Ein Bundeswehrsoldat des deutschen Einsatzkontingents trägt Logo und Schulterpatch der Nato-Einsatzgruppe "Enhanced Forward Presence" | picture alliance/dpa

NATO-Aufstockung Schafft die Bundeswehr das?

Stand: 29.06.2022 10:54 Uhr

Die NATO will ihre schnelle Einsatztruppe massiv aufstocken und die Ostflanke stärken. Die Bundeswehr wird sich daran beteiligen - und steht damit vor großen Herausforderungen. Ist die Truppe dazu in der Lage?

Von Kai Küstner, ARD-Hauptstadtstudio

Die NATO hat in den vergangenen Jahren eine Menge einstecken müssen: US-Präsident Donald Trump fand sie "obsolet", Frankreichs Staatspräsident Macron bescheinigte ihr den "Hirntod". Jetzt soll sie mit dem Beitritt Schwedens und Finnlands nicht nur mächtiger, sondern gerade an der Ostflanke auch deutlich schlagkräftiger werden. Da wird Deutschland gefragt sein.

Kai Küstner ARD-Hauptstadtstudio

Man sei momentan in der Vorreiterrolle in Europa, was Truppenbestellungen anbelangt, befand der Chef des Bundeswehrverbands, André Wüstner, im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF. Es sei eine Riesenherausforderung, aus einem Zustand der kleinsten Bundeswehr aller Zeiten diese Aufgabe bis 2024/2025 zu übernehmen, ergänzte er. Da habe die Verteidigungsministerin einiges zu tun.

Eine "klare Ansage" an Putin

Unter anderem will die NATO als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht nur in Osteuropa mehr Präsenz zeigen, sondern auch ihre schnelle Eingreiftruppe massiv aufstocken - von bisher 40.000 auf über 300.000 Frauen und Männer. Von einer "ganz klaren Ansage" an Russlands Präsident Wladimir Putin sprach Verteidigungsministerin Christine Lambrecht am Morgen bei NDR Info.

Und bestätigte, dass sich die Bundeswehr mit 15.000 Soldaten an der erneuerten NATO-Eingreiftruppe beteiligen werde. Ebenso wie mit 65 Flugzeugen und 20 Schiffen. Die Kräfte müssen so reaktionsschnell sein, dass sie im Ernstfall innerhalb von zehn Tagen im Einsatzgebiet bereitstehen können.

Aber hatte nicht erst kürzlich der Heeresinspekteur Alfons Mais der Bundeswehr bescheinigt, aufgrund jahrelanger Vernachlässigung in puncto Abschreckung im Grunde "blank" dazustehen? Es sei eine riesige Managementaufgabe für die Verteidigungsministerin, nicht nur im Bereich Material, sondern auch eine personelle Herausforderung, prophezeit Verbandschef Wüstner.

Auch eine Frage des Personals

Aktuell liegt die Bundeswehr bei einer Stärke von etwas mehr als 183.000 Soldatinnen und Soldaten - und damit unter dem Soll. Mit der Rekrutierung von Nachwuchs tat sich die Truppe in den vergangenen Jahren schwer. Mit dem beschlossenen 100-Milliarden-Euro-Paket wird sich die Ausrüstung verbessern, aber nicht neues Personal "hinzukaufen" lassen.

Und auch was die NATO betrifft, warnt die ehemalige Chefstrategin der Allianz, Stefanie Babst, vor Erwartungen, bei der Aufstellung der 300.000 Mann starken Truppe werde alles ganz schnell und unkompliziert verlaufen: "Diese Streitkräfte sind ja nicht auf dem Papier vorhanden, sondern müssen zusammengestellt werden", sagt Babst im Morgenmagazin.

Eine "enorme Herausforderung"

Wenn die NATO ihre Einsatzkräfte nun also schneller, mächtiger und reaktionsfähiger machen will, dann bedeute das, mahnt auch die Wehrbeauftragte Eva Högl in der "Augsburger Allgemeinen", eine "enorme Herausforderung" für die Bundeswehr. Gilt es doch, nicht nur die schnelle Eingreiftruppe zu verstärken, sondern auch die NATO-Ostflanke.

Deutschland stellt bereits jetzt den größten Teil der sogenannten Battle Group in Litauen mit fast 1000 Soldaten: Die soll bald so verstärkt werden, dass sie sich im Ernstfall schnell auf eine Kampfbrigade - rund 3500 Soldaten - aufstocken lässt. Dafür müssen sich neue Kräfte in Deutschland bereithalten.

Eine neue Verantwortung - ein neues Image?

"Wir stellen uns dieser neuen, bitteren Realität, dass wir uns mit Blick auf Russland verteidigen können müssen", mit diesen Worten beschreibt Außenministerin Annalena Baerbock im Morgenmagazin die Neuausrichtung der NATO. Das Bündnis verordnet sich nun - noch sehr viel stärker als vor dem russischen Angriff auf die Ukraine gedacht - eine Rückbesinnung auf ihre Wurzeln: die klassische Landes- und Bündnisgebietsverteidigung.

Auch die Bundeswehr wird ihren Kompass umstellen. Dass die Allianz mit Finnland und Schweden schlagkräftigen Zuwachs aus dem Norden bekommen dürfte, kann ihr gerade jetzt nur recht sein. Dass man Vokabeln wie "obsolet" oder "hirntod" mit Bezug auf die NATO in nächster Zeit weniger hören dürfte, dafür hat Russlands Präsident Putin gesorgt.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 29. Juni 2022 um 11:03 Uhr.