Informationsschild zum Corona-Tagesticket in Tübingen | dpa

Massentests und Öffnungen Aus für das "Tübinger Modell"

Stand: 22.04.2021 13:35 Uhr

Öffnen trotz Pandemie: Das Corona-Modellprojekt in Tübingen sorgte für große Aufmerksamkeit. Nun wird es wegen der "Notbremse" gestoppt, wie Oberbürgermeister Palmer mitteilte. Forscher veröffentlichten erste Ergebnisse.

Seit rund sechs Wochen läuft das Tübinger Corona-Modellprojekt. Nun wird es beendet, wie Oberbürgermeister Boris Palmer mitteilte. "Ab Montag ist also auch bei uns alles dicht. Theater, Handel, Schulen und Kitas", schrieb Palmer auf seiner Facebook-Seite. Die Inzidenz im Landkreis sei viel zu hoch. Gleichzeitig machte Palmer darauf aufmerksam, dass die Inzidenz in der Stadt Tübingen seit zwei Wochen konstant unter 100 liege.

Der zuletzt für die Stadt gemeldete Wert lag laut dem Sozialministerium am Mittwoch bei 91,8. Der Wert für den Landkreis wurde mit 181,5 angegeben. Härtere Corona-Maßnahmen müssen laut dem Infektionsschutzgesetz ab einer Inzidenz von 100 ergriffen werden.

Palmer hatte den Modellversuch zuletzt als Erfolg bezeichnet. Man habe "wertvolle Erfahrungen zur Bewältigung der Corona-Pandemie durch engmaschiges Testen sammeln können", erklärte der Oberbürgermeister. "Ich bin überzeugt, dass diese Erkenntnisse in den kommenden Wochen und Monaten äußerst hilfreich sein werden."

Wissenschaftliche Begleitung

Eine Untersuchung des Modellprojekts von Wissenschaftlern der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der Eberhard Karls Universität Tübingen und der University of Southern Denmark kommt zu dem Ergebnis, dass sich durch das Projekt in Tübingen womöglich mehr Menschen mit dem Coronavirus angesteckt haben, als es ohne das Projekt der Fall gewesen wäre.

"Das Tübinger Modell führte zu einem messbaren, allerdings kleinen und tendenziell temporären Anstieg der Sieben-Tage-Inzidenz im Landkreis Tübingen", schreiben die Wissenschaftler in ihrem Blog.

Für ihre Untersuchung verglichen sie die Entwicklung der Infektionszahlen in Tübingen mit der in ähnlichen Städten. Die Massentestungen - in Tübingen wurden jede Woche rund 30.000 Schnelltests durchgeführt - seien nicht die einzige Erklärung für den Anstieg der Inzidenz. "Unsere Rechnungen zeigen, dass die Zunahme bei der Inzidenz durch das vermehrte Testen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil, aber nicht vollständig erklärt werden kann", schreiben die Wissenschaftler.

Großer Andrang und Kritik

Menschen in Tübingen können sich seit dem 16. März an neun Stationen in der Innenstadt kostenlos testen lassen - mit den Bescheinigungen der Ergebnisse, den Tagestickets, können sie dann in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen gehen. Wegen großen Andrangs von außerhalb sind die Tests inzwischen auf Menschen aus dem Kreis Tübingen beschränkt.

Das Projekt war bereits zwei Mal verlängert worden und hatte bundesweit für viel Aufsehen gesorgt, aber auch für einige Kritik. So hatte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach einen Stopp solcher Versuche wie in Tübingen gefordert. "Sie geben das falsche Signal", schrieb Lauterbach auf Twitter. Das Tübinger Projekt zeige, dass unsystematisches Testen mit Öffnungsstrategien die schwere dritte Corona-Welle nicht aufhalten werde.

Zuletzt hatten sich auch Prominente aus der Kultur wie Jan Josef Liefers für eine Weiterführung ausgesprochen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. April 2021 um 13:00 Uhr.