Schulstreik etwa 200 Menschen teilgenommen. Für Boizenburg mit etwas mehr als 11.000 Einwohnern ist das eine beeindruckende Zahl.

Seit Februar ist Petersen außerdem Sprecherin von "Fridays for Future" in Mecklenburg-Vorpommern. "Das hat sich einfach so ergeben", sagt die Gymnasiastin. Sie sieht sich als Teil einer Bewegung, betont aber, man könne trotzdem noch individuell sein. Genau das ist es, was ihr an "Fridays for Future" gefällt: "Wir sind offen für alle, egal, ob arm oder reich, ob aus einer Öko-Familie oder nicht", sagt sie lachend.

Sie fügt hinzu: "Wenn es beim Klima schief läuft, dann läuft es für alle schief." Deshalb sei man auch bewusst parteipolitisch neutral. Klimaschutz sei schließlich eine Sache, die alle angeht, weit über Parteigrenzen hinaus. Und bisher habe keine Partei es geschafft, die klimapolitischen Forderungen der Schüler umzusetzen.

Eigeninitiative statt Parteipolitik

Soziologe Kühnel stellt fest, dass die Jugendlichen sich mit ihrem Engagement zu "Anwälten gesamtgesellschaftlicher Fragen" machten. Fragen, über deren Wichtigkeit ein gewisser gesellschaftlicher Konsens besteht, nicht aber darüber, wie man sie beantwortet.

Daher rührt auch die überparteiliche Positionierung der Bewegungen. "Fridays for Future" betont die parteipolitische Neutralität. Und aus den Protesten gegen die Urheberrechtsreform sind die Hashtags "#NieMehrCDU" und "#NieMehrSPD" hervorgegangen.

Die CDU-Abgeordneten im Europaparlament hatten mehrheitlich für die Reform gestimmt. Die SPD zog den Zorn der "SaveYourInternet"-Aktivisten auf sich, nachdem Justizministerin Katarina Barley sich am 4. April für eine Zustimmung zur Reform im Europäischen Rat ausgesprochen hatte. Es gibt also Boykottaufrufe, nicht aber eine klare Positionierung für eine andere Partei.

Der Einstieg in politische Zusammenhänge über spezifische Themen sei einfacher für die Jugendlichen, die eine Frustration über den traditionellen Politikbetrieb verbinde, so Kühnel.

Schülerdemonstration für Klima in Hongkong | Bildquelle: AFP
galerie

Weltweit für mehr Klimaschutz - auch in Hongkong wird gestreikt.

"Man kann nur durch Politik etwas verändern"

"Viele Jugendliche sind früher nicht politisch aktiv geworden, weil sie dachten, sie werden sowieso nicht wahrgenommen", vermutet Schülerin Petersen. Durch "Fridays for Future" habe sich das gewandelt. "Man kann nur durch Politik etwas verändern." Allerdings in Eigeninitiative, nicht durch Parteiarbeit.

Petersen investiert deshalb viel Zeit in ihr politisches Engagement. Das lohne sich aber, so die Schülerin. Sie versteht sich als Klimaaktivistin und zieht viel aus ihrer neuen Rolle: "Man geht mit offeneren Augen durchs Leben. Man ist mutig. Man traut sich jetzt, etwas anzuzweifeln, was bis dato immer als richtig galt. Und es ist auch wichtig, das immer wieder zu tun."

Die Jugendlichen, so Soziologe Kühnel, verharrten aber nicht in einer Anklagehaltung. Es gebe eine große Bereitschaft, den eigenen Lebensstil zu ändern und bei sich selbst anzufangen. "Die Jugendlichen reflektieren, dass man nicht dauernd nach Bali und New York fliegen kann."

Erst streiken, dann wählen?

Für Schülerin Petersen hat die Arbeit für "Fridays for Future" einen Prozess in Gang gesetzt. In Mecklenburg-Vorpommern sind Ende Mai Kommunalwahlen - das Wahlalter liegt bei 16 Jahren. Das Hauptanliegen von "Fridays for Future" sei natürlich nach wie vor der Klimaschutz, so Petersen. Vielleicht könne man aber auch dazu beitragen, das allgemeine Interesse Jüngerer an Politik zu verstärken. Petersen setzt darauf, dass viele ihrer Altersgenossen wählen gehen. Und sie hofft, dass ihre Ortsgruppe weiter wächst - genauso wie das Interesse aller am Klimaschutz.

Dass das so einfach ist, bezweifelt Soziologe Kühnel. Eine Besonderheit neuer sozialer Bewegungen wie "Fridays for Future" oder "SaveYourInternet" sieht der Wissenschaftler darin, dass sie zwar schnell entstünden, die Mobilisierung aber auch schnell wieder abflache.

Symbolisch für den Protest gegen den Artikel 13 der EU-Urheberrechtsreform ist auf einer blauen Fahne eine 13 zu sehen, die durchgestrichen ist. | Bildquelle: dpa
galerie

Vor allem die sogenannten "Upload-Filter" in Folge der EU-Urheberrechtsreform sind heftig umstritten.

Eintagsfliege?

Das ist im Augenblick im Fall von "SaveYourInternet" zu beobachten. Trotz der Proteste gegen die Urheberrechtsreform hat das EU-Parlament ihr am 26. März zugestimmt, auch dem umstrittenen Artikel 13 bzw. 17. Der Protest ist seitdem leiser geworden. Youtuber, die die Bewegung unterstützen, appellieren zwar nach wie vor in Videos an ihre Fans, sich weiter zu engagieren. Aber seit eine politische Entscheidung gefallen ist, ist eine gewisse Ratlosigkeit zu erkennen, wie es weitergehen könnte.

Immerhin macht seit einiger Zeit im Zusammenhang mit "SaveYourInternet" auch der Hashtag "#GehtWählen" die Runde, der zur Teilnahme an der Europawahl aufruft.

1/21

Weltweit demonstrieren Schüler gegen den Klimawandel (15.03.2019)

Schülerdemonstration für Klima in Sydney

Sie wollen nicht leise sein: An vielen Orten der Welt machten sich Kinder und Jugendliche auf den Weg, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Die Kleinsten - hier in Sydney - wurden von ihren Eltern begleitet. | Bildquelle: REUTERS

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. April 2019 um 12:40 Uhr.

Darstellung: