Arbeit in Kleingruppen | Bildquelle: Universität Witten-Herdecke

Umstrittene Zulassungsbeschränkungen Medizin - wie es auch ohne NC geht

Stand: 19.12.2017 10:35 Uhr

Wie könnte es auch ohne NC gehen? Das zeigen Auswahlverfahren von Privat-Unis wie in Witten/Herdecke: Dort ist die Abi-Note für ein Studium zweitrangig.

Von Ingrid Bertram, WDR

Eigentlich hätte Lukas Markert sechs Jahre warten müssen. Er hat 2011 sein Abi in Leipzig mit der Note 2,1 gemacht. Ein guter Abschluss, aber nicht gut genug für ein Medizinstudium. Um die Wartezeit zu überbrücken, begann der heute 24-Jährige zunächst eine Ausbildung als Krankenpfleger. Über Bekannte erfuhr er dann von der privaten Uni Witten/Herdecke. Mittlerweile studiert er im neunten Semester und steht kurz vor seinem Staatsexamen.

Aufwändiges Auswahlverfahren

Martin Butzlaff | Bildquelle: Universität Witten-Herdecke
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Die Abinote ist zweitrangig, sagt Martin Butzlaff, Präsident der Uni Witten/Herdecke.

Das Besondere in Witten/Herdecke: Hier wird jeder Student einzeln in einem aufwändigen Auswahlverfahren ausgesucht. Das passiert in zwei Stufen: Erst müssen die Bewerber in einem Schreiben ihre Motivation erklären und ihr Abiturzeugnis einreichen. Die Abiturnote ist dabei nur zweitrangig, auch wenn sie "ein guter Vorhersagewert für ein erfolgreiches Studium ist", betont Präsident Martin Butzlaff. Das Studium ist umfangreich und umfasst viel Lernstoff. Aber für Butzlaff ist dieses Auswahlverfahren vor allem die Chance, neben der Lernfähigkeit auch auf Qualitäten zu schauen, die später im Arztberuf erforderlich sind.

Daher werden in der zweiten Stufe des Verfahrens alle zugelassenen Bewerber zu insgesamt fünf persönlichen Gesprächen eingeladen. Darin versuchen Professoren, Dozenten und Studierende die sozialen Kompetenzen, Kommunikationsfähigkeit und Empathie des Bewerbers zu bewerten. Der Kandidat muss zum Beispiel im Rollenspiel mit einer Schauspielerin ein Patientengespräch führen, in dem eine 17-Jährige eine Schönheits-OP haben möchte.

Bezug zur Berufspraxis

Bei Lukas Markert war vor allem seine Ausbildung als Krankenpfleger hilfreich, auch wenn er sie nicht beendet hat. Jeder Bewerber muss nämlich ein halbes Jahr Praktikum in einem Pflegeberuf nachweisen. Je näher die Bewerber an der Praxis sind, desto besser. Je mehr Empathie sie für den Patienten zeigen, desto größer die Chancen auf einen Studienplatz.

"Mit diesen Kriterien kommen wir näher an das heran, was der Patient später vom Arzt im Beruf erwartet",  so Butzlaff. Und darin läge auch eine Chance, dem Arztmangel gerade auf dem Land zu begegnen. Immerhin wechseln in Witten/Herdecke 90 Prozent der Absolventen in den Arztberuf, so Butzlaff weiter.

Arbeit in Kleingruppen | Bildquelle: Universität Witten-Herdecke
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In Kleingruppen besprechen die Studenten medizinische Fälle in der Theorie.

Arbeit in Kleingruppen | Bildquelle: Universität Witten-Herdecke
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Erlerntes wird in praktischen Übungen angewandt, gefestigt und perfektioniert.

Chancengleichheit trotz hohem Studienbeitrag

Anders als an einer staatlichen wird an der privaten Uni Witten/Herdecke ein Studienbeitrag von 886 Euro pro Monat verlangt. Deswegen gibt es drei Möglichkeiten, den Beitrag zu begleichen. Entweder zahlen Studierende den vollen Betrag während des Studiums oder nur die Hälfte und die andere Hälfte, wenn sie im Beruf stehen. Oder sie bezahlen erstmal nichts und zahlen später im Beruf ihre Schulden ab. Allerdings wird erst ab einem Mindesteinkommen von 30.000 Euro brutto im Jahr das Geld verlangt, sonst entfällt die Rückzahlung. Damit soll das Studium sozial verträglich sein. An der Uni nennt man das den "umgekehrten Generationenvertrag", den die bundesweit wohl einzigartige Studierendengesellschaft verwaltet.

Studentin Lioba Hülsbömer hält dieses System für gerecht. Denn immerhin sei auch mit Hilfe dieses Systems die Uni 2010 kurz vor der Pleite gerettet worden. Sie zahlt jetzt schon die Hälfte und bekäme so ein Gefühl, welchen Wert das Studium habe. Beim Auswahlgespräch habe das Geld aber keine Rolle gespielt.

Studenten bei einer Notfall-Übung | Bildquelle: Lukas Markert
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Viel Praxis gehört zum Studium Uni Witten-Herdecke: Studenten Lioba Hülsbömer und Lukas Markert bei einer Notfall-Übung

Neue Kriterien für alle

Aber ist das Auswahlverfahren von Witten/Herdecke auf andere Unis übertragbar? Immerhin ist das Nadelöhr Studienplatzvergabe hier nicht größer als an anderen Unis: Pro Semester bewerben sich etwa 1400 Abiturienten auf 42 Studienplätze. Nach der ersten Auswahl sind es nur noch 160 Kandidaten, die von einer zehnköpfigen Jury unter die Lupe genommen werden. Damit könne man nicht allen Bewerbern gerecht werden, glaubt Lioba Hülsbömer, da zwangsläufig viele qualifizierte Kandidaten abgelehnt werden.

Immerhin wird schon an großen staatlichen Unis wie in Düsseldorf mit mehr als 3000 Medizinstudenten über neue Zulassungsverfahren diskutiert. Aber Studierende anhand persönlicher Gespräche auszuwählen, hält der Prorektor für Lehre Aloys Krieg von der RWTH Aachen für schwierig, denn sie seien zu subjektiv. "Die Kriterien müssen objektiv sein und im Ernstfall einem Gerichtsverfahren standhalten." Eine staatliche Uni sei eben keine private. Der Numerus Clausus ist aus Sicht von Aloys Krieg immerhin ein objektives Kriterium. Eine Alternative wäre vielleicht ein Medizinertest, wie es ihn schon an vielen Unis gibt.

Präsident Butzlaff hofft jedenfalls darauf, dass mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Auswahlkriterien an allen Unis so überarbeitet werden, dass mehr Studierende gefunden werden, die tatsächlich nach ihrem Studium in den Arztberuf gehen.

In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass die Universität einen Semester-Beitrag von 886 Euro berechnet. Tatsächlich handelt es sich um den monatlichen Beitrag. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.

NC für Medizin obsolet? - Interview mit Andreas Botzlar, Marburger Bund
DLF
19.12.2017 08:46 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 19. Dezember 2017 um 06:00 Uhr.

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