Theaterbühne
#mittendrin

Staatstheater Mainz Vorhang auf für den Tag X

Stand: 08.02.2021 13:31 Uhr

Seit 1. November ist das Staatstheater Mainz im Lockdown - wie andere Kultureinrichtungen auch. Was machen Tänzer und Sänger, wie bereiten sie sich auf den Tag vor, wenn der Vorhang wieder aufgeht?

Von Ute Spangenberger, SWR Mainz

Clarissa Messer sitzt am Schreibtisch und starrt auf den Monitor. Die Chefdisponentin am Staatstheater Mainz plant Aufführungen für die nächsten Monate, ohne zu wissen, wann der Lockdown endet. Sie zeigt auf den Bildschirm und erklärt: "Alles, was hier rot und durchgestrichen ist, ist schon ausgefallen. Wir hoffen jetzt, dass es vielleicht im April wieder losgeht. Mir ist es vor allem wichtig, eine Perspektive zu haben."

Ute Spangenberger

Vorbereitungen für Wiedereröffnung

Ständer mit paillettenverzierten Kostümen stehen auf den Gängen, auf den Bühnen wird geprobt, aus den Übungszimmern klingt Musik. Viele der 382 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, aber nicht mehr alle. Die Vorbereitungen laufen, damit es nach dem Lockdown schnell wieder losgehen kann.

Mezzosopranistin Verena Tönjes singt sich gerade warm. Sie streift sich schnell eine Maske über und erzählt, wie mühsam die Arbeit unter Corona-Bedingungen ist: "Zuletzt war ich in Berlin. Da mussten wir ganz streng sechs Meter Abstand einhalten. Das wurde dann manchmal in Liebesduetten regelrecht absurd. Aber hier in Rheinland-Pfalz, im professionellen Rahmen, dürfen wir ein bisschen näher kommen, bis zu drei Meter."

Schwieriges Arbeiten für Orchester

Hygienekonzepte, Abstände - welche Werke haben auf dem Spielplan überhaupt Sinn? Anneliese Schürer aus der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit gibt ein Beispiel aus dem Bereich Orchester: "Die Bläser müssen die drei Meter Abstand halten, die Streicher anderthalb. Darum müssen sie noch einmal ganz anders in den Raum und zum Nachbarn hören oder einen anderen Kontakt zum Dirigenten aufnehmen. Das kann ein lehrreicher Prozess sein. Aber es bedeutet trotzdem auch einen Verlust, weil viele wunderschöne Werke nicht aufführbar sind. Die ganzen großen Sinfonien - Strauß, Bruckner, Mahler - das sind alles Werke, die nicht funktionieren, wenn man sie im Original spielen möchte."

Sendungsbild

Disziplin ist beim Tanzensemble gefragt - manche Stücke können sie ohne Nähe gar nicht aufführen.

Tests für Tänzer

Die Pandemie bestimmt die Arbeit, gerade in der Sparte "Tanz". Honne Dohrmann, der Tanzdirektor des Staatstheaters, erklärt: "Wir müssen besonders aufeinander achten. Wir testen die Kompanie regelmäßig. Von den Tänzerinnen und Tänzern wird sehr große Disziplin verlangt, im Umgang miteinander, aber auch vor allem im Umgang mit anderen." Er spricht von der "social bubble", der sozialen Blase, in der sich die Künstler befänden. Hinter Dohrmann wirbeln Tänzer durch den verglasten Übungsraum. Tanzen ohne Nähe ist schwierig. Die Choreografin Rosalba Torres Guerero sagt: "Es gibt Stücke, die könnten wir momentan gar nicht aufführen."

Finanzierung der Theater

Trotz Schwierigkeiten sind alle hier froh, dass sie überhaupt noch Arbeit haben. Anders als viele Kultureinrichtungen in der freien Szene ist das Staatstheater nicht existenziell bedroht. Das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Mainz sind die finanziellen Träger, die eigenen Einnahmen, erklärt das Theater, hätten in den vergangenen drei Jahren durchschnittlich bei 13 Prozent gelegen.

Intendant Markus Müller ist zuversichtlich: "Das Haus ist im Bestand akut nicht gefährdet. In der freien Szene dagegen wird es sehr schnell existenzgefährdend. Das könnte bei uns dann höchstens zeitverzögert eintreten, wenn die öffentliche Hand irgendwann im Bereich der freiwilligen Aufgaben nicht mehr in der Lage ist, die Kultureinrichtungen zu finanzieren."

Marc Grandmontagne, der geschäftsführende Direktor des Deutschen Bühnenvereins, warnt vor voreiligen Kahlschlagdiskussionen: "Besonders schwierig wird die Situation aber voraussichtlich bei den Kommunen im Bereich der sogenannten freiwilligen Leistungen, zu denen auch die Kultur gehört. Hier steht ein relativ kleiner finanzieller Einsatz einem großen Anspruch, Daseinsfürsorge mit gesellschaftlichem Mehrwert zu sein, gegenüber."

Mit Einsparungen im Kulturbereich sei noch kein Haushalt saniert worden, sagt Grandmontagne. "Aber natürlich müssen die durch die Pandemie entstehenden Lasten solidarisch verteilt werden. Bei den hohen Ausgaben zur Bewältigung der Corona-Folgen wird unweigerlich zu harten Debatten kommen. In einigen Kommunen wurden ja bereits Haushaltskürzungen angekündigt, die auch den Kulturetat betreffen."

Sendungsbild

Die Macher hoffen, wieder vor Publikum zu spielen und auch insgesamt alte Freiheiten wiederzugewinnen.

Warten auf das Publikum

Am Staatstheater in Mainz warten alle darauf, dass es endlich wieder los geht. Generalmusikdirektor Hermann Bäumer sagt: "Es fehlt an allen Ecken und Enden das Publikum. Unsere Kunst ist für Menschen gemacht." Anneliese Schürer von der Öffentlichkeitsarbeit freut sich auf die Zeit, wenn Werke wieder allein aus künstlerischen Gründen auf den Spielplan gesetzt werden können. Vieles gehe momentan nicht, groß besetzte Choropern etwa: "Wir hatten in der letzten Spielzeit etwa 'Boris Godunow' von Modest Mussorgski gespielt. Da ist der Chor das russische Volk, das geht derzeit nicht. Diese Freiheit zurückzubekommen, darauf freuen wir uns auf jeden Fall."

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 08. Februar 2021 um 22:15 Uhr.