Drei Seniorinnen

ARD-Recherchen Mogelpackung Mütterrente?

Stand: 19.12.2014 11:43 Uhr

Die Mütterrente - das Wunschprojekt der Union - bekommt Kratzer. Denn offenbar erhalten die Betroffenen die Mütterrente nur mit hohen Abschlägen. Nach ARD-Recherchen gehen viele Frauen sogar leer aus.

Von Stephan Ebmeyer, SWR, und Josef Streule, BR

Sie haben mitgeholfen, den Grundstein für unseren Wohlstand zu legen - die Mütter. Die Große Koalition wollte die Lebensleistung dieser Frauen würdigen, mit der Mütterrente. Alle Frauen, deren Kinder vor 1992 geboren wurden, sollten davon profitieren. So hat es Bundeskanzlerin Angela Merkel Ende November versprochen: "Das ist ein Akt der Gerechtigkeit gegenüber diesen Müttern, die es oft schwieriger hatten und dieses Versprechen haben wir jetzt eingelöst."

Doch jetzt stellen viele Rentnerinnen fest: Sie bekommen die Mütterrente nur mit hohen Abzügen. So wie Hannelore Stützel. Sie hat drei Kinder groß gezogen. Dafür sollte sie eigentlich jeden Monat gut 85 Euro Mütterrente bekommen. Aber auf ihrem Konto landet nur ein Bruchteil davon. Die Rentnerin ist sauer: "Ich sehe das als Betrug an. Man darf nicht versprechen, dass Mütter die Rente bekommen und dann ziehen sie sie wieder ab."

Anrechnung auf Witwenrente

Tatsächlich müssten viele Seniorinnen hohe Abschläge bei der Mütterrente hinnehmen. Laut Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung Rheinland-Pfalz für das ARD-Mittagsmagazin sind mindestens eine Million Mütter betroffen.

Grund ist die Anrechnung eigenen Einkommens auf Witwen- und Witwerrente. Dies ist der Fall, wenn die eigenen Einkünfte aus Rente oder sonstigen Einnahmen einen Freibetrag überschreiten, der im Westen bei 755,30 Euro und im Osten bei 696,70 Euro liegt. Jeder Euro über dem Freibetrag verringert dann die Witwen- oder Witwerrente um 40 Cent. Im Endeffekt führt dies dazu, dass die Frauen ihre Mütterrente nicht in voller Höhe, sondern nur zum Teil erhalten.

"Doppelt bestraft"

Der Rentenexperte Stefan Sell prangert das an: "Die Frauen haben unter viel schwierigeren Bedingungen ihre Kinder aufziehen müssen. Sie mussten nämlich alle raus aus dem Arbeitsmarkt, später kamen sie kaum wieder rein. Und dann stellen diese Frauen auch noch fest, dass von diesem mickrigen Betrag, den sie da mehr erhalten sollen, teilweise gar nichts oder nur ein Anteil bei ihnen ankommt. Das heißt, eigentlich sind sie doppelt bestraft."

Manche bekommen gar nichts. So wie Anni Sheikh. Sie hat zwei Kinder und lebt von der Grundsicherung. Deshalb erhält sie zwar Mütterrente, aber nur auf dem Papier - nicht auf dem Konto. Denn wer Grundsicherung bekommt, erhält zwar die Mütterrente, doch die Grundsicherung wird genau um diesen Betrag wieder gekürzt. "Beschiss, auf Deutsch gesagt. Das finde ich nicht gut", schimpft sie.

Auch Rentenexperte Sell hat für diese Praxis kein Verständnis: "Das heißt der Staat steckt den Müttern in die linke Tasche einen Betrag rein und sagt hier, wir honorieren eure Lebensleistung und mit der gleichen Hand holt er sich diesen Betrag aus der rechten Manteltasche wieder raus - und die Betroffenen bekommen keinen Cent mehr. Das ist natürlich eine sehr perfide Art des Geschenkeverteilens."

Das teuerste Rentenprojekt der Großen Koalition kommt bei vielen Rentnerinnen also nur mit hohen Abschlägen an, bei manchen sogar gar nicht. Ein "Akt der Gerechtigkeit" sieht anders aus.

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