Riesenhirsch-Knochen mit Verzierungen | dpa

Historischer Fund im Harz Neandertaler waren künstlerisch tätig

Stand: 05.07.2021 17:01 Uhr

Forscher der Uni Göttingen haben in der Einhornhöhle im Harz einen verzierten Tierknochen gefunden. Der "Sensationsfund" zeige, dass Neandertaler lange vor der Ankunft des modernen Menschen kreativ waren.

Neandertaler sind bereits Jahrtausende vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa kreativ gewesen. Darauf weist Forschern zufolge ein Knochenfund in einer Höhle in Niedersachsen hin, wie die Universität Göttingen mitteilte.

Winkelartiges Muster

Der unscheinbare Fußknochen, dessen Alter auf mehr als 50.000 Jahre datiert wurde, zeigt ein winkelartiges Muster aus sechs Kerben. Der Knochen wurde einem Riesenhirsch (Megaloceros giganteus) zugeordnet. Die Wissenschaftler sprechen von einer "Sensation".

Ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Göttingen und des Niedersächsischen Landesamts für Denkmalpflege (NLD) analysierte den Neufund aus der sogenannten Einhornhöhle im Harz. "Wir erkannten rasch, dass es sich nicht um Schlachtspuren, sondern eindeutig um eine Verzierung handeln muss", erklärte Grabungsleiter Dirk Leder vom Landesamt.

Ein Forscherteam arbeitet unter einer Plane an einer Ausgrabungsstelle. | dpa

Ein Forscherteam arbeitet an der Einhörnhöhle in Niedersachsen. Bild: dpa

Um einen Vergleich anzustellen, habe das Team mit Fußknochen heutiger Rinder experimentiert. Analysen zeigen, dass der Knochen wohl zunächst gekocht werden musste, um das Muster anschließend mit Steingeräten in etwa anderthalb Stunden in die aufgeweichte Knochenoberfläche zu schnitzen.

Knochen ist wohl über 51.000 Jahre alt

Mit Hilfe der Radiokarbonmethode wurde für den verzierten Knochen ein Alter von mehr als 51.000 Jahren ermittelt. Damit gelang es den Forschern zufolge erstmals, ein vom Neandertaler verziertes Objekt mit dieser Methode verlässlich zu datieren.

Bislang waren einige Schmuckobjekte aus der Zeit der letzten Neandertaler in Frankreich bekannt. Diese etwa 40.000 Jahre alten Funde werden jedoch von vielen Forschenden als Nachahmungen angesehen, denn zu dieser Zeit hatte sich bereits der moderne Mensch in Teilen Europas ausgebreitet.

Aus etwa zeitgleichen Höhlenfundstellen des modernen Menschen auf der Schwäbischen Alb in Baden-Württemberg sind Schmuckobjekte und kleine Elfenbeinskulpturen überliefert.

"Das hohe Alter des Neufunds aus der Einhornhöhle zeigt nun, dass der Neandertaler bereits Jahrtausende vor der Ankunft des modernen Menschen in Europa in der Lage war, Muster auf Knochen selbstständig herzustellen und wohl auch mit Symbolen zu kommunizieren", erklärte Thomas Terberger vom NLD.

"Kreative Schaffenskraft"

Dies spreche "für eine eigenständige Entwicklung der kreativen Schaffenskraft des Neandertalers". Der Knochen aus der Einhornhöhle sei einer der bedeutendsten Funde aus der Zeit des Neandertalers in Mitteleuropa.

Die Forscherinnen und Forscher nahmen seit 2019 neue Ausgrabungen an der Einhornhöhle im Landkreis Göttingen vor. Dabei konnten im zusammengestürzten Eingangsbereich der Höhle gut erhaltene Kulturschichten aus der Zeit des Neandertalers untersucht werden. Unter den Jagdbeuteresten fand sich auch der verzierte Fußknochen.

Bereits im Mittelalter waren dort eiszeitliche Tierknochen gefunden worden, welche die Finder damals für Einhornknochen hielten und als Medizin verkauften. Diesem Umstand verdankte die Höhle ihren späteren Namen. Seit Entdeckung der ersten Steinwerkzeuge aus der Zeit des Neandertalers im Jahre 1985 wurden in und vor der Höhle archäologische Ausgrabungen vorgenommen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2021 um 17:35 Uhr.