Schwarz-Weiß-Aufnahme des früheren Tors des KZ Stutthof

Prozess in Münster Ehemaliger KZ-Wachmann vor Gericht

Stand: 06.11.2018 13:25 Uhr

Vor dem Landgericht Münster muss sich seit Dienstag ein 94-jähriger Mann aus dem Kreis Borken wegen Beihilfe zum hundertfachen Mord im KZ Stutthof verantworten.

Es ist eines der vermutlich letzten Gerichtsverfahren wegen der nationalsozialistischen Massenverbrechen: Ein inzwischen 94-jähriger Mann aus dem Kreis Borken muss sich seit Dienstag (06.11.2018) wegen Beihilfe zum hundertfachen Mord verantworten. Als ehemaliger Wachmann im KZ Stutthof bei Danzig soll er bei der Vergasung mehrerer hundert Menschen geholfen haben. 

Ehemaliger KZ-Wachmann vor Gericht, erster Prozesstag

06.11.2018 19:40 Uhr

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Anklageschrift am 1. Prozesstag verlesen

Der erste Prozesstag war nach rund einer Stunde zu Ende. Zu Beginn las der Staatsanwalt die Anklageschrift vor. Dies nahm der Angeklagte äußerlich völlig regungslos entgegen - trotz der schweren Vorwürfe. Er sagte dazu nichts. Seine Verteidiger hatten ihm dazu geraten, weil bislang ein rechtshistorisches Gutachten über die Verhältnisse im KZ Stutthof noch nicht vorgelegt wurde.  Ein solches Verfahren dürfe nicht allein auf Erinnerungen aufbauen.

Angeklagter im Stutthof-Prozess
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Angeklagter wird maximal zwei Stunden pro Tag vernommen

Angeklagter kann nur zwei Stunden vernommen werden

Wegen seines hohen Alters wird der Angeklagte während des Prozesses nicht mehr als jeweils zwei Stunden vernommen. Die Richter müssen zudem viele Pausen einplanen. Grundsätzlich aber gilt: Mord und Beihilfe zum Mord verjähren nicht.

Überlebende und Angehörige sind Nebenkläger

Insgesamt hat das Gericht 17 Überlebende und Angehörige der KZ-Opfer als Nebenkläger zugelassen. Sie leben heute in Israel, den USA oder Kanada.  Keiner von ihnen kam heute persönlich zum Prozess, die meisten, weil sie wegen ihres Alters die weite Reise nach Münster nicht auf sich nehmen können.

Einige haben aber ihren Anwälten Botschaften an das Gericht mitgegeben: In bewegenden Worten schildern sie darin die Qualen, die sie in Stutthof erlitten haben. Es sei absolut unmöglich, dass ein Wachmann nichts mitbekommen habe. Die Leichen und all die ausgemergelten Körper habe niemand übersehen können.

Schwarz-Weiß-Aufnahme des früheren Tors des KZ Stutthof
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Früheres Tor des KZ Stutthof

Anwälte wollen Gerichtstermin vor Ort

Darum stellten die Opferanwälte den Antrag, dass sich die Richter persönlich ein Bild des ehemaligen Konzentrationslager machen sollen - auch um zu sehen, dass das gesamte Lager von den Wachtürmen aus zu überblicken war. Die Verteidigung schloss sich dem Antrag an. Der Prozess wird am kommenden Donnerstag fortgesetzt. Voraussichtlich zieht sich das Verfahren bis Februar 2019.

  • Überlebender des KZ Stutthof mahnt und klagt an

Dr. Robert Rozett steht neben einem Gedenkstein
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Yad Vashem-Direktor Robert Rozett hofft auf die Wahrheit

Internationale Beobachtung

Das Verfahren stößt auch international auf große Beachtung.  "Der Prozess ist von immenser Bedeutung, auch weil es in Zukunft kaum noch Verfahren geben wird", sagt Robert Rozett, Direktor an der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem im Interview mit dem WDR.

Viele Juden in Israel seien sich einig, dass sich der 94-Jährige trotz seines hohen Alters seiner Verantwortung stellen müsse. "Auch im KZ gab es kein Mitleid", sagt er. "Jetzt hoffen wir, dass der Mann die Wahrheit sagt, um wenigstens zur Aufarbeitung beizutragen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 06. November 2018 um 08:48 Uhr.

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