Der russische Oppositionsführer Alexej Nawalny. | Bildquelle: dpa

Nawalny in der Charité Der politische Patient

Stand: 22.08.2020 12:58 Uhr

Mit der Aufnahme des Kreml-Kritikers Nawalny begibt sich die Charité auf brisantes Terrain - vor allem, wenn sich der Verdacht auf einen Giftanschlag erhärtet. Doch das Berliner Klinikum hat Erfahrung mit politischen Patienten.

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die Berliner Charité hat Erfahrung mit der Behandlung prominenter Patienten - auch politischer Patienten: Vor knapp zwei Jahren war es Polit-Aktivist Pjotr Wersilow von der Putin-kritischen Gruppe "Pussy Riot", der nach Berlin ausgeflogen wurde. Und zwar, genau wie jetzt im Fall von Alexej Nawalny, mit Hilfe der in Berlin angesiedelten Initiative "Cinema for Peace", die sich nach eigenem Bekunden für humanitäre Projekte einsetzt. Auch die frühere ukrainische Regierungschefin Julia Timoschenko wurde einst wegen eines Bandscheibenvorfalls in der Charité behandelt.

Nun also ist Nawalny in Berlin, dessen Umfeld von einer Vergiftung des Kreml-Kritikers ausgeht. Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hält das nicht für unwahrscheinlich: "Ich finde, der Verdacht ist stark. Das äußere Muster ist so, wie es bei früheren Oppositionellen, Überläufern war: Auf einmal eine Vergiftung, eine Ermordung, ein Mordanschlag", sagte er in der ARD.

Auch Politkowskaja wurde wegen Vergiftung behandelt

In der Tat ist die Liste der vergifteten, verletzten oder gar ermordeten Kreml-Kritiker erschreckend lang: Alexander Litwinenko starb 2006 nach einem Strahlengift-Anschlag in London. Die legendäre Journalistin Anna Politkowskaja musste einst wegen Vergiftung behandelt werden, zwei Jahre später wurde sie erschossen.

Auch im Fall Nawalny geht der außenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Bijan Djir-Sarai, fest von einem Anschlag aus, wie er dem NDR sagte: "Denn eins ist klar: In Moskau macht man sich gerade große Sorgen um die Situation in Weißrussland. Man befürchtet, dass die Opposition auch in Russland selbst stärker wird. Dementsprechend wird man versuchen, bevor das Ganze in Russland losgeht, Oppositionelle mundtot zu machen."

Mit der Frage, ob es Belege für einen Anschlag gibt, wird sich nun auch die Charité befassen müssen. Die Frage, die sich der Bundesregierung stellt, lautet: Wie nun also umgehen mit Moskau? Schon sehr rasch, nämlich ganz kurz nach dem Bekanntwerden von Nawalnys Erkrankung, hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert, gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron Klarheit gefordert - was Regierungssprecher Steffen Seibert gestern noch einmal unterstrich: "Die Umstände des Falles müssen vollständig und transparent aufgeklärt werden."

Beziehungen zu Moskau ohnehin angespannt

Der Fall ist für die Bundesregierung aber durchaus heikel: Zum einen ist es nun gelungen, den Kreml-Kritiker nach Berlin auszufliegen. Zum anderen sind die Beziehungen nach Moskau angespannt - vor allem seit der illegalen Annexion der Krim durch Russland 2014. Aber auch der Mord an einem Georgier in Berlin vor rund einem Jahr hat für erhebliche Spannungen gesorgt. Die Bundesanwaltschaft geht von einer Tat im Auftrag der russischen Regierung aus. Was also tun?

Der Grünen-Politiker im Auswärtigen Ausschuss, Jürgen Trittin, meint: Man müsse Russland klar sagen, dass man solche Praktiken nicht akzeptiere. "Offensichtlich sind entweder Teile des Apparats nicht unter der Kontrolle der Regierung von Wladimir Putin oder so etwas geschieht mit Wissen, Willen oder Unterstützung der Regierung Putin. Das ist etwas, das wir nicht akzeptieren können", so Trittin im Deutschlandfunk.

FDP-Politiker Djir-Sarai geht deutlich weiter und bringt personenbezogene Sanktionen ins Gespräch. Auf der einen Seite dürfte klar sein, dass eine Ausreise Nawalnys ohne Genehmigung aus dem Kreml kaum denkbar gewesen wäre. Auf der anderen könnte der Fall Nawalny auch dazu führen, dass die Beziehungen nach Moskau noch komplizierter werden, sollte sich der Verdacht erhärten, dass dieser Opfer eines Anschlags wurde. In jedem Fall beherbergt die Berliner Charité derzeit einen hochpolitischen Patienten.  

Der politische Patient - Nawalny in Berliner Charité
Kai Küstner, ARD Berlin
22.08.2020 12:19 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. August 2020 um 12:53 Uhr.

Korrespondent

Kai Küstner | Bildquelle: Jens Jeske/www.jens-jeske.de Logo NDR

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