Eine Pershing-Rakete wird 1988 durch Baden-Württemberg transportiert | Bildquelle: dpa

NATO-Doppelbeschluss Als im Kalten Krieg Eiszeit herrschte

Stand: 12.12.2019 08:02 Uhr

Vor 40 Jahren reagierte die NATO auf die Aufrüstung der Sowjetunion und drohte ihrerseits mit der Stationierung von neuen Atomraketen. Das trieb Hunderttausende auf die Straße. Das Abschreckungsszenario läutete das letzte Kapitel des Kalten Kriegs ein und wirkt bis heute nach.

Von Christian Kretschmer, SWR

Im Jahr 1983 rollt der Kalte Krieg durch Deutschland. Militär-Konvois bringen nukleare Mittelstreckenraketen des Typs "Pershing 2" zum US-Stützpunkt in Mutlangen, östlich von Stuttgart; auf der NATO-Raketenbasis "Pydna" im Hunsrück sollen 96 abschussbereite Marschflugkörper stationiert werden. Ihre Reichweite: Moskau.

Der Schrecken eines Atomkriegs, ausgetragen auch auf deutschem Boden, ist für Tausende Menschen in der Bevölkerung auf einmal greifbar. "Wir haben uns gefühlt wie auf einer Zielscheibe", sagt der Hunsrücker Friedensaktivist Reinhard Sczech. Wie konnte es so weit kommen?

Das Archivbild vom 03.08.1999 zeigt den Wachturm und die Raketenbunker der ehemaligen US-Atomraketenbasis Pydna im Hunsrück bei Kastellaun | Bildquelle: picture-alliance / dpa
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Auf der NATO-Raketenbasis "Pydna" im Hunsrück sollten 96 abschussbereite Marschflugkörper stationiert werden.

Beschwichtigen und Abschrecken

Mitte der 1970er-Jahre beginnt die Sowjetunion damit, ihr atomares Waffenarsenal mit modernen "SS-20"-Raketen zu erneuern. Sie sind auf Westeuropa gerichtet. Die NATO reagiert darauf am 12. Dezember 1979 mit dem sogenannten Doppelbeschluss. Der sieht zwei Strategien vor: Zum einen soll mit der Sowjetunion über Abrüstungen verhandelt werden; zum anderen drohen die Mitgliedsstaaten mit der Stationierung von US-Atomwaffen unter anderem in Deutschland. Beschwichtigen und Abschrecken zugleich, so lautete der Leitgedanke.

Am 30. November 1981 beginnen die USA und die Sowjetunion in Genf zu verhandeln. Zwei Unterhändler der beiden Supermächte, Paul Nitze und Juli Kwizinski, einigen sich im Jahr darauf bei einem Waldspaziergang auf die Abrüstung aller Mittelstreckenraketen in Europa.

Paul Nitze und Juli Kwizinski | Bildquelle: picture alliance/KEYSTONE
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Paul Nitze und Juli Kwizinski einigen sich bei einem Waldspaziergang auf die Abrüstung aller Mittelstreckenraketen in Europa. Später scheitert der Deal.

Aber der Deal scheitert, Washington und Moskau bewerten ihn als Alleingang - und lehnen ab. Als im November 1983 die Genfer Verhandlungen weiter ergebnislos bleiben, bestätigt der Bundestag den NATO-Doppelbeschluss und stimmt der Stationierung von US-Raketen zu. Einen Tag später werden auch die Gespräche in Genf abgebrochen. Im Kalten Krieg herrscht diplomatische Eiszeit. Und die Raketen rollen durch Westdeutschland.

"Begeisterung und Angst"

Die deutschen Kanzler waren damals stets Befürworter des militärischen "Gleichgewichts", also des Hochrüstens im Westen. Als geistiger Vater des NATO-Doppelbeschlusses gilt Helmut Schmidt. Sein Nachfolger von 1982 an, Helmut Kohl, unterstützt den Beschluss ebenfalls.

Helmut Schmidt
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Der NATO-Doppelbeschluss von 1979, bei dem der SPD-Kanzler entscheidend mitwirkt, gibt der Friedensbewegung Auftrieb.

"Das war die richtige Entscheidung", sagt Horst Teltschik, enger Vertrauter Kohls und seinerzeit stellvertretender Leiter des Bundeskanzleramts, im Gespräch mit tagesschau.de. Der Westen habe alles versucht, um eine "Politik der Entspannung" durchzusetzen, dazu habe auch der NATO-Doppelbeschluss gezählt.

Doch bereits kurz nach dessen Unterzeichnung 1979 sehen das große Teile der Bevölkerung anders. Im Hunsrück, an der Raketenbasis Pydna, protestieren Anwohner mit Sitzblockaden und Gottesdiensten. Die Angst vor einem "Euroshima" treibt immer mehr Menschen auf die Straße - die Friedensbewegung wächst Anfang der 1980er-Jahre zur Massenbewegung.

"Es gab die Begeisterung, dass es so viele waren. Aber es war auch Verzweiflung dabei, die Angst vor einem Krieg in Europa", erinnert sich der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele, der von Anfang an in der Friedensbewegung aktiv war.

Menschenkette sollte USA beeindrucken

Die Demonstranten wollen die NATO zum Abrüsten bewegen. Von Stuttgart bis nach Neu-Ulm bildet sich 1983 eine 108 Kilometer lange Menschenkette. In Bonn, dem damaligen Regierungssitz, demonstrieren eine halbe Million Rüstungsgegner. "Inhaltlich war das schizophren", kritisiert Horst Teltschik, "warum hat die Bewegung nicht gegen die Sowjetunion demonstriert?" "Gegen die UdSSR zu demonstrieren wäre aussichtslos gewesen", erwidert Hans-Christian Ströbele. "Wir waren der Meinung, die USA sind beeindruckbar durch den Willen des Volkes auf der Straße."

Von Stuttgart bis nach Neu-Ulm bildet sich 1983 eine 108 Kilometer lange Menschenkette. | Bildquelle: picture alliance / ASSOCIATED PR
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Von Stuttgart bis nach Neu-Ulm bildet sich 1983 eine 108 Kilometer lange Menschenkette.

Ein paar Jahre darauf endet der Rüstungswettlauf der Supermächte dann tatsächlich. 1987 einigen sich die Staatschefs Ronald Reagan und Michail Gorbatschow auf die Vernichtung von Raketen mit einer Reichweite von 500 bis 5500 Kilometer. Die Sowjetunion befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits im dramatischen wirtschaftlichen Niedergang.

Der sogenannte INF-Vertrag gilt als Meilenstein auf dem Weg zum Ende des Kalten Kriegs. Welchen Anteil der NATO-Doppelbeschluss daran hatte, wird heutzutage von Unterstützern und Gegnern unterschiedlich bewertet. Was lässt sich aus ihm lernen? "Die Reaktion war letztlich wichtiger als der Beschluss an sich", sagt der Mannheimer Historiker Philipp Gassert. Die Friedensbewegung habe bewiesen, dass sich die deutsche Bevölkerung mobilisieren lässt: "Wenn der Frieden in Gefahr ist, dann werden sie sehr viele Menschen auf der Straße sehen." Dieses Signal habe die politische Kultur Deutschlands verändert und präge vor allem die Außenpolitik mit ihrer "Friedensorientierung" bis heute.

Über dieses Thema berichteten am 12. Dezember 2019 NDR Info um 11:50 Uhr und MDR aktuell um 14:54 Uhr.

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Christian Kretschmer, SWR

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