Zahlreiche Menschen schlendern durch eine Fußgängerzone | dpa

"Mitte-Studie" Anlass zu Hoffnung und Sorge

Stand: 22.06.2021 16:27 Uhr

Rechtsextreme Einstellungen sind laut der neuen "Mitte-Studie" weniger verbreitet als vor zwei Jahren. Gleichzeitig lasse die klare Distanzierung von Antisemitismus und demokratiefeindlichen Einstellungen nach.

Von Carla Reveland, NDR

Die Ergebnisse der neuen "Mitte-Studie" geben sowohl Anlass zur Hoffnung als auch zur Sorge. Offen rechtsextreme Einstellungen sind demnach in der Mitte der Gesellschaft weniger verbreitet als noch vor zwei Jahren. Gleichzeitig lasse jedoch die klare Abgrenzung gegenüber demokratiegefährdenden Meinungen nach. So nehme die eindeutige Distanzierung von Antisemitismus ab. Auch in Bezug auf die Demokratie zeichnet sich laut der Studie ein Aufweichen eindeutig demokratischer Grundhaltungen ab.

"Aufgewachte Mitte"

Die Studie wurde von Forscherinnen und Forschern des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung durchgeführt. Der Rückgang rechtsextremer Einstellungen steht laut Studienautorin Beate Küpper nur scheinbar im Widerspruch zu dem Anstieg von offenen und gewalttätigen rechtsextremen Ausbrüchen. "Denn die Mitte ist aufgewacht." So geben rund 70 Prozent der Befragten an, dass der Rechtsextremismus die größte Bedrohung für die Gesellschaft sei, noch vor dem Klimawandel, sozialer Spaltung und der Coronapandemie.

Gleichzeitig sei zu beobachten, dass die "Schlierspuren des Rechtspopulismus" bis weit in die Mitte hinein reichten. Eine zunehmene Zahl der Befragten stimme selbst Aussagen, die hart rechtsextremistisch formuliert wurden, in Teilen zu. Dies deute auf eine zunehmende Anschlussfähigkeit eindeutig rechtsextremer Aussagen in der Mitte der Gesellschaft hin.

Die Mitte-Studien der Stiftung erscheinen seit 2006 alle zwei Jahre. Für die aktuelle Erhebung wurden 1750 deutsche Staatsbürger telefonisch zu ihrer Zustimmung zu bestimmten Aussagen hinsichtlich rechtsextremer und demokratiegefährdener Einstellungen befragt. Zum ersten Mal wurden auch Einstellungen im Zusammenhang mit dem Klimawandel abgefragt.

Klare Mehrheit sieht sich als Demokraten

Mit 72 Prozent sieht sich die große Mehrheit als überzeugte Demokraten, doch wächst der Anteil von Befragten, deren Antworten hinsichtlich der Demokratie ambivalent sind oder gar demokratiefeindliche Einstellungen teilen. Viele stimmen nicht eindeutig zu, lehnen die Aussagen aber auch nicht klar ab. So befürworten lediglich etwa 2,2 Prozent der Befragten eine rechtsgerichtete Diktatur, doch mehr als 15 Prozent befinden sich mit ihren Antworten in einem Graubereich zwischen Zustimmung und Ablehnung.

Die Aussage: "Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert" werde beispielsweise von 18,4 Prozent der Befragten für eher oder voll zutreffend bewertet, weitere 16,4 Prozent antworten mit "teils/teils".

Abwertende Meinungen weiterhin verbreitet

Auch wenn rechtsextreme Einstellungen insgesamt im Vergleich zu den Vorjahren rückläufig seien, bleibe die Mitte offen für antidemokratische Positionen. Abwertende Meinungen gegenüber "Fremden" oder sozial schwachen Gruppen seien weiterhin verbreitet. Rund ein Viertel der Bevölkerung zeigt sich eindeutig offen für Populismus. 13 Prozent der Befragten teilten deutlich rechtspopulistische Einstellungen, die sich nicht nur gegen "die Eliten" wendeten, sondern auch gegen "die Anderen".

In der Studie heißt es: "Populismus ist auch in Teilen der Mitte anschlussfähig und die Mitte kann bei auch dort schwelenden Ressentiments abgeholt werden." Besonders stark verbreitet seien populistische und rechtsextreme Einstellungen dort, wo die Anzahl der AfD-Anhängerinnen und Anhänger besonders hoch wäre. Auch sei die Billigung von Gewalt signifikant häufiger verbreitet bei Befragten, die sich selbst politisch rechts der Mitte verorten als unter Befragten, die sich politisch "genau in der Mitte" oder links davon sehen.

Der Sozialdarwinismus, also die biologistische Begründung von Ungleichwertigkeit, nimmt laut der Studie sogar seit 2014 kontinuierlich zu. So stimmen 7,3 Prozent der Befragten der Aussage zu: "Es gibt wertvolles und unwertes Leben", weitere 9,3 Prozent halten dies in Teilen für zutreffend.

"Nach einer Phase der Polarisierung und Radikalisierung am rechten Rand der Mitte verhärtet sich nun die Demokratiedistanz in Teilen der Mitte", erläutert Studienleiter Andreas Zick. "Daraus speist sich im schlimmsten Fall auch die Rechtfertigung von Bedrohung, Hass und Gewalt, wie die empirischen Ergebnisse noch einmal belegen".

"Aufweichung der Ächtung von Antisemitismus"

Im Vergleich zu den Vorjahren sinke die klare Ablehnung antisemitischer Einstellungen. "Die deutliche Ächtung des Antisemitismus weicht auf", sagt Co-Autorin der Studie Küpper von der Hochschule Niederrhein. 13 Prozent äußern eindeutigen israelbezogenen Antisemitismus, doch liegt der Anteil der Befragten, die dem in Teilen zustimmen mit 30 Prozent deutlich höher.

Auch Verschwörungsmythen fänden generell in der Bevölkerung großen Zuspruch. So glaube jeder Fünfte daran, dass Politiker nur Marionetten dahinterstehender Mächte seien. Auch Verschwörungslegenden zur Coronapandemie seien verbreitet. So seien 17 Prozent überzeugt davon, dass die Pandemie dafür genutzt werde Zwangsimpfungen einzuführen, weitere 8 Prozent stimmten dem "teils/teils" zu. In der Studie heißt es: "Wer an einen Verschwörungsmythos glaubt, glaubt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch an andere. Der Glaube an Verschwörungsmythen diverser Art geht dabei nicht selten Hand in Hand mit antisemitischen Narrativen".

Neben einem teilweisen Anstieg von Antisemitismus, habe auch die Wissenschaftsfeindlichkeit gegenüber Institutionen und Medien zugenommen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 22. Juni 2021 um 14:00 Uhr.