Islam und Homosexualität

Schwule Muslime - verfolgt und ausgegrenzt

Stand: 17.04.2018 12:02 Uhr

Schwul und Muslim - das geht nicht. So sehen es viele Gläubige im Nahen Osten, aber auch in Deutschland. Warum das richtig sei und auch so bleiben solle, berichtet ein Imam im Moscheereport.

Von Constantin Schreiber, tagesschau.de

Als Ibrahim versucht zu fliehen, packen ihn die Angreifer. Sie zerren ihn auf den Balkon. Ibrahim wehrt sich, versucht noch freizukommen. Doch es gelingt ihm nicht. Die Männer greifen ihn, heben ihn über die Brüstung und werfen ihn vom Balkon, aus dem dritten Stock. Ibrahim stürzt auf die Straße in einem Vorort von Beirut und wacht erst nach Tagen wieder auf. Später wird er erfahren, dass die Männer, als Anwohner Ibrahim zu Hilfe eilten, gerufen haben: "Helft ihm nicht. Das ist ein Schwuler."

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Moscheereport - Islam und Homosexualität

tagesschau24, 17.04.2018, Constantin Schreiber, ARD-aktuell

"Schwulsein bringt Schande über deine Familie"

Fünf Jahre ist der Vorfall nun her. Die Bilder, die ihn schwer verletzt im Krankenhaus zeigen, bewahrt Ibrahim noch immer auf. Denn sie erinnern ihn an sein früheres Leben. Das vor der Flucht nach Deutschland im Jahr 2015.

"Wenn du schwul bist, bringst du Schande über deine Familie. Du handelst gegen Gott und außerdem bist du krank und musst behandelt werden," - so, berichtet Ibrahim, habe die Gesellschaft im Libanon auf Homosexuelle geschaut. Seine Angreifer damals seien Islamisten gewesen. "Sie wollten die Rolle Gottes übernehmen und über mich richten, weil ich schwul bin."

In sieben Ländern droht Homosexuellen die Todesstrafe

Homosexualität ist in zahlreichen Ländern noch immer illegal und wird mit teils hohen Strafen geahndet. Besonders problematisch ist die Situation in der muslimischen Welt. Alle sieben Länder, in denen auf Homosexualität die Todesstrafe steht, sind muslimische Staaten - Saudi-Arabien, Jemen, Afghanistan, Iran, Mauretanien, Sudan und in Nigeria der nördliche Landesteil, der muslimisch geprägt ist.

In anderen muslimischen Staaten ist Homosexualität hingegen legal - darunter die Türkei, der Libanon und der Irak. Dennoch wird Schwulsein dort gesellschaftlich wenig akzeptiert.

"Unter deutschen Muslimen ein absolutes Tabuthema"

In Deutschland kämpften Homosexuelle jahrzehntelang für Entkriminalisierung und Gleichstellung. Laut Gesetz ist diese Gleichstellung heute in Deutschland festgeschrieben - doch längst nicht überall gelebte Realität. Das gilt häufig auch für vornehmlich muslimisch geprägte Gesellschaftsteile. Der Psychologe Ahmad Mansour arbeitet mit muslimischen Jugendlichen und weiß um den Druck in dem traditionellen Umfeld. "Homosexualität ist unter deutschen Muslimen ein absolutes Tabuthema. Wenn Fälle von Homosexualität ans Licht kommen - durch Zufall oder weil Eltern entsprechende Hinweise erhalten - spielt Gewalt in vielen Fällen eine große Rolle."

Die Ausgrenzung Homosexueller wird zumeist mit der islamischen Lehre legitimiert. Etwa aus dem Koran-Gleichnis des Volkes von Lot leiten Islam-Gelehrte ein entsprechendes Verbot ab. Experten kritisieren aber, dass sich der Koran gar nicht ausdrücklich zu Homosexualität äußert. Ein Verbot könne daher aus der heiligen Schrift der Muslime nicht abgeleitet werden. Im Gegenteil, erklärt Professor Ednan Aslan von der Universität Wien: Traditionell habe sich die islamische Welt bei diesem Thema viel toleranter als der Westen gezeigt. "Der Islam etwa in Bagdad im 15. Jahrhundert stand Homosexualität wesentlich liberaler gegenüber als der Islam heute."

Constantin Schreiber und Imam Arif in Berlin

"Homosexualität ist nach unserer Auffassung eine Sünde"

Wie denken die großen muslimischen Verbände in Deutschland über das Thema? Haben Homosexuelle und Heterosexuelle nach ihrer Auffassung die gleichen Rechte? Sowohl der Zentralrat der Muslime in Deutschland als auch der Verein der islamischen Kulturzentren (VIKZ) und DITIB antworteten nicht auf diese Frage.

Nur einer der angefragten Imame war zu einem Gespräch zum Thema Islam und Homosexualität bereit: Imam Said Ahmed Arif von der Ahmadiya Gemeinde in Berlin Heinersdorf. "Homosexualität ist nach unserer Auffassung eine Sünde," so Arif. "Man ist vor die Wahl gestellt. Sich zur Homosexualität zu bekennen und gleichzeitig Mitglied der Gemeinde zu sein - das wäre ein Widerspruch in sich." Arif verweist auf die kritische Einstellung etwa der katholischen Kirche, die Homosexuellen gegenüber ähnlich ablehnend sei.

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Constantin Schreiber, ARD-aktuell, zum Moscheereport

tagesschau24 11:00 Uhr, 18.04.2018

Auch christliche Kirchen tun sich schwer

Richtig ist, dass auch die christlichen Kirchen, vor allem die Orthodoxie und die katholische Kirche, Homosexuelle nicht als gleichgestellt ansehen. Gleichzeitig sind die Kirchen einem massiven gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der etwa in der protestantischen Kirche bereits zu Reformen geführt hat. Und im Islam?

"Das kommt drauf an, was man unter Reform versteht", sagt Arif. "Für mich bedeutet Reform, zu der ursprünglichen Lehre des Islam zurückzugehen. Manche verstehen Reform so, bestimmte Gebote des Islam außer acht zu lassen, um sich zu integrieren. Das würden wir nicht machen", erläutert Arif. Auf die Frage, ob Integration bei diesem Thema seine Grenze habe, sagt Arif: "Ganz klar."

Für Ibrahim, der wegen seiner sexuellen Neigung einst aus dem Fenster gestürzt wurde, spielt all das heute keine Rolle. Er hat sich längst entschieden - für ein Leben ohne Religion.