Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen halten sich dicht gedrängt auf der Straße des 17. Juni auf | dpa

Nach Corona-Demo in Berlin Wut, Leichtsinn, Kopfschütteln

Stand: 02.08.2020 15:23 Uhr

Zehntausende haben in Berlin eine Abkehr von der Corona-Strategie der Regierung gefordert. Am Tag danach warnt die Politik umso eindringlicher vor Lockerungen. Laut Bayerns Ministerpräsident Söder ist die zweite Welle "praktisch schon da".

Einen Tag nach der Kundgebung in Berlin gegen die Corona-Maßnahmen hat die Politik deutlich gemacht, dass sie an ihrem Kurs festhält. CSU-Chef Markus Söder warnte eindringlich vor weiteren Lockerungen. "Wir müssen damit rechnen, dass Corona mit voller Wucht wieder auf uns zukommt", sagte er der "Bild am Sonntag". Absolute Wachsamkeit sei nun gefragt. "Das Virus bleibt eine Daueraufgabe, die uns permanent unter Stress setzt."

Viele Menschen seien im Umgang mit dem Virus leichtsinniger geworden, kritisierte Söder. "Dazu gehören auch die extremen Lockerer und Verschwörungstheoretiker, die alle Maßnahmen schnellstens aufheben wollten." Die zweite Welle sei "praktisch doch schon da", sagte er. "Sie schleicht durch Deutschland. Es gilt daher, noch aufmerksamer zu sein und rasch und konsequent zu reagieren. Je schneller wir handeln, desto geringer sind die Folgen."

Söder bezweifelt, dass im August weitere Lockerungen beschlossen werden könnten. So lehnte er Fußballspiele mit Zuschauern zum Start der neuen Saison ab. "Geisterspiele ja, aber Stadien mit 25.000 Zuschauern halte ich für sehr schwer vorstellbar." Das wäre das falsche Signal und auch der Bevölkerung schwer zu vermitteln, "wenn man dafür Unmengen von Testkapazitäten aufbrauchen würde".

Ende aller Auflagen gefordert

In Berlin hatten am Samstag nach Schätzungen der Polizei rund 20.000 Menschen an einer Kundgebung teilgenommen und ein Ende aller Auflagen gefordert. Da bereits während der Demonstration die Hygiene-Regeln nicht eingehalten wurden, stellte die Polizei Strafanzeige gegen den Leiter der Versammlung und löste die Demonstration am Abend auf. Die Veranstalter sprechen von einem Vielfachen an Teilnehmern.

Insgesamt wurden bei Demonstrationen in Berlin am Samstag 45 Polizeibeamte verletzt. Eine Zuordnung zu den einzelnen Demonstrationen sei aktuell nicht möglich, sagte ein Polizeisprecher. Insgesamt waren nach Polizeiangaben am Samstag 1100 Beamte bei Demonstrationen im Einsatz.

Spahn appelliert an "Vernunft, Ausdauer und Teamgeist"

Bereits gestern hatten sich auch Vertreter der Bundespolitik kritisch geäußert. "Ja, Demonstrationen müssen auch in Corona-Zeiten möglich sein. Aber nicht so", schrieb Gesundheitsminister Jens Spahn auf Twitter. Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmasken dienten dem Schutz aller. Die Pandemie sei nur "mit Vernunft, Ausdauer und Teamgeist" zu meistern.

Die SPD-Vorsitzende Saskia Esken nannte das Verhalten der Demonstranten unverantwortlich. "Tausende #Covidioten feiern sich in Berlin als 'die zweite Welle', ohne Abstand, ohne Maske", schrieb sie auf Twitter. "Sie gefährden damit nicht nur unsere Gesundheit, sie gefährden unsere Erfolge gegen die Pandemie und für die Belebung von Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft."

Deutlich Worte kamen auch von Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller. Die Demonstranten würden die Fakten nicht zur Kenntnis nehmen und riskierten damit die Gesundheit anderer Menschen, sagte Müller dem rbb.

Sundermeyer: "Viele meinen, dass sie belogen werden"

Zu der Demonstration unter dem Motto "Das Ende der Pandemie - Tag der Freiheit" hatte die Initiative "Querdenken 711" aufgerufen. In Stuttgart hat diese Initiative bereits wiederholt demonstriert. Kritiker dieser Proteste befürchten eine Vereinnahmung durch Verschwörungstheoretiker und Rechtspopulisten.

Rechtsextremismusexperte Olaf Sundermeyer verwies in den tagesthemen auf den seiner Meinung nach fehlenden Zusammenhang zwischen tatsächlicher Situation und Lockerungen. "Wir haben sehr viele Impfgegner, Reichsbürger und Menschen, die nicht daran glauben, dass es Corona überhaupt gibt", sagte er. Die Demonstranten seien der Meinung, die Pandemie sei eine Erfindung der Bundesregierung, um das Volk zu gängeln. "Viele meinen, dass sie systematisch belogen werden."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 01. August 2020 um 23:15 Uhr.